Es war das wohl absurdeste Dementi der Filmgeschichte, als das Hollywoodstudio 2oth Century Fox im Dezember erklären ließ, dass Leonard DiCaprio in „The Revenant – Der Rückkehrer“ nicht von einem Bär vergewaltigt wird.

Dass eine Internetseite den Trailer so sensationsheischend interpretieren musste – man hätte es auch ignorieren können. So aber wurde die Nachricht zum Renner in den sozialen Medien. Womit das Studio dem Film eher einen Bärendienst erwiesen haben dürfte.

Grässlich überzeugend inszeniert

An eine Vergewaltigung jedenfalls denkt man keine Sekunde mehr, wenn man erst im Kino sitzt und Zeuge wird, wie der Star von einem Grizzly angefallen wird. Das Tier verbeißt sich gleich in seinen Hals und reißt ein großes Stück Fleisch heraus.

Eine minutenlange, kaum zu ertragende Sequenz, bis der Bär tot auf dem Manne liegen bleibt. Selbst bei Filmkritikern, die vielleicht etwas mehr zu sehen kriegen als andere Zuschauer, hörte man da verstecke Aufschreie. So nah, so überzeugend und so grässlich ist solch ein Kampf wohl noch nie gefilmt worden.

Apokalpytische Bilder zwischen Wahn und Wahnsinn
Apokalpytische Bilder zwischen Wahn und Wahnsinn © BM | Twentieth Century Fox

Überhaupt ist „The Revenant“, der jetzt im Kino läuft, ein einziger Grenzgang. Ganz am Anfang gibt es noch ein paar ruhige, fast poetische Bilder, wenn der Trapper Hugh Class (DiCaprio) in den nordamerikanischen Weiten anno 1823 mit seinem Indianersohn einen Elch jagt.

Da scheint der Mensch noch eins mit der Natur – und der Schöpfung überlegen. Aber plötzlich überfallen Indianer das Lager und schlachten die Weißen kaltblütig ab. Die Jäger werden zu Gejagten.

Der eine ist des anderen Feind

Auch das ist in dieser Exzessivität seit den blutigen Indianerfilmen der 70er-Jahre nicht mehr so drastisch inszeniert worden. Und dann, mitten auf der Flucht in der unzugänglichen Wildnis, durch die der erfahrene Trapper die wenigen Überlebenden führt, wird er von jenem Bären angefallen.

Da aber zeigt sich, wer der größte Feind dieser Neu-Amerikaner ist. Nicht die Indianer, nicht die wilden Tiere. Sondern sie selbst. Die Flüchtigen lassen Class, der sich kaum noch regen kann, mit einem rassistischen Raubein (Tom Hardy) zurück. Und der meuchelt nicht nur den Sohn vor den Augen des wehrlosen Vaters. Er lässt diesen einfach liegen.

Selbst die Kamera beschlägt, so kalt ist dieser Film

Fast eine Stunde ist bis dahin vergangen, und in der zweiten wird sich der Schwerverletzte unter größter Kraftanstrengung Hunderte von Meilen zurück in die Zivilisation schleppen, kriechen und robben. Und allen Gefahren trotzen. Auch wenn hinter jedem Baum schon der nächste Indianer oder feindliche Franzose lauert. Der Ur-Rambo

Die Filme von Alejandro González Iñárritu sind allesamt schicksalhafte Dramen, von den frühen Episodenfilmen „Amores perros“ und „Babel“ bis zu den jüngeren Werken „Biutiful“ und „Birdman“. In „The Revenant“ zeigt er den Selbsterhaltungskampf eines Individuums mal nicht in einer abweisenden, modernen Zivilisation, sondern versetzt ihn – als wär’s ein Film von Werner Herzog – in eine urwüchsige, archaische Naturlandschaft.

Regisseur Iñárritu mit seinen Schauspielern DiCaprio und Domhnall Gleeson
Regisseur Iñárritu mit seinen Schauspielern DiCaprio und Domhnall Gleeson © BM | Twentieth Century Fox

Da ist keine Zurück-zur-Natur-Romantik, kein amerikanischer Pionier- und Aufbruchsgeist. Nur verhärmte, zernarbte Gesichter, erschöpfte, erloschene Kreaturen. Auch die Landschaft wird stets eisig und abweisend abgefilmt, die Sonne bricht ironischerweise nur dann mal durch, wenn die Indianer kommen.

Die Bilder sind so kalt, dass selbst die Kamera einmal beschlägt, wenn DiCaprio in Nahaufnahme atmet. Das vermittelt dem Zuschauer den unheimlichen Eindruck, dass er nicht im sicheren Kino sitzt, sondern direkt mit dabei ist. Damit zwingt uns der Regisseur die ganz großen, grundphilosophischen Fragen auf: Was ist der Mensch, was macht ihn aus, und was unterscheidet ihn von der Kreatur?

Ein cineastisches Meisterwerk

Vor allem aber scheint Iñárritu das digitale Kino einmal ganz anders herauszufordern: nicht mit den üblichen, effektheischenden Tricks, sondern indem er die Natur so authentisch wie möglich, fast hautnah erfahrbar macht. „The Revenant“ ist nichts für Zartbesaitete, aber in dieser Konsequenz, zumindest zwei Stunden lang, ein wahres cineastisches Meisterwerk.

Hätte sich Iñárritu nur nicht allzu sehr an die Romanvorlage , die auf einer wahren Begebenheit basiert, gehalten. Denn der Epilog ist eine bloße Rachegeschichte, die diese archetypische Odyssee wieder auf ein gewisses Mittelmaß relativiert.

Gleichwohl ist bei diesem Irrsinnstrip die komplette Crew sichtlich an ihre Grenzen gegangen. Allen voran DiCaprio, der hier unter zauseligem Haar und zauseligem Pelz kaum zu erkennen ist und irgendwie an Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ erinnert.

Optisches Vorbild: Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ (1945)
Optisches Vorbild: Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ (1945) © picture alliance / United Archiv | United Archives/IFTN

Wie er auf gefrorenem Boden kriecht, sich in eisige Fluten stürzt und vor Hunger Wurzeln und Erde frisst, das ist eine einzige, physische Kraftanstrengung, die ihn schon mal fürs Dschungelcamp prädestiniert.

Dabei ist der Schauspieler eines wichtigen Instruments, der Stimme, fast gänzlich beraubt und bis zuletzt nur krächzend, stöhnend und schreiend zu hören. Der stummste und daher aufrüttelndste Überlebenskampf seit Tom Hanks’ modernem Robinson Crusoe in „Cast Away“.

Wiedergeburt aus dem Leib eines Tierkadavers

Eine einzige Parforce-Performance, mit der DiCaprio sich einmal mehr für den Oscar empfiehlt. Nur: Wird er ihn diesmal bekommen? Der 41-Jährige ist das, was man „endlich mal dran“ nennt. Vier Mal war er bereits nominiert, zuletzt vor zwei Jahren für „The Wolf of Wall Street“, aber noch immer ist er bei den letzten Weihen leer ausgegangen.

Und bei „Titanic“, unvergessen, war er als so ziemlich Einziger nicht mal nominiert. Leo und der Oscar, sie scheinen auf Kriegsfuß zu stehen. Und das, obwohl er schon seit seinen Teenietagen als wichtigster Mime seiner Generation gilt.

Leonardo DiCaprio bei der „Revenant“-Premiere in Los Angeles
Leonardo DiCaprio bei der „Revenant“-Premiere in Los Angeles © BM | 20th Century Fox

Leo allein im Wald: Vielleicht braucht es eine solche Extrem-Bewährungsprobe, um auch den Letzten von seiner Kunst zu überzeugen. In der verstörendsten Einstellung schlitzt er einem eben verendeten Pferd den Laib auf und weidet ihn aus, um darin nackt ein wärmendes Bett für die Nacht zu finden.

Am nächsten Tag schlüpft er wie eine Wiedergeburt aus dem Kadaver heraus. Und zeigt damit auch, wie weit er als Schauspieler geht. Ein Solo-Grenzgang, der keinen Ekel kennt.