Theater

Genug pausiert – ein Saisonausblick auf die Theatersaison in Berlin

Im September geht es wieder los auf den Bühnen der Stadt. Wir stellen vielversprechende Aufführungen der kommenden Monate vor

Die Schauspieler (l-r) Angelika Bartsch als "Zofia", Joachim Bliese als "Edek Rothwax", Ulrike Folkerts als "Ruth Rothwax" und Monika Häckermann als "Walentyna" spielen am 23.01.2015 in Hamburg auf der Fotoprobe von "Chuzpe".

Die Schauspieler (l-r) Angelika Bartsch als "Zofia", Joachim Bliese als "Edek Rothwax", Ulrike Folkerts als "Ruth Rothwax" und Monika Häckermann als "Walentyna" spielen am 23.01.2015 in Hamburg auf der Fotoprobe von "Chuzpe".

Foto: Markus Scholz / picture alliance / dpa

In den kommenden Wochen startet nach und nach die Theatersaison. Die Schaubühne startet am 8. September, das Deutsche Theater erst am 23.September, die Volksbühne geht mit einem Stück von Christoph Marthaler in die letzte Saison von Frank Castorf.


„Empire“ an der Schaubühne

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau hat eine ganze Europa-Trilogie entwickelt. Nach „The Civil Wars“ und „The Dark Ages“ präsentiert er in der Schaubühne im September den dritten Teil unter dem Titel „Empire“. Seine Spezialdisziplin ist das Reenactment politischer Prozesse und deren Verschränkung mit biografischen Begebenheiten. Schauspieler aus Griechenland, Syrien, Rumänien werden auf der Bühne ihre Geschichten erzählen. Aus den intimen Nahaufnahmen entwickelt sich im besten Fall das Porträt eines ganzen Kontinents. Wenn das einem gelingen kann, dann Milo Rau, er ist derzeit einer der spannendsten politischen Theatermacher.

Premiere am 8. September in der Schaubühne


„Abschlussball“ im BE

Das Berliner Ensemble startet programmatisch in die Spielzeit: „Abschlussball“ heißt die Uraufführung, die Achim Freyer zusammen mit der Komponistin Lucia Ronchetti entwickelt hat. Denn obwohl immer nur die Rede von Frank Castorf ist, darf ja nicht vergessen werden, dass auch für Claus Peymann am BE das letzte Jahr seiner Intendanz anbricht bevor er 2017 von Oliver Reese abgelöst wird. Der Untertitel des Eröffnungsabends lautet übrigens: „Ein Lamento in Bildern“. Diverse Figuren der Menschheitsgeschichte wie Sophokles, Büchner und Gertrude Stein werden darin ihre Stimme erheben, heißt es in der Vorankündigung, zu erwarten sei „ein apokalyptischer Tanz mit Musik“.

Premiere am 15. September im Berliner Ensemble

„Der Mensch erscheint im Holozän“ im Deutschen Theater

Thom Luz ist der Illusionist unter den Regisseuren, ein Meister in der Herstellung irritierender Atmosphären. Jetzt inszeniert er erstmals am Deutschen Theater und eröffnet dort die Spielzeit mit dem Stück „Der Mensch erscheint im Holozän“ nach einer Erzählung von Max Frisch. Eine sehr seltsame Erzählung ist das, in der ein Mann durch einen Erdrutsch aus der Welt fällt und sie sich mit Knäckebrot, Notizzetteln und Klebeband wieder rekonstruiert, um sie nicht zu vergessen. Perfekter Stoff für einen wie Thom Luz, wie gemacht für die Inszenierung melancholisch-vernebelter Zwischenwelten. Mit Darstellern wie Ulrich Matthes und Judith Hofmann ist der Abend außerdem sehr hochkarätig besetzt.

Premiere am 23. September im Deutschen Theater

„Schatten (Eurydike sagt)“ an der Schaubühne

Eurydike hat ja keiner gefragt. Ob sie überhaupt gerettet werden will aus der Unterwelt. Um dann ein zwar diesseitiges, aber fremdbestimmtes Leben an der Seite des selbstverliebten singenden Halbgotts Orpheus zu führen. In ihrem Text „Schatten (Eurydike sagt)“ nimmt Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek diese Spur auf. Inszeniert wird er (unter anderem mit Jule Böwe) an der Schaubühne von der Regisseurin Katie Mitchell, die schon in ihren letzten Arbeiten ein Herz für die weiblichen Randfiguren der Literaturgeschichte zeigte, zuletzt etwa für Ophelia. Wie schon oft macht sie die Bühne auch dieses Mal wieder zum Film-Set für ein Live-Video, das in diesem Fall womöglich so etwas wie ein mythologischer Anti-Patriarchats-Movie werden könnte.

Premiere am 28. September in der Schaubühne


„Inside IS“ am Grips Theater

Mit hochbrisantem Stoff eröffnet Philipp Harpain seine erste Spielzeit als neuer künstlerischer Leiter des Grips Theaters. Ab Oktober wird dort für Zuschauer ab 15 Jahren die Bühnenbearbeitung von Jürgen Todenhöfers umstrittenem Reisebericht „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat““ zu sehen sein. Regisseur Yüksel Yolcu konnte sich exklusiv die Rechte dafür sichern. Für die Uraufführung kündigte er an, den Stoff mit eigenem Recherchematerial anzureichern, etwa aus Gesprächen mit Rückkehrern aus Syrien. Die Frage, die ihn dabei interessiert: Was treibt gerade junge Menschen aus Europa bloß an, sich dem „IS“ anzuschließen, warum sind sie so verführbar?

Premiere am 12. Oktober im Grips Theater

„Auerhaus“ am Deutschen Theater/Kammerspiele

Die Erwartungen sind hoch: Im letzten Jahr begeisterte Regisseurin Daniela Löffner in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit ihrer geradlinigen Inszenierung von Turgenjews „Väter und Söhne“, die ihr eine Einladung zum Theatertreffen bescherte. Sie hat gezeigt, wie scharf sie Figuren zeichnen und wie klug sie sie zueinander in Beziehung setzen kann. Diese dramaturgische Raffinesse wird ihr auch bei ihrer Uraufführung von Bov Bjergs Coming-of-Age-Bestseller „Auerhaus“ nützlich sein, denn wieder steht im Zentrum eine Gesellschaft mit eigener Dynamik. Sechs Jugendliche gründen auf dem Land eine Schüler-WG. Sie erleben den Sommer ihres Lebens, in dem sie vor allem eins wollen: das Leben ihres Freundes Frieder retten.

Premiere am 16.Oktober in den Kammerspielen des DT

„Chuzpe“ im Theater am Kurfürstendamm

Klopse statt Krimi: Als „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal knackt Ulrike Folkerts seit über 25 Jahren komplexe Kriminalfälle, aber im Theater am Kurfürstendamm wird sie an Fleischbällchen verzweifeln. Und an ihrem lebenslustigen Vater mitsamt seinem brandneuen Restaurant. In der Bühnenadaption von Lily Bretts Erfolgsroman „Chuzpe“ spielt sie die kratzbürstige New Yorker Geschäftsfrau Ruth, deren Leben auf den Kopf gestellt wird als ihr Vater in der Stadt auftaucht und mit seiner Schlitzohrigkeit und seinem lebensschlauen jiddischen Humor alle um den Finger wickelt. Wieviel Drama und Komik in solch einer ungleichen Vater-Tochter-Konstellation stecken kann, wissen wir ja spätestens seit „Toni Erdmann.“

Premiere am 23. November, Theater am Kurfürstendamm.

„Minna von Barnhelm“ am Schlosspark Theater

Lessing am Schlosspark Theater? Das ist lange her. Doch Hausherr Dieter Hallervorden hat sich vorgenommen, neben boulevardesken und zeitgenössischen Stoffen vermehrt auch Klassiker auf den Spielplan zu setzen. Nun also „Minna von Barnhelm“. Die findet bei Lessing kurz nach dem Siebenjährigen Krieg im Berliner Wirtshaus „Zum König von Spanien“ durch einen Riesenzufall ihren in den Kriegswirren verloren gegangenen Verlobten Major von Tellheim wieder. Der ist inzwischen zwar verarmt und das ist ihm ziemlich peinlich, aber Minna lässt sich in ihrer Liebe nicht beirren. Zumal Oliver Mommsen als Major höchstwahrscheinlich ein ziemlich schneidiger Typ sein wird. Regie führt Thomas Schendel.

Premiere am 21. Januar 2017 im Schlosspark Theater

„Antigone“ im Maxim Gorki Theater

Er war der Shootingstar des diesjährigen Theatertreffens, keine Inszenierung polarisierte so sehr wie Ersan Mondtags unheimliche Familienhölle „Tyrannis“. Noch nicht mal 30 Jahre ist Mondtag alt und hat schon eine ganz eigene, strenge Formsprache entwickelt, die er mit großer Lust an der Provokation einsetzt. Das könnte also sehr spannend werden, wenn sich der Provokateur Mondtag im Februar für seine erste große Arbeit im Gorki die Rebellin Antigone vornimmt. Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und der gebürtige Kreuzberger Ersan Mondtag kennen sich noch aus gemeinsamen Arbeiten im Ballhaus Naunynstraße.

Premiere im Februar 2017 im Maxim Gorki Theater

„Faust II“ an der Volksbühne

Eine Spielzeit hat Frank Castorf noch, bevor ihn im Sommer 2017 der belgische Kurator Chris Dercon als Intendant beerben wird. Angekündigt hat Castorf, dass er zum Abschied Goethe inszenieren wird, und zwar „Faust II“. Wieviel Goethe da dann noch drin ist, weiß man bei ihm ja nie, aber viel Castorf und viel Volksbühne wird mit Sicherheit drin sein. Ansonsten gilt ab sofort: Nehmen Sie mit, wofür Sie noch Karten bekommen. Fritsch und Pollesch, eine neue Marthaler-Inszenierung wird es auch geben. Lassen Sie sich von Lilith Stangenberg verführen und von Sophie Rois heiser ankreischen. Wer weiß, wann und wo es dazu so bald wieder Gelegenheit gibt.

Premierentermin steht nicht fest