Bühnen

„Sein Werk soll nicht verloren gehen“

Kostümbildnerin Aino Laberenz verwaltet den Nachlass von Christoph Schlingensief und leitet das Operndorf in Afrika. Ein Treffen in Mitte.

Sommer in Berlin: Aino Laberenz wohnt  in Mitte. Demnächst geht sie nach Wien ans Burgtheater. Hier in Berlin kümmert sie sich im Wesentlichen um das Operndorf in Afrika

Sommer in Berlin: Aino Laberenz wohnt in Mitte. Demnächst geht sie nach Wien ans Burgtheater. Hier in Berlin kümmert sie sich im Wesentlichen um das Operndorf in Afrika

Foto: Joerg Krauthoefer

Aino Laberenz kommt um die Ecke der Ackerstraße in Mitte, beinahe unsichtbar zart und fragil, so dass wir sie fast übersehen hätten. Nikiletten an den gelackten Füßen, schwarze Hüftjeans, ein Anker-Tattoo am Handgelenk, ein silbernes Medaillon um den Hals, vom Jakobsweg. Eine Erinnerung der Familie Schlingensief. Sieben Jahre lang war die Kostümbildnerin die Frau an der Seite des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. 2010 starb er mit 49 Jahren an Krebs. Er hinterließ ihr seinen Traum – vom Operndorf Afrika in Burkina Faso. Über sein Vermächtnis und ihre Arbeit spricht die 35-Jährige mit uns.

Sie managen das Operndorf Afrika und sind als Kostümbildnerin viel unterwegs. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?

Aino Laberenz: Nach der Sommerpause gehe ich wieder an das Wiener Burgtheater, für die Produktion „Torquato Tasso“ von Goethe, und arbeite mit Philip Haus und Ignaz Kirchner zusammen. Ich habe nie aufgehört, als Kostümbildnerin zu arbeiten, und plane mein Jahr, wie es für Freiberufler üblich ist. Kostümbild, die tägliche Arbeit mit dem Operndorf Afrika, der Nachlass von Christoph Schlingensief, Theaterproduktionen. Ich versuche zwei bis dreimal im Jahr vor Ort im Operndorf in Burkina Faso zu sein.

Das Operndorf sehen Sie aber als Ihre Hauptaufgabe, oder?

Das Operndorf ist der Teil des Nachlasses von Christoph Schlingensief, der sich weiterentwickelt – das ist eine Verantwortung, die ich übernommen habe. Als Christoph Schlingensief 2010 verstarb, gab es im Operndorf lediglich ein paar Fundamente, die zu einem Schulbau gehörten. In den sechs Jahren hat es sich gut entwickelt. Es gibt die Schule, die Krankenstation, Gäste- und Lehrerhäuser, insgesamt 27 Gebäude. Vorher gab es nichts, kein Strom und kein Wasser.

Am Anfang war das Interesse groß, es gab prominente Spenden. Es liegt in der Natur der Dinge, dass das Interesse nachlässt.

Ja, natürlich. Aber ich habe mich dagegen entschieden, mit einem prominenten Mentor das Projekt nach vorne zu bringen. Wir bewegen uns in einem fremden Land, ich setze auf langsame Entwicklung, auf Ausbildung und Zusammenarbeit vor Ort. Mit prominenter Unterstützung wäre es wahrscheinlich einfacher, das Projekt zu „verkaufen“. So sind wir nur zu dritt, ein kleines Team in Berlin.

In der Volksbühne, wo Christoph Schlingensief auch gearbeitet hat, herrscht gerade Theaterkrieg wegen Frank Castorfs Nachfolger Chris Dercon.

Da geht es um mehr als nur den Wechsel eines Intendanten, das ist grundsätzlich etwas Normales am Theater. Die Volksbühne war Christophs Zuhause, auch wenn er die letzten Jahre dort weniger gearbeitet hatte. Auch wenn ich dort nicht so viel gearbeitet habe, ist die Volksbühne auch für mich ein sehr wichtiges Theater. Ein Haus mit einer Haltung, wo es wirklich um inhaltliche Auseinandersetzung geht – das gibt es nicht oft.

Die Volksbühne ist gerade zum Theater des Jahres gekürt worden, sicher eine kulturpolitische Entscheidung der Jury.

Es gibt viele Theater, die arbeiten sehr tradiert, intellektuell, die lassen nicht viel rein. Die Volksbühne hingegen ist da eine offene Plattform, die auf Umstände und Situationen reagiert. Es ist schon kurios, aber in Burkina Faso, wo es eine wirklich starke Theaterszene gibt, wird die Frage, ob Kunst noch relevant und politisch genug ist, gar nicht in dem Sinne gestellt. Theater ist dort Schutz- und Freiraum, inmitten der Gesellschaft.

Christoph Schlingensief hat schon vor Jahren mit seiner Flüchtlingsaktion in Wien viele Themen vorweggenommen, als sie uns noch nicht so wichtig schienen. Geradezu hellseherisch.

Na ja, was passiert ist, ist nichts Neues. Eigentlich haben wir doch um die Situation der Flüchtlinge gewusst. Nur haben wir nicht reagiert, weil es abstrakt war, schön weit weg. Wir dachten, es betrifft uns nicht. Christoph Schlingensief hat immer, schon in seinen Filmen, auf gesellschaftliche Gegebenheiten reagiert. Er brauchte immer Inhalte. „Torquato Tasso“? Das hätte er nicht machen können. Ein Stück aktualisieren, darum ging es ihm nicht.

Inwieweit arbeiten Sie mit seinem Nachlass? Gibt es noch Manuskripte oder etwa Regiebücher, die Sie veröffentlichen werden?

Natürlich ist mein Wunsch, dass Christoph Schlingensief als Künstler lange lebt. Es ist wichtig, dass sein Werk nicht verloren geht. Ich habe mich aber bewusst entschieden, nicht jedes Jahr zu viel rauszubringen. Es existiert noch viel Material. Was den Bereich Bildende Kunst betrifft, gibt es Ausstellungsanfragen, bei denen ich dann mit meinem Team schaue, was wichtig ist, wie man sie realisiert, wie und wo man seine Installationen zeigt. Der Nachlass ist gesplittet. Die Installationen sind im Lager seiner Galerie Hauser und Wirth in Zürich. Der filmische Teil liegt bei der Filmgalerie 451 in Berlin. Mit beiden gab es bereits zu Lebzeiten eine Zusammenarbeit. Alles privates Engagement, da gibt es keinen finanziellen Gewinn, wir verdienen auch nichts daran. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die an Christoph glauben und ihn erhalten wollen. Ohne sie wüsste ich nicht, wie ich es machen sollte. Die Filmgalerie 451 hat zusammen mit dem Goethe Institut im vergangenen Jahr, zu seinem 55. Geburtstag, sechs DVDs mit alten Filmen und neuem Material herausgegeben, dieses Jahr kommen wieder drei.

Und wie sieht es mit dem schriftlichen Material aus?

Korrespondenzen, alte Presseberichte, Regiebücher und schriftliche Unterlagen liegen in der Akademie der Künste Berlin, das hat Christoph Schlingensief noch zu Lebzeiten vereinbart. Na ja, es gibt noch relativ viel, gerade im filmischen Bereich. Teils nicht verarbeitetes oder noch nicht gesehenes Material.

Nach seinem Tod wurde er hofiert, eine Anerkennung, die er gerne zu Lebzeiten gehabt hätte. Wie empfinden Sie das heute?

Natürlich hat er sich mehr Anerkennung gewünscht. Die erste Reaktion darauf, dass er den Pavillon zur Biennale in Venedig 2011 ausgestalten sollte, war negativ. Warum er als nicht-bildender Künstler das mache, hieß es. Er hatte aber immer Unterstützer und Wegbegleiter. In Burkina Faso war er ein Unbekannter. Irgendein weißer Typ mit komischen Haaren und einer irren Idee, dachten sie dort. Was ihn auszeichnete, war, dass er Menschen mit einbezogen hat. Nun möchte ich nichts verherrlichen, er war kein einfacher Künstler, sicherlich mit egoistischem Antrieb, wie es bei autonomen Künstlern so ist. Es gab keine Demokratie in seinen Arbeiten. Er hat einfach den Mund nicht gehalten, natürlich macht man sich da nicht nur Freunde.

Kann man seine Installationen heute eigentlich kaufen?

Nein. Ich möchte aber, dass Museen seine Arbeiten zeigen oder in ihre Sammlungen aufnehmen. Man soll seine Werke sehen können. Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Stadt Berlin da etwas macht, dass er hier in einem Haus vertreten wäre. Ich habe oft das Gefühl, sie steht nicht zu den Künstlern, die hier arbeiten. Christoph Schlingensief war ein wichtiger deutscher Künstler.