Heute fällt der letzte Vorhang in den Ku’damm-Bühnen. Dann wird gepackt, schon Dienstag ziehen die Bühnen in ihr Ausweichquartier ins Schiller-Theater, während das alte Domizil komplett umgebaut wird. Am letzten Abend wird noch einmal Katharina Thalbachs „Der Raub der Sabinerinnen“ gezeigt, der seit Montag läuft. Und jeder, der in den letzten Vorstellungen saß, hat einen Kloß im Hals. Die Thalbach dreht eigentlich gerade in Köln. Aber dem Ruf, die Ära der Ku’damm-Bühnen zu beschließen, musste sie folgen. Wir haben die Ur-Berliner Regisseurin und Schauspielerin in den Traditionsbühnen, wo schon überall Trübsal herrscht, getroffen.

Frau Thalbach, der letzte Vorhang in den, wie man jetzt schon sagen muss, alten Ku’damm-Bühnen gebührt Ihren. Wie fühlt man sich da?D

Katharina Thalbach: Wenn ich jetzt durchs Foyer laufe, blutet mir das Herz. Aber ich habe in meinem Leben schon viele Abschiede mitgemacht. Von Menschen. Von Theatern. Von einem Staat. Es tut immer weh. Aber so ist das Leben. Wie man sich fühlt? Ich fang mal mit dem Positiven an: „Der Raub der Sabinerinnen“ wird weiter gespielt. Die Bühnen werden auch nicht sterben, sie gehen erst mal ans Schiller Theater, mit großen Plänen. Und dann wird ja ein neues Theater gebaut. Davor habe ich aber große Angst. Schreckliche Vorstellung, in einem Keller spielen zu müssen. umzingelt von einem Shopping Center.

Da hat es sich schon mit dem Positiven?

Das Schlimmste, was ich empfinde, ist Scham. Ich schäme mich für meine Stadt. Sie schafft, was der Zweite Weltkrieg nicht geschafft hat: zwei Bühnen mit einer so langen Tradition, hinter denen ein Max Reinhardt gestanden hat, zu zerstören. Zwei intakte, schöne Bühnen. Dass das einfach dem schönen Mammon geopfert wird, dass man nicht versucht hat, das Haus zu retten, dafür schäme ich mich zu Tode. Ich meine, der Flughafen kostet jeden Tag eine Million, was ja jetzt schon der Lacher der Welt ist. Wie viele Theater könnte man davon finanzieren, gar nicht zu reden von anderen Institutionen, Krankenhäusern und Schulen. Da regt sich keine Sau auf. Aber die Ku’damm-Bühnen, die werden abgerissen. Ich finde die jungen Menschen, die jetzt Häuser besetzen, großartig, ich hoffe, sie tun das weiterhin. Es ist ein Unding, dass der Kapitalismus auf so pure Art durchgreifen kann. Ich wiederhole mich, aber das finde ich beschämend sondergleichen.

„Der Raub der Sabinerinnen“ mit Katharina Thalbach (r.) und ihrer Tochter Anna Thalbach
„Der Raub der Sabinerinnen“ mit Katharina Thalbach (r.) und ihrer Tochter Anna Thalbach © picture alliance / dpa

Bei Dernièren eines Stückes gibt es immer besondere Witze seitens der Darsteller. Wie ist das bei der Dernière eines Hauses? Planen Sie da auch so etwas?

Nein. Ich bin kein Freund davon. Jedes Publikum hat Anspruch auf dieselbe Darbietung. Und es ist ja nur eine Dernière für diesen Saal. Die Gebäude werden abgerissen, aber wir werden weiter spielen. Und kriegen das große Haus an der Bismarckstraße.

Sie gehörten zum Ensemble des Schiller Theaters, als das 1993 geschlossen wurde. Und sind im Zorn gegangen. Werden Sie künftig auch da auftreten?

Das hat mich damals wahnsinnig erzürnt. Und ich habe auch, aus sehr gefühlsduseligen Dingen, gezögert, als Martin Wölffer mich gefragt hat. Aber dann dachte ich mir: Nee, jetzt erst recht. Deshalb werde ich dort auch damit anfangen, womit ich damals aufgehört habe: mit dem Stück „Hase, Hase.“ Jetzt freue ich mich darauf. Ich war ja auch zwischendurch wieder dort. Als das Maxim Gorki Theater saniert wurde, sind wir auch dahin ausgewichen. Da war das Schiller Theater allerdings gänzlich preisgegeben und leergeplündert, das war traurigst. Erst für das Ausweichquartier für die Staatsoper hat man es für Millionen saniert.

Als das Schillertheater 1993 geschlossen wurde, war das ein Skandalon. Sehen Sie Parallelen zu den Ku’damm-Bühnen jetzt?

Das Schiller Theater war noch eine Nummer schlimmer. Das war ja ein Staatstheater, und die hohe Politik hat in der Panik nach der Wende gemeint, ein Theater müsse schließen. Die schönen alten Häuser konnte man nicht dicht machen, beim Osten hat man sich nicht getraut, denen auch noch ein Theater wegzunehmen. Da musste auch mal der Westen ein Opfer bringen. Es hat sich ja längst rausgestellt, dass damit gar nichts gespart wurde. Momin...

... der damalige Kultursenator Ulrich Roloff-Momin...

... hat ja später selbst eingestanden, dass sei einer ihrer größten Fehler gewesen. Wenigstens hat er das gesagt. Hier ist die Situation anders: Es ist ja ein Privattheater. Und eins, das dem Eigentümer – bei den vielen Verkäufen muss man sagen: dem jeweiligen Eigentümer gehört. Denen geht es nur um die müde Mark. Was aber so in etwa das Gleiche ist: Die Stadt gibt einem als Künstler das Gefühl, man ist nichts wert.

Haben Sie noch Vertrauen in die Berliner Kulturpolitik?

Plakativ packen Intendant Martin Wölffer (r.) und Stars wie Hugo Egon Balder, Jochen Busse und Katharina Thalbach schon mal Umzugskartons für die neue Adresse
Plakativ packen Intendant Martin Wölffer (r.) und Stars wie Hugo Egon Balder, Jochen Busse und Katharina Thalbach schon mal Umzugskartons für die neue Adresse © picture alliance / Geisler-Fotop | Frederic Kern/Geisler-Fotopress

Mein Vertrauen in die Politik ist nicht allzu groß. Man muss ja nur schauen, was mit der Volksbühne passiert ist. Ich sage gar nichts dagegen, dass mal frisches Blut in ein Haus kommt. Intendanten müssen auch mal gehen. Aber dass man generell und ratzfatz ein Ensemble abschafft! Ich bin nicht sehr optimistisch, ob das wieder herzustellen ist. Von diesem Herrn, der vor Klaus Lederer Kulturpolitik machte, möchte ich gar nicht erst reden. Das war schon eine faule Nummer. Bei den Ku’­dammbüh­nen ging das ja so weit, dass es nicht mal ein Ersatztheater hätte geben sollen. Das wenigstens ist ja zustande gekommen. Und dass das Theater zurückkehrt an die alte Adresse. Hoffentlich dann nicht ganz versteckt unter einem Edeka-Geschäft! Aber was Politiker sich dabei denken, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Das Unheil fing ja schon in den 60er-Jahren an, als man es unterließ, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Man munkelt, dass das durch fette Schmiergelder zustande kam. Das ist für mich die größte Schweinerei: So ein Haus gehört unter Denkmalschutz. Aber dann hätten sie es halt nur schwer wieder verkaufen können.

Schillertheater, Volksbühne, Kudammbühnen. Ist Berlin eigentlich noch eine Theaterstadt?

Ach wissen Sie, ich bin eigentlich gern stolz auf meine Stadt. Und ich finde, sie hat auch sehr viel zu bieten. In dieser Stadt ist so viel entstanden durch Theater. Und dafür gibt es auch immer noch ein Publikum. Ich hoffe schon, dass Berlin noch eine Theaterstadt ist. Dafür liebe ich Theater viel zu sehr. Deshalb muss ich einfach daran glauben.

Wie stark sind Sie mit den Ku’damm-Bühnen verbunden?

Die Thalbach (Mi.)  1991 bei der Uraufführung von Reiner Groß das Stück "Nördliche Stadt" im Schiller Theater
Die Thalbach (Mi.) 1991 bei der Uraufführung von Reiner Groß das Stück "Nördliche Stadt" im Schiller Theater © picture alliance / ZB | Klaus Franke

Nach der Schließung des Schiller Theaters bin ich erst mal ganz weg von Berlin. Und habe in Hamburg gespielt und auch gewohnt. Dann hat mich das Maxim Gorki Theater zurückgeholt. „Der Hauptmann von Köpenick“ hat mich auf schöne Weise nach Berlin zurückgebracht. Die Ku’damm-Bühnen haben sich aber auch von Anfang an sehr um mich bemüht. Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar. Es hat sich dann aber erst 2005 ergeben, dass ich hier gearbeitet habe. Und da fing die Sauerei ja gleich an, seither hing das Damoklesschwert über dem Haus, damals mit dem Verkauf an die Deutsche Bank. Ich kenne das hier gar nicht anders. Damals haben wir noch den Ku'damm gesperrt und Reden geschwungen. Das war der erste große Aufschrei. Das versickerte dann etwas, weil das Haus ja immer weiter verkauft wurde. Man wusste manchmal gar nicht, wem es gerade gehörte.

Werden Sie jetzt solidarisch an den Ku'damm-Bühnen weitermachen?

Ich werde auf jeden Fall jedes Jahr eine Produktion machen. Das Wichtigste ist halt: Die Leute müssen kommen. Das Schiller ist eben kein Boulevardtheater, da flaniert man nicht einfach dran vorbei wie am Ku'damm und überlegt spontan, abends ins Theater zu gehen.

Und wie wird die ferne Zukunft, zurück am Kudamm?

Das wird man sehen müssen. Der Kudamm war mal ’ne Institution. Irgendwo hat man abends immer Unterhaltung gefunden. Aber wie viele Kinos wurden hier dicht gemacht, damit noch ein Bekleidungsgeschäft herkommt? Es hat jetzt schon nicht mehr den Schwung von früher. Wir sehen hier überall dieselben Filialen wie in jeder Großstadt. Die Globalisierung funktioniert.

Darf man zur Dernière Toi Toi Toi sagen?

Es ist ja keine Dernière. Wir spielen ja weiter. Nur nicht mehr in diesen Räumlichkeiten. Deshalb kann man eigentlich nur eins sagen: Good Bye.

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