Film

Der letzte Cowboy nimmt seinen Hut

„Lucky“ ist ein lakonischer Film über das Altern, aber vor allem ein langer Abschied des großen Charaktermimen Harry Dean Stanton.

Schleppt sich täglich tapfer durch sein Leben: Harry Dean Stanton als Lucky

Schleppt sich täglich tapfer durch sein Leben: Harry Dean Stanton als Lucky

Foto: Alamode Film

Von Peter Zander

Vielleicht ist das ja schon das Jenseits. Jeden Morgen betrachtet sich der 90-jährige Lucky im Spiegel, alt, welk, ausgemergelt inspiziert er Falte um Falte, macht dann Morgengymnastik in Unterwäsche, nimmt das immergleiche Frühstück in einem Diner, vertreibt sich den Tag mit Rätseln und TV-Shows, bis er sich abends in eine Bar voller Typen schleppt, die alle nicht gar so alt, aber fast schon so eigen wie er sind. Womöglich, die Ahnung beschleicht einen beim Zuschauen dieses fast meditativen Films, hat der alte Mann nur seinen eigenen Abgang verschlafen und der ewige Stillstand ist schon die Ewigkeit.

Aber dann fällt Lucky eines Morgens um. Der Arzt kann nichts feststellen, es ist Altersschwäche, so die Diagnose. Lucky bestreitet seinen Alltag wie zuvor, latscht weiter in Unterwäsche durchs Haus, bevor er sich, mit Mühe und Stolz, die Stiefel an- und den Cowboyhut aufzieht und sich mit gebeugtem Gang als letzter Cowboy durch die wüste Einöde seines Kaffs schleppt. Er wird weiter rauchen wie ein Schlot, selbst in der Bar, wo es nicht erlaubt ist. Aber jeder Gang könnte plötzlich der letzte sein.

Lucky“ ist ein Film übers Alter, und das ist etwas, was man gerade im amerikanischen Kino nicht oft zu sehen bekommt. Und es ist der große Abschied von Harry Dean Stanton, der schon ahnte, dass dies sein letzter Auftritt sein könnte und dann im September mit 91 Jahren gestorben ist. 64 Jahre lang hat er in über 200 Produktionen mitgewirkt. Sein Aussehen war immer zu kantig, zu ledrig für die Heldenparts. Aber als New Hollywood andere Visagen zeigte und Männer mit Ecken und Kanten plötzlich angesagt waren, da wurde auch er sowas wie ein Star und ein Gesicht dieses New Hollywood. Ob in Ridley Scotts „Alien“, John Carpenters „Klapperschlange” oder Alex Cox’ „Repo Man”. Nur zwei Mal aber hat er die Hauptrolle gespielt. 1984 in Wim Wenders’ „Paris, Texas“, wo sein ausgebranntes Gesicht schon einmal zum Synonym amerikanischer Weite und Wüste wurde. Und nun in „Lucky“, noch ein Wüstenfilm, in dem Rolle und Persona nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Ein Film der Freundschaft: Logan Sparks, ein langjähriger Kumpel, hat das Drehbuch geschrieben, als „Liebesbrief“ an Stanton. Und der hat seinen Körper und seine Seele ohne jede Scheu entblößt. John Carroll Lynch, selbst ein Schauspieler, der mit „Fargo“ von den Coens bekannt wurde, gibt hier sein spätes Regiedebüt und lässt viele Weggefährten von Stanton auftreten, als Freaks in der Bar, wie Tom Skerritt oder David Lynch (mit dem der Regisseur nicht verwandt ist).

In David Lynchs Filmen war Stanton oft dabei, auch in der Neuauflage der „Twin Peaks“-Serie. Aber sein großer Abschied, sein Solo, das ist „Lucky“. Ein Film als einziger Abgang, der dabei doch auf staubtrockene Art hochkomisch ist.

Die Kamera begleitet diesen skurrilen, eigenbrötlerischen Kauz auf seinem langen, staubigen Weg. Einige liebevolle Nachbarn tun es auch. Und dann ist da noch die Schildkröte, die David Lynch ausbüxt, worüber dieser viele Tränen verdrückt, und die Lucky zuletzt in der Wüste begegnet. Lucky und die Echse, zwei reptilienartige Wesen in einer schroffen, abweisenden Natur, die einfach nicht gehen wollen. Im Kino, das versprechen diese letzten Bilder, wird Stanton immer weiter leben.

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