Maxim-Gorki-Theater

"Und dann kam Mirna" mit Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet

Den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost erhält das Stück „Und dann kam Mirna“, eine Inszenierung im Maxim-Gorki-Theater.

Herrlich schrullig: die Mütter mit Blümchenkittel und mittendrin ein Töchterchen,  Cynthia  Micas, Suna Guerler, Sarah Boecker und  Cigdem Teke (v.l.)

Herrlich schrullig: die Mütter mit Blümchenkittel und mittendrin ein Töchterchen, Cynthia Micas, Suna Guerler, Sarah Boecker und Cigdem Teke (v.l.)

Foto: Eventpress Hoensch / picture alliance / Eventpress Ho

Sie nennen es „Outfit des Widerstands“, und es ist sehr pink: Haargummi, Trainingsjacke, Turnschuhe, alles knallrosa. Glitzern muss es und sollte auf jeden Fall das Gegenteil von genderneutral sein. Denn sie wissen: „Mehr Ekel der Eltern als mit Kleidung, die unangemessen scheint, kann man als Kind gar nicht hervorrufen.“ Ob die Mütter in ihren Schlabberpullis, die sie zunächst noch über den Blümchenkleidern tragen, die rosa Renitenz ihrer Töchter überhaupt bemerken, sei allerdings dahingestellt. Die stampfen sich nämlich vorne an der Rampe als Chor der Sinnsucherinnen den Frust über die misslungene Selbstverwirklichung aus den Leibern.

Auf die im viralen Marketing versprochenen Glücksgefühle, die das Muttersein angeblich so mit sich bringt, warten sie bis heute. Die Töchter ihrerseits erwarten einen irgendwie erwachsenen Plan und ein Mindestmaß an Spießigkeit. Wie die vervierfachten altklugen Schlaumeier-Töchter und ihre überforderten Planlos-Mütter furios aneinander und an den eigenen Ansprüchen scheitern, zeigt komisch und schonungslos Regisseur Sebastian Nübling in seiner Inszenierung von Sibylle Bergs „Und dann kam Mirna“ am Maxim Gorki Theater.

Dafür erhält die Produktion den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2015“. Die Berliner Morgenpost verleiht den mit 7500 Euro dotierten Preis seit 1992 im Andenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft. Die siebenköpfige Jury überzeugte das Stück, weil hier „Lebensentwürfe und Generationen temporeich aufeinanderprallen. Die Inszenierung vertraut dem Text von Sibylle Berg, entwickelt schnell einen eigenen Rhythmus und torpediert mit Verve und auch Komik Idealbilder von Müttern und Töchtern.“

Fortsetzungsgeschichten im Theater sind eher ungewöhnlich

Schon einmal standen die Schlabberpulliträgerinnen auf der Nominierungsliste des Friedrich-Luft-Preises, konnten sich am Ende aber nicht durchsetzen. Damals waren sie allerdings auch noch ohne ihre rosa Brut unterwegs. „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ hieß 2013 der Abend ihres Bühnendebüts, das ebenfalls Sebastian Nübling nach einem Text von Sibylle Berg am Maxim Gorki Theater inszenierte. Zwischen den zornigen Mittzwanzigerinnen von damals und den frustrierten Mittdreißigerinnen von jetzt liegt: „eine gelungene Befruchtung“. Oder, um dem Kind einen Namen zu geben: Mirna.

>>>Diese Stücke sind für den Friedrich-Luft-Preis nominiert<<<

Fortsetzungsgeschichten sind im Theater eher ungewöhnlich und eher riskant, in diesem Fall aber hat das bestens geklappt, denn gerade die Konfrontation der Generationen gibt dem Abend den entscheidenden Dreh. Auf freigeräumter Bühne lässt Sebastian Nübling sie gegeneinander antreten. Mal im Einzelduell, meistens aber in chorischer Gegenüberstellung, rhythmisiert in der Sprache und durchchoreographiert in den Bewegungen.

Die einen, die sagen: „Ich habe mich nicht für mein Leben entschieden. Ich bin da so reingerutscht“. Und die anderen, die alles dafür tun, dass ihnen genau das später nicht passieren wird. Dabei vollzieht sich die Konstruktion und sofortige Dekonstruktion von allerlei Gender- und Zeitgeistklischees in einer Rasanz, dass man nie genau weiß, ob man es sich gerade auf der Realitäts- oder der Ironieebene bequem machen soll.

Die Inszenierung, die im Gorki Theater spielt, war früh Favorit

In der Jury war „Und dann kam Mirna“ schon früh ein Favorit, bekam am Ende, in der Abschlussdiskussion, aber doch noch mal ernsthafte Konkurrenz von Herbert Fritschs knallbunter Konrad-Bayer-Hommage „der die mann“ an der Volksbühne und von der Inszenierung „Ophelias Zimmer“, in der die Regisseurin Katie Mitchell Hamlets Geliebte an der Schaubühne auf einen Höllentrip der Einsamkeit schickt.

Insgesamt zehn Aufführungen hatte die Jury aus dem Theaterjahr 2015 auf die Nominierungsliste gesetzt. Neben den drei genannten waren das: Thomas Ostermeiers „Richard III.“ mit Lars Eidinger als charismatischem Fiesling an der Schaubühne und Frank Castorfs Dostojewski-Abend „Die Brüder Karamasow“ an der Volksbühne. Wie Schaubühne und Volksbühne war auch das Deutsche Theater mit zwei Aufführungen vertreten. Zur Diskussion standen Jan Bosses Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“ und Stefan Puchers sehr modernisierte Fassung von Henrik Ibsens „Nora“.

Auch zwei freie Gruppen waren mit dabei. Das Theaterkollektiv Machina eX mit ihrem interaktiven Theater-Game „Right of Passage“, das im HAU3 zu sehen war und die Santinis Production, die den Broadway-Hit „Eine Familie“ vom israelischen Regisseur Ilan Ronen inszenieren ließ und am Theater am Kurfürstendamm zeigte. Und dieses Mal hat es mit Barrie Koskys „Eine Frau, die weiß, was sie will“ an der Komischen Oper auch eine Operette in die engere Auswahl geschafft.

Dass sich „Und dann kam Mirna“ am Ende durchsetzte, daran hat nicht zuletzt auch Sibylle Bergs Stückvorlage großen Anteil, dessen Stärke in der Diskussion immer wieder hervorgehoben wurde. Die Autorin beherrscht ihren Stoff, sie hat ein rundes Dutzend Romane und noch viel mehr Theaterstücke über die Widrigkeiten und Lächerlichkeiten des Lebens geschrieben. Texte, die natürlich immer ganz schön gemein und desillusionierend sind, durch die aber stets ein wenig Sentimentalität weht. Auch die Mirnas und ihre Mütter mag man am Ende des 75-minütigen Abends trotz ihrer sehr massiven Schrulligkeiten ja irgendwie.

Sibylle Berg selbst kennzeichnet das Stück, das nicht dialogisch, sondern als Textfläche konzipiert ist und auch keine durchgängigen, klar definierten Einzelpersonen konturiert, übrigens als einen „Text für ca. zwei DarstellerInnen oder eine hochgradig gespaltene Persönlichkeit.“

Regisseur Sebastian Nübling hat ihn klug auf acht Personen aufgeteilt und mit einem stampfenden Sinnsucherinnen-Beat versehen. „Hört das irgendwann mal auf mit dem Rumgeleide?“, fragten die Frauen sich und die Welt schon am Ende des Erstlings. Pech für euch, Glück für uns, dass sich diese Hoffnung bis jetzt nicht erfüllt hat.

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