Kultur

Mal zotig, mal zerzaust

Rache, Macht und Intrigen: „Othello“ im Gorki-Theater gibt einen Überblick über die Sünden

Es kracht ziemlich laut in Christian Weises und Soeren Voimas „Othello“-Variation am Gorki-Theater. Angefangen damit, dass die Schauspieler ihre Auftritte über eine Rutsche antreten, an deren Ende sie recht unsanft auf dem Hintern landen. Begleitet von virtuos durch die Stile schlitternder Jahrmarktmusik: Falk Effenberger und Jens Dohle an Klavier und Schlagwerk. Es gibt später auch noch nackte Jungs in Mädchenrollen zu sehen, aber das hat weniger voyeuristischen Appeal als man jetzt vielleicht denken mag.

Shakespeares berühmte Tragödie um Macht und Eifersucht nehmen Weise und sein Ensemble vor allem in der ersten Hälfte von der zotigen Seite, die ja auch zu Shakespeare gehört. Die Venezianer um Othello gehen auf imperialistische Tour nach Zypern, ihre Herrschaft über die Insel zu sichern. Gewandet werden alle, lokal angemessen, in wild zerzauste Kostüme der Commedia dell’arte. Selbst Julia Oschatz’ Bühnenbild, irgendwo zwischen „Metropolis“-Expressionismus und Varieté, ist mit Harlekin-Karos gemustert.

Einzig Othello steht in Jeans, Turnschuhen und weißem Hoodie da. Taner Şahintürk spielt ihn als den guten Typen, der seine Frau Desdemona ohne Fehl und Tadel liebt und seinen Kumpel Jago bei politischen Entscheidungen um Rat fragt. Kein angemalter Orson Welles, ein deutscher Türke spielt den Schwarzen. Als Jago (ein schwer entfesselter Thomas Wodianka) beginnt, seine aus Rach- und Machtgier getriebene Intrige zu spinnen, wächst Othello in das hinein, was der Rassismus ihm zuschreibt: die Rolle des bedrohlich Anderen. Die Potenz, die Wildheit, das angeblich Animalische, das beim weißen Mann Angst und Bange schürt.

Othellos Selbstreflexionsmonolog schreibt Soeren Voima in die Gegenwart hinein: als Psychobewegung von verzweifelter Freundlichkeit über sarkastische Anerkennung seiner „Schuld“ zur Erkenntnis: „Jeder trägt in sich dieses Stückchen Wildnis“. Der Außenseiter Othello wird zu Jagos Spielball, ja. Er wächst aber auch, so Weise/Voimas Interpretation, in der trotzigen Behauptung seines Andersseins erst in die Generalsuniform hinein, gegen die er den Kapuzenpulli tauscht.

Und wie oft bei Shakespeare steht auch hinter diesem Kerl eine starke Frau. Oder eher ein Typ, denn Weise besetzt – historische Aufführungspraxis, zugleich Statement – alle Frauenrollen mit Männern. Aram Tafreshian meistert den Part zwischen Offenheit, Zerbrechlichkeit und Travestie mit bewundernswerter Eleganz. Oscar Olivo spielt Cassio – Othellos Eifersuchtsgespenst – so schwul wie möglich. In einer berserkerhaften Suffszene, in deren Folge er drei Zivilisten erschießt, hüpft er herum wie eine manische Robert-Wilson-Aufziehpuppe, vollführt eckig-exakte Bewegungen, die man einem menschlichen Körper kaum zutrauen würde. Hier ein Tarantino-haftes Ballett der Gewalt in Slow Motion einzubauen ist eines der hübschesten Regieideen des Abends.

Letztlich fällt es jedoch dem Chor der Zyprioten zu, die meiste Aktualisierungsarbeit zu leisten. Sind sie bei Shakespeare eine stumme Kulisse des Exotischen, dürfen sie am Gorki das Geschehen kolonial-kritisch kommentieren. Das ist witzig und virtuos. Der Chor durchbricht konsequent die Illusion des Spiels, schafft sich Raum, Politisches ins Komische einzubinden. Am Ende steht er für eine Szene als Protagonist im Rampenlicht. Othello ist seine Geliebte morden gegangen, wie vom Textbuch befohlen. Der Chor allein bleibt übrig. Da fällt ihm nichts mehr ein: „Und jetzt? Kennt jemand einen anderen Text?“ Das Groteske ist jedoch in dieser Inszenierung nie Selbstzweck, es dient dem Freilegen Shakespeares aus der Umarmung der Klassiker.

In Zeiten von Terror, Flüchtlingsbewegungen und rechtem Mob sind Inszenierung wie diese an einem Theater wie dem Gorki wichtig. Sie zeigen nicht allein, was in der Welt passiert. Sie spiegeln das schon lange nicht mehr reinweiße Gesicht des Landes auch in seinem Ensemble. Manchmal muss zum Deutlichmachen vielleicht noch etwas arg auf die Dekonstruktionstube gedrückt werden. Aber vielleicht leben wir – entgegen allem Anschein – ja doch demnächst in einer Welt, in der all das, was an zivilisatorischen Errungenschaften heute in Frage gestellt wird, selbstverständlich ist.

Othello im Gorki, Am Festungsgraben 2, 27.02. 19:30 Uhr, 28.02, 18 Uhr 27.03, 19:30 Uhr, 82.03, 19:30 Uhr