Kultur

Das Gorki-Theater erhält einen „Ermutigungspreis“

Erstmals werden kleinere und mittlere Häuser mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet

Man muss mal über den Tellerrand der Metropolen schauen, in die Provinz. Nach Oberhausen oder Dessau oder Osnabrück. Oder vielleicht auch nach Schiffdorf. So etwas dürfte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) durch den Kopf gegangen sein, als sie 2015 zum ersten Mal den Theaterpreis des Bundes auslobte.

Schiffdorf also. Zwischen Bremerhaven und Buxtehude liegt der Ort. Da macht die Künstlergruppe „Das letzte Kleinod“ ihr „site specific theatre“: eine unbewohnte Insel, ein Tiefkühlhaus, eine Hafenkaje werden zu Spielorten des Ensembles. Und sie laden ihr Publikum in den „Ozeanblauen Zug“, einen Theaterexpress mit zehn Waggons, und gehen auf Expedition in die Region. Rechercheprojekte, die Geschichten und Konstellationen im Lokalen finden und in weitere Fragestellungen einbinden, seien eine starke Tendenz bei den 187 Bewerbungen gewesen, sagt Michael Freundt, stellvertretender Direktor des Internationalen Theaterinstituts Deutschland, das die Ausschreibung begleitete.

Um den Theaterpreis des Bundes bewerben konnten sich bundesweit kleinere und mittlere Theater. Man hatte mit höchstens 100 Einreichungen gerechnet. Der Preis will eine Anerkennungslücke schließen zwischen den Staatstheatern einerseits, den freien Gruppen und Theaterszenen ohne feste Spielstätten andererseits. Es geht dabei um Häuser, die, öffentlich gefördert, mit unter 13 Millionen Euro Personalkosten im Jahr einen mindestens neun Monate dauernden Spielbetrieb auf die Bühne bringen. Und da hörten die formalen Kriterien schon auf, sagt Freundt. Alles Weitere wurde überwiegend anhand der Programme, Ansätze, Praktiken der Theater entschieden.

Mehr als etablierte Staatstheater müssten kleinere Häuser ihr Publikum immer wieder neu finden und zu binden versuchen. Besonders deutlich würde das etwa bei Kinder- und Jugendtheatern, die in der Regel weder mit bekannten Namen noch mit zahlungskräftigen Abonnenten rechnen können. Sie müssten ihr junges, vielleicht auch schnell mal gelangweiltes Publikum viel direkter ansprechen.

Das Theater war beim Thema Flüchtlingen schnell dabei

Im besten Fall entsteht dabei ein Theater, das gesellschaftliche und soziale Fragen nicht abstrakt verhandelt, sondern die Verbindung sucht zwischen Bühne und Welt, zwischen Kunst und Engagement. Das Theater der Altmark in Stendal etwa überschreitet, schreibt die Jury, „in mutigen Kooperationsformaten bewusst die Grenzen zwischen Kunst und Sozialarbeit und verweist damit auf die wachsende Leerstelle des Sozialen in der Gesellschaft“.

Immer wieder würden aus dieser direkteren Einbindung ins Gesellschaftliche aktuelle Themen wie Arbeit, Migration, Kolonialismus und Vertreibung aus dem Lokalen heraus thematisiert. Und das bereits in der Spielzeit 2014/15, die den Bewerbungen zugrunde lag. Das engagierte Theater der kleinen Häuser, so scheint es Michael Freundt, war hellsichtiger als so manche politische Institution, die im Sommer von der Verschärfung der Flüchtlingsproblematik überrumpelt wurde.

Es werden jedoch auch Theater in Hamburg, Leipzig und Berlin mit Preisen bedacht, in der Hauptstadt etwa der Heimathafen Neukölln und das Maxim Gorki Theater. Die Jurydiskussion über das Gorki-Theater, das eines „Ermutigungspreises“, wie Grütters ihn nennt, wohl kaum mehr bedürfte, sei intensiv gewesen, sagt Freundt. Letztlich wäre das Haus in seiner Spielart eines postmigrantischen, die Diversität der Stadt in Form und Stoffwahl spiegelnden Theaters aber so wegweisend, dass keine Scheuklappen in der Entscheidung angelegt werden sollten. Die zu tragen, könnte man sagen, wiederum provinziell gewesen wäre.

Überhaupt fiel die Entscheidung der Jury – bestehend aus Barbara Behrendt (freie Journalistin), Barbara Mundel (Intendantin des Theaters Freiburg), Anne Peter (Chefredakteurin „nachtkritik.de“), Detlef Brandenburg (Chefredakteur „Die Deutsche Bühne“) und Holger Bergmann (Künstlerischer Leiter Theaterfestival „Favoriten“ 2016) – letztlich horizontaler aus als geplant. Sie vergab keine drei Hauptpreise, sondern zwölf gleich gewichtete Preisgelder zwischen 50.000 und 80.000 Euro. Die Verleihung des Theaterpreises des Bundes findet am 29.1. in der Akademie der Künste am Pariser Platz statt.