Wim Wenders wartet die Frage gar nicht ab, ob er ein Smartphone benutzt. Er zieht sein iPhone aus der Hosentasche, macht ein Foto von uns und versenkt das Ding gleich wieder in der Hosentasche. Doch vor dem Digitalen gab es für den Filmemacher mit der großen dunklen Brille noch andere Zeiten. Bei C/O Berlin zeigt er nun seine „Sofort Bilder“, wie er die Polaroids nennt. Seine analoge Phase zog sich immerhin von den späten Sechzigern bis in die frühen Achtzigerjahre. Damals fing er mit dem Filmemachen an, da funktionierten die Polaroids wie eine Art Still als Vorarbeit zum Film, einfach auch, um Szenen zu memorieren. Da gibt es gleich am Anfang dieses Bild „Sydney“ mit den schwebenden Brillengläsern vor einer Stadtlandschaft. Sie bilden quasi den Bilderrahmen für Wenders Blick auf die Welt. So wie auch die Kamera.

Das waren noch andere Zigaretten-Zeiten: Wim Wenders fotografierte „Dead man smoking“ 1977 in Los Angeles
Das waren noch andere Zigaretten-Zeiten: Wim Wenders fotografierte „Dead man smoking“ 1977 in Los Angeles© BM | Wim Wenders Foundation

Diese Polaroids sind mehr, künstlerisches Skizzenbuch und Tagebuch in einem, wie man gut in der Ausstellung sehen kann: Landschaften, Filmsets, Orte, Reisen Dinge – vieles, sehr vieles hielt er fest. Und ja, Freunde, Bekannte sind auch dabei: Peter Handke (sein Lebensmensch), Dennis Hopper, Annie Leibovitz. Am Ende ist es ein ganzes Stück eigenes Leben, sein „Sofortbilderwunderland“, das Wim Wenders relativ chronologisch vor uns ausbreitet.

Am Anfang steht 1970 die Entdeckung Amerikas – in New York fängt sie an. Manhattan im Regen, im nächtlichen Scheinwerferlicht, gelbe Taxis, das Empire-State-Building als Sehnsuchtssymbol, der leicht melancholische Blick aus den Fenstern der winzigen, trostlosen Hotelzimmer. Wir reisen gerne mit zurück in ein New York, das es nicht mehr gibt. Und: Das tolle Polaroid-Gefühl ist wieder da. Damals, als wir Fotos voneinander machten. Wir wedelten mit den ausgedruckten Fotos, bis sie sich schemenhaft entwickelten. Das war Spaß. Der Überraschungsmoment. Ist das Bild überbelichtet, oder wie sehe ich aus?

Das war auch bei Wenders nicht anders: „Man hielt es in der Hand, das kleine Ding. Das war ein Ritual“, erzählt er. „Und überlegte sich genau, was man aufnehmen wollte!“ Schließlich gab es nur zehn Fotos in der Box, und die waren nicht ganz billig. Anders als beim Filmemachen ist der Regisseur beim Fotografieren bei sich: „Ich bin alleine, da bewegen sich nicht 1000 Menschen um mich herum, die irgendetwas sagen und wollen.“ Nicht zu vergessen, meint er, waren Polaroids Unikate, geradezu Objekte.

Andy Warhol lässt grüßen: Die legendären Campbell- Suppendosen, New Yorl, 1972
Andy Warhol lässt grüßen: Die legendären Campbell- Suppendosen, New Yorl, 1972© BM | Wim Wenders Foundation

3000 Sofortbilder kamen in all diesen Jahren bei Wim Wenders zusammen, 240 davon hat der Meister für das Berliner Ausstellungshaus ausgesucht. Den umfangreichen Bildband ergänzte er durch poetische Geschichtchen. Trotz zahlreicher Anfragen andernorts gehen die Bilder nach Ausstellungsende zurück in die konservatorische Dunkelheit. Jede Stunde Lux mehr geht an die Farbsubstanz. Die Bilder sind Teil der 2012 gegründeten Wim Wenders Stiftung, zu der 40 Filmproduktion bis zur Tanzdokumentation „Pina“ zählen. Bis jetzt wurden Hunderte Fotos, darunter die Polaroids archiviert, digitalisiert. An vielen hat das Licht gearbeitet. Wenders arbeitet intensiv daran, sein Œuvre zu strukturieren. Wie es oft so ist, Wenders hat die Polaroids über die Jahre in Zigarrenschachteln wo auch immer abgelegt. An manches erinnerte er sich, an anderes nicht.

Die Brille setzt den Rahmen: Die Aufnahme aus Sydney stammt aus den 80er-Jahren
Die Brille setzt den Rahmen: Die Aufnahme aus Sydney stammt aus den 80er-Jahren© BM | Wim wenders Foundation

Schade ist, dass sich Wenders dafür entschieden hat, die Polaroids in Rahmen zu stecken samt Passepartout. Das wirkt an der Wand wie eine brave visuelle „Zähmung“, passt einfach nicht zum authentischen, objekthaften Charakter der Sofortbilder. Somit verschwinden auch einige Notizen. In Vorbereitung zu seinem Film „Im Laufe der Zeit“ fotografierte er an der Elbe entlang der deutsch-deutschen Grenze Mitte der 70er-Jahre alte Filmtheater. Die Namen der Orte sind nun nicht mehr zu identifizieren. An vielen Polaroids ist unschwer zu erkennen, dass ein Maler in Wenders steckt. Es gibt romantische Landschaften, wo Himmel und Wüste ineinander verschmelzen wie in einem Aquarell. Als bildender Künstler hat Wenders überhaupt angefangen. Dass es anders kam, ist seinem Freund Peter Handke zu verdanken, der ihm zutraute damals seinen Roman „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ zu verfilmen. Handke kaufte damals sogar ein Bild von ihm – aus Barmherzigkeit, wie Wenders vermutet. Aber das ist eine andere Geschichte.

C/O Berlin, Hardenbergstraße 22–24. Tgl. 11–20 Uhr. Bis 23. 9. Fotoband: 49,80 Euro