Academy Award

90. Oscar-Verleihung: Ein Jetski sticht die Preise aus

Die Filmwelt von Hollywood war so politisch bei den Golden Globes. Nichts davon aber ist bei der eigenen Veranstaltung zu erleben.

Ein Jetski für die kürzeste Dankesrede geht an den Kostümdesigner Mark Bridges. Helen Mirren überreichte den Preis, ist aber nicht inbegriffen

Ein Jetski für die kürzeste Dankesrede geht an den Kostümdesigner Mark Bridges. Helen Mirren überreichte den Preis, ist aber nicht inbegriffen

Foto: Chris Pizzello / dpa

Ganz kurz ist ein Dankeschön auf Deutsch zu hören. Als in der Kategorie Visuelle Effekte „Blade Runner 2049“ gewinnt, kommen gleich vier Männer auf die Bühne, alle stellvertretend für ein ganzes Team. Und als Letztes darf, die Zeit ist kurz, Gerd Nefzer ans Mikro.

Der 52-Jährige entwickelt seit 30 Jahren in Potsdam brennende Häuser und explodierende Au­tos, nicht am Computer, sondern real. Bei „2049“ war er aber vor allem als „Wettermacher“ zuständig für den Dauer-Regen, der den Science-Film bestimmt. Dass die Deutschen Spezialisten für schlechtes Wetter sind, ist eine kleine Pointe, bei der man hierzulande nur nicken kann. Aber es ist auch Balsam.

Anderthalb Trophäen für Deutschland

Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ist ja im Rennen um den Besten Nicht-Englischsprachigen Film vorzeitig ausgeschieden. Die deutschen Kandidaten der Kategorien Kurzfilm und Animationskurzfilm sind zu dem Zeitpunkt auch schon unterlegen. Mit Nefzer darf sich Deutschland aber doch über eine Trophäe freuen. Und dann kommt überraschend noch eine zweite, zumindest halbe hinzu. Verkehrte Welt: Maren Ades Produktionsfirma Komplizen Film ging ja letztes Jahr mit „Toni Erdmann“ beim Auslands-Oscar leer aus.

Doch nun sticht das chilenische Drama „Eine fantastische Frau“ den schwedischen Favoriten „The Square“ aus. Und da Sebastian Llelio eine Weile in Berlin gelebt hat, fand er hier auch seine Ko­produzenten. Die deutsche Oscar-Party in Hollywood fällt entsprechend ausgelassener aus als im Vorjahr, und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und Kulturstaatsministerin Monika Grütters gratulieren und interpretieren das als „Ausrufezeichen“ für den Filmstandort Berlin-Brandenburg.

Hollywoods Filmakademie, die die Oscars verleiht, kann sich da weniger freuen. Zunächst die gute Nachricht: Diesmal wurde kein Umschlag vertauscht. Der Riesenpatzer vom Vorjahr, wo ausgerechnet in der Hauptkategorie erst mal ein falscher Sieger genannt wurde, wurde durch eine neue Kontrollinstanz ausgeschlossen. Und es durften auch noch mal die Veteranen vom Vorjahr, Faye Dunaway und Warren Beatty, den Besten Film küren. Letztes Jahr standen sie da wie senile Greise, die nicht wissen, was sie tun, dabei konnten sie wirklich nichts dafür.

Aber nun die traurige Nachricht: Bei den Golden Globes gab sich Hollywood politisch und kämpferisch. Hier wie auch bei den Britischen Filmpreisen BAFTA kam die Filmindustrie geschlossen in Schwarz und setzte so ein Zeichen gegen Sexismus, Missbrauch und Benachteiligung. Und man nutzte nicht nur die Dankesreden, sondern auch schon die Präsentation, um klare Worte gegen Harvey Weinstein und andere schwarze Schafe der Branche zu finden. Aber bei den Globes und den BAFTAs ist man halt nur Gast, da kann man sich mehr Freiheiten erlauben.

Bei der eigenen Oscar-Zeremonie dagegen macht die Branche Business as usual und feiert sich selbst. Wie selbstverständlich kommt man wieder in Bunt. Auf ganz ausgefallene Roben verzichtet man zwar, aber man zeigt doch auch wieder lasziv Haut und Bein. Und dann hat nicht nur Jimmy Kimmel als Moderator sichtlich Kreide gefressen, auch die Stars halten sich mit Botschaften sichtlich zurück.

Das Schlimmste aber: Um die Dankesreden kurz zu halten, spielt dieses Jahr nicht das Orchester auf, stattdessen wird gleich zu Beginn ein knallgrüner Jetski aufgefahren, im Wert von 17.999 Doller, der Name der Herstellungsfirma ist gut lesbar.

Vergessen sind die klaren Worte wie beim Golden Globe

Den Jetski erhält, wessen Rede am kürzesten ist. Das soll witzig sein, ist aber nicht nur ein Luxusproblem (wer, außer Snobs, braucht das? Und die können sich das sowieso leisten!), sondern ein Kotau der Filmblase vor dem Kapitalismus. Man kann nur hoffen, dass der Hersteller einen Großteil der Gala-Kosten übernommen hat. Welcher Film am Ende den Hauptpreis gewinnt, ist da fast egal. Als letzter Preisträger wird der Kostümdesigner Mark Bridges eingefahren – auf seinem Jetski.

Hollywood gibt ein trauriges, ernüchterndes Bild im Jahr von #MeToo. Ein bisschen wagt man bei den Nebenpreisen, wenn der beste Auslands-Film ein Transgender-Drama ist, wenn das beste adaptierte Drehbuch an einen Schwulen und das beste Original-Drama an einen Schwarzen geht. Seht, zeigt die Akademie, wir sind so bunt, so vielfältig, so liberal.

Die Hauptpreise fallen dagegen recht erwartbar und fast identisch mit den Globes aus. Gary Oldman wird bester Schauspieler, Frances McDormand beste Schauspielerin. Die nutzt immerhin den Preis als Einzige für eine flammende, feministische Rede. Bester Film wird aber doch das Filmmärchen „Shape of Water“. Das hatte man in der aufgeheizten politischen Stimmungslage nicht erwartet, passt aber zur „Business as usual“-Linie des Abends.

Und doch ist auch dies ein Signal: Guillermo del Toro kann insgesamt vier Trophäen für seinen Film einheimsen. Ein erneut klares Votum für einen mexikanischen Filmemacher, das vierte Mal in fünf Jahren. Dass als bester Animationsfilm dann auch noch „Coco“ ausgezeichnet wird, der die mexikanische Kultur feiert, macht die „Fiesta mexicana“ perfekt. So oft wurde noch nie auf Spanisch gedankt, und Trump kriegt für seine ausgrenzenden Ideen reichlich Fett weg. So kann man sich doch politisch geben. Aber#MeToo? War da was? Schnee von gestern. Beim Jetski am Ende sitzt die Überreicherin Helen Mirren genau da, wo Frauen offensichtlich zu sitzen haben: hinten drauf.

Die Preisträger auf einen Blick:
Bester Film: „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“
von Guillermo del Toro
Regie:
Guillermo del Toro für „Shape of Water“
Hauptdarstellerin: Frances McDormand für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“
Hauptdarsteller: Gary Oldman für „Die dunkelste Stunde“
Nebendarstellerin: Allison Janney für „I, Tonya“
Nebendarsteller: Sam Rockwell für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“
Original-Drehbuch: Jordan Peele für „Get Out“
Adaptiertes Drehbuch: James Ivory für „Call Me by Your Name“
Kamera: Roger Deakins für
„Blade Runner 2049“
Schnitt: Lee Smith für „Dunkirk“
Filmmusik: Alexandre Desplat für „Shape of Water“
Filmsong: „Remember Me“ aus dem Animationsfilm „Coco“
Szenenbild: Paul Denham Austerberry, Shane Vieau und Jeffrey A. Melvin für „Shape of Water“
Tonschnitt: Richard King und Alex Gibson für „Dunkirk“
Tonmischung: Gregg Landaker, Gary A. Rizzo und Mark Weingarten für „Dunkirk“
Visuelle Effekte: Gerd Nefzer, John Nelson, Paul Lambert und Richard R. Hoover für „Blade Runner 2049“
Make-up/Frisur:
Kazuhiro Tsuji, David Malinowski und Lucy Sibbick für „Die dunkelste Stunde“
Kostümdesign: Mark Bridges für „Der seidene Faden“
Nicht englischsprachiger Film: „Eine fantastische Frau“
von Sebastián Lelio
Animationsfilm: „Coco“ von Lee Unkrich und Darla K. Anderson
Dokumentarfilm: „Icarus“ von Bryan Fogel
Kurzfilm:
„Silent Child“ von Chris Overton und Rachel Shenton
Animations-Kurzfilm: „Dear Basketball“ von Glen Keane
Dokumentar-Kurzfilm:
„Heaven Is a Traffic Jam on the 405“ von Frank Stiefel