Das Ende einer Ära

Die goldenen Zeiten der Kudamm-Bühnen - und ihr Ende

Als die dritte Generation übernahm, waren die goldenen Zeiten für die Kudamm-Bühnen vorbei - kurz vor ihrem 100. Geburtstag.

Christoph Maria Herbst, Michael Kessler, Jürgen Tonkel und Bastian Pastewka (v.l.) 2005 in „Männerhort“ im Theater am Kurfürstendamm

Christoph Maria Herbst, Michael Kessler, Jürgen Tonkel und Bastian Pastewka (v.l.) 2005 in „Männerhort“ im Theater am Kurfürstendamm

Foto: ZB/dpa/PA/ Soeren Stache

Es fehlen nur ein paar Jahre, dann hätten die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm den 100. Geburtstag noch erlebt. Weil in Berlin aber die Wünsche von Investoren scheinbar höher bewertet werden als geschichtsträchtige Kultureinrichtungen, man denke nur an die vielen nicht mehr existierenden Großkinos rund um die Gedächtniskirche, werden auch die beiden von Oskar Kaufmann entworfenen und von Max Reinhardt bespielten Kudammbühnen im Zuge der Umgestaltung des Kudamm-Karrees abgerissen. Am Sonntag findet die letzte Vorstellung statt. Im zweiten Teil unserer Serie blicken wir zurück auf die Geschichte der Häuser nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart.

Als „rüdesten Vandalismus“ bezeichnete der Dramatiker Rolf Hochhuth, dessen Stück „Der Stellvertreter“ am 20. Februar 1963 im Theater am Kurfürstendamm, seinerzeit Spielstätte der Freien Volksbühne, den Abriss der beiden Boulevardtheater am Kurfürstendamm. Er verglich diesen barbarischen Akt in einem Brandbrief, den die „FAZ“ Ende April veröffentlichte, mit der Bücherverbrennung durch die National­sozialisten im Jahr 1933 und der Sprengung des Stadtschlosses durch DDR-Staatschef Walter Ulbricht im Jahr 1950.

Eine Luftbrücke für „My Fair Lady“

1947 wurde das Theater am Kurfürstendamm mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ wieder eröffnet. Bereits ein Jahr vorher nahm die Komödie mit Schillers „Kabale und Liebe“ ihren Spielbetrieb auf, das Gestühl im Zuschauerraum stammte aus anderen, ausgebombten Theatern. Hans Wölffer, dessen Kudammbühnen von den Nazis verstaatlicht worden waren, kehrte 1950 an die Komödie zurück. Er holte Publikumslieblinge wie Rudolf Platte und Curt Goetz ans Haus – ein Konzept, das die nächsten Jahrzehnte Bestand und Erfolg haben sollte.

Seinen wohl größten Coup feierte Hans Wölffer in den frühen 60er-Jahren am benachbarten, von ihm nach dem Auszug der Städtischen Oper gemieteten Theater des Westens mit der europäischen Erstaufführung von „My Fair Lady“: Nahezu zwei Jahre lief das Musical en suite, und das, obwohl während der Proben die Mauer gebaut und die Stadt geteilt wurde. Um Publikum aus Westdeutschland zu bekommen, wurde eine Art Luftbrücke eingerichtet: Als Paket gab es den Flug nach Berlin mit der PanAm, eine Übernachtung im Hilton und eine Theaterkarte. Tourneetheater mal andersherum.

Mit dem Auszug der Freien Volksbühne, die nach dem teilungsbedingten Verlust ihrer Spielstätte am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz in einen Neubau an der Schaperstraße zog, übernahmen die Wölffers erneut das Theater am Kurfürstendamm. Jürgen und Christian, Söhne von Hans, wurden 1965 Mitgesellschafter, Jürgen trat 1966 auch in die Direktion ein.

Anfang der 70er-Jahre gab es die entscheidende bauliche Veränderung: Mit der Errichtung des Kudamm-Karrees wurden die Bühnen von einem modernen Gebäude umschlossen – und zum Spielball von Investoren.

Auswirkungen auf das Geschäft hatte das zu diesem Zeitpunkt noch keine, Stars wie Harald Juhnke, Günter Pfitzmann, Inge Meysel, Curd Jürgens oder Anita Kupsch, die viele Menschen nur aus dem Fernsehen oder von der Kinoleinwand kannten, sorgten für volle Säle. Und die zur besten Sendezeit ausgestrahlten TV-Aufzeichnungen vieler Aufführungen für einen zusätzlichen Popularitätsschub.

1976 starb Hans Wölffer, Jürgen wurde alleiniger Geschäftsführer. Die nächste Generation trat in den 90er-Jahren auf den Plan. Martin Woelffer, der die Schreibweise des Familiennamens aus der Besatzungszeit übernahm – die von den Alliierten benutzte Schreibmaschine hatte keine Umlaute –, eröffnete mit dem „Magazin“ eine eigene kleine Bühne. 1997 übernahm Martin gemeinsam mit Folke Braband die künstlerische Leitung der Komödie, 2004 übergab Jürgen dann auch die Geschäfte an seinen Sohn Martin.

Für acht Millionen DM wurde der Denkmalschutz verkauft

Da waren die goldenen Zeiten vorbei. Das West-Berliner Publikum hatte längst die Theater im Osten entdeckt, im Fernsehen liefen andere Formate, und die Alt-Stars zogen nicht mehr so wie früher. Martin Woelffer versuchte eine Modernisierung und Verjüngung, setzte auf neue Ästhetiken. Er engagierte Comedians wie Bastian Pastewka oder Christoph Maria Herbst und deckte die andere Seite des Spektrums mit Katharina Thalbach ab, die auch mal einen Shakespeare inszenierte.

Das Kudamm-Karree war ein begehrtes Objekt geworden, durch die Finanzkrise wechselten die Besitzer. Immer wieder sorgten Schlagzeilen von einem baldigen Abriss der Bühnen für Rückschläge. Denn die Theater standen nicht unter Denkmalschutz. Das zuständige Amt hatte das abgelehnt, weil die Häuser im Krieg beschädigt und danach verändert worden waren. Einer, der diese Meinung nicht teilt, ist Dietrich Worbs. Aus Sicht des langjährigen Mitarbeiters des Landesdenkmalamtes ist „die Raumform, die Architekt Oskar Kaufmann erfand, erhalten geblieben“, wie Worbs kürzlich gegenüber der „Berliner Zeitung“ sagte. Komödie und Theater am Kurfürstendamm seien „ranglose Saaltheater mit einem Kranz aus Logen, diese Bauform ist einmalig, so etwas gibt es weder in Berlin noch sonst wo“. Letztlich habe sich das Land Berlin für acht Millionen Mark den Denkmalschutz abkaufen lassen, sagte die ehemalige Grünen-Kulturpolitikerin Alice Ströver, die die entsprechenden Akten eingesehen hat, auf Anfrage. Der Wert der Immobilie ist dadurch gestiegen. Und Berlin um zwei geschichtsträchtige Theater ärmer.