Youtube-Hit

Orchester imitiert Currywurst und S-Bahn

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Matthias Nöther
Konzerthaus Berlin Currywurst Screenshot

Konzerthaus Berlin Currywurst Screenshot

Foto: Konzerthaus

Das Konzerthaus startet eine Social-Media-Kampagne auf Youtube: „Ihr seid Berlin. Wir sind der Klang.

Das Thema des ersten Youtube-Videos ist die Berliner Currywurst – wie sie am berühmten Currywurststand „Curry 36“ am Mehringdamm zubereitet und serviert wird. Dinge, die man nie zuvor wahrgenommen hat, sieht man plötzlich – weil man sie auch hört. In den schnellen Schnitten des Clips sind Musiker des Konzerthausorchesters zu sehen. Auf der einen Hälfte des Bildschirms schiebt eine Zange die Würste in Reih und Glied auf den Rost, auf der anderen Hälfte imitiert ein Flötist in Abendgarderobe, in die Kamera lächelnd, mit den Klappen seines Instruments das Geräusch der schnappenden Zange. Das Schneiden der Würste wird vom Kontrabassisten tonlich illustriert, zum Ausquetschen der Ketchup-Flasche pustet ein Trompeter tonlos ins Instrument. Dann bringt der Triangelspieler das Trinkgeld im Glas auf dem Tresen zum Klimpern. Zu diesem Zeitpunkt sind gerade mal zehn Sekunden des Videos vergangen.

Typische Geräusche der alltäglichen Berliner Umwelt

Am Montag startete unter dem Motto „Ihr seid Berlin. Wir sind der Klang“ die neue Social-Media-Kampagne des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. 13 Tage lang wird nun ein neues, einminütiges Video auf Youtube zu sehen sein, in welchem das Orchester des Hauses, filmisch begleitet von kunstvollen Schnitten und Bildverdoppelungen, typische Geräusche der alltäglichen Berliner Umwelt akustisch aufgreift.

Die Idee hierzu hatte Elena Kountidou, Chefin der Kommunikationsabteilung am Konzerthaus. Schon länger wollte sie ein Projekt anschieben, welches die Verbundenheit des Orchesters mit seiner Heimatstadt versinnbildlicht – zuerst dachte Kountidou an einen Dokumentarfilm, dann an ein besonderes Konzert. Alles schon da gewesen: Wer in dauernder Konkurrenz zu den Berliner Philharmonikern mit ihrer innovativen Marketingabteilung steht – eine Onlinereihe mit Porträts der Philharmoniker ist dieser Tage ebenfalls an den Start gegangen –, der muss nachdenken. „Wir wollten das auf jeden Fall online machen, ein breites Publikum und vor allem junge Leute ansprechen, die normalerweise nicht ins Konzert gehen“, erinnert sich Elena Kountidou. Und das Ganze sollte auf Youtube angeschaut werden können und auf Facebook geteilt.

Hierüber und über die anderen gängigen sozialen Medien verbreitete sich gleich der erste, der Currywurstclip so stark, dass das Konzerthaus am Dienstag, einen Tag nach Veröffentlichung, bereits 65.000 Klicks zählen konnte. Flugs kürte das Wochenmagazin für die Kommunikations- und Medienbranche „W&V“ auf seiner Internetplattform den Coup des Konzerthausorchesters zur Kampagnenkreation des Tages.

Das alles war – wie bei einem Sinfonieorchester völlig normal – nicht ohne großen Aufwand und minutiöse Organisation im Vorfeld denkbar. Das Orchester spielt nach einer genau notierten Geräuschpartitur der Komponisten Christian Tschuggnall und Michael Edwards. Zunächst machten sich die beiden an die musikalische Notation eines ausgedachten Geräuscharsenals. Es reicht von der Currywurstbude zum Spielplatz, vom Elefantengehege im Zoo bis in den S-Bahn-Waggon, von den Zweitaktmotoren der Trabi-Safari bis zum Klicken des U-Bahn-Fotoautomaten. Die Orchestergeigerin Karoline Bestehorn erinnert sich an eine höchst professionelle Präsentation des Projekts, und so bekundeten die Musiker des Orchesters ihr Interesse. „Es gab kaum Einwände“, sagt der Bratschist Matthias Benker, der zugleich Medienbeirat des Orchesters ist, und Karoline Bestehorn ergänzt: „Der Reiz war sicherlich, dass unsere Ideen und Ergänzungen auf Gehör stießen.“ Es soll bei den Workshops der Komponisten mit dem Orchester eine regelrechte Schlacht um Klangideen gegeben haben. Wenn eine Gruppe etwa ein Pferd nachmachen sollte, meldete sich noch ein Kollege aus einer anderen Stimmgruppe, der meinte, es besser zu können.

Berlins S-Bahnen bekommen "unfreiwillig" Blumenkästen

Es sei ja auch keine „normale“ Komposition zeitgenössischer Musik, sagt Bestehorn. „Normalerweise bekommen wir ein neues Stück aufs Pult, und das heißt dann: So wird’s gemacht. Hier wurden wir gefragt, wir standen den Komponisten gleichberechtigt gegenüber.“ Damit war natürlich noch längst nicht die Arbeit getan.

Als Komponisten, sagt Christian Tschuggnall, hätten sie darauf geachtet, dass immer mehrere Musiker des Orchesters ein Geräusch oder eine Geräuschkombination spielen würden. Somit hatte der Bratschist des Orchesters Ferenc Gábor, der das Projekt dirigierte, eine anspruchsvolle Aufgabe. Christian Tschuggnall und Michael Edwards sind als Komponisten nicht auf klassisches Instrumentarium festgelegt, sie machen sonst experimentelle elektronische Musik und Jazz, auch Film- und Werbemusik. So konnten sie die Orchesterinstrumente von einer ungewöhnlichen Seite sehen, sagt Edwards: „Man muss sich vorstellen, wie ein Alien landet, sich eine Geige anschaut und sich fragt, was man damit so machen könnte.“