Kultur

Der Ur-Rambo der amerikanischen Kulturgeschichte

Gewalt, Geldgier, Abenteuerlust: Michael Punkes Roman ist harter Stoff

Ein Mann, ein Bär, ein Gewehr und die Schönheit der Wildnis – das könnte der Beginn einer wunderbar poetischen Geschichte über den Mensch in der Natur und eine große Freundschaft sein. Oder es ist der Anfang eines sehr fesselnden, ziemlich brutalen Überlebenskampfes, den Michael Punke in seinem Roman „Der Totgeglaubte“ erzählt. Darin wird Hugh Glass, Trapper der Rocky Mountain Fur Company im Spätsommer des Jahres 1823 von einem Grizzly angegriffen und furchtbar zugerichtet. Seine Kehle ist aufgerissen, die Kopfhaut ist, um es zurückhaltend zu beschreiben, nicht mehr da, wo sie hingehört, der Rücken zerfetzt, das Bein unbeweglich – es ist ein Wunder, dass dieser Mensch noch lebt.

Seine Mitreisenden sind trotz aller Abhärtung durch den Wilden Westen schockiert. „Es war nichts Ungewöhnliches, dass ein Grünschnabel Opfer der Wildnis wurde, aber wenn ein erfahrener Mann dran glauben musste, war es jedes Mal ein Schock.“ So sieht es Captain Henry, vom Pech verfolgter Anführer der Gruppe, die das Pelzgeschäft am Fuße der Rocky Mountains aufbauen will. Er vernäht die Wunden provisorisch und lässt zwei Freiwillige zurück, die dafür bezahlt werden, Glass ein Grab zu schaufeln, wenn er verstorben ist.

Der Film kommt im Januar – die Hauptrolle hat Leonardo DiCaprio

Als sich Arikaree-Indianer nähern, lassen die beiden – ein als Psychopath beschriebener Gewalttäter und ein abenteuerlustiger dummer Junge – Glass nicht nur allein zurück, sie nehmen ihm auch gleich alles, was er besitzt. Ohne sein Gewehr und sein Messer, ohne Nahrungsmittel und Wasser hat er keine Chance. Doch der „Totgeglaubte“ überlebt, kriecht zunächst in kleinsten Etappen in sein Leben zurück und schwört, Rache an den beiden Männern zu nehmen.

Geschichten aus dem Wilden Westen haben meistens irgendwelche „wahren“ Vorbilder, und so ist es auch in diesem Fall. Michael Punke, eigentlich US-Botschafter bei der Welthandelsorganisation in Genf, hat sich für seinen Roman der berühmten Legende um Hugh Glass angenommen, der tatsächlich übelst zugerichtet, Hunderte von Meilen allein zurückgelegt haben soll, und damit sozusagen zum Ur-Rambo der US-amerikanischen Kulturgeschichte avanciert. In der Verfilmung des Romans von „Birdman“-Regisseur Alejandro González Iñárritu, die ab Januar 2016 unter dem Titel „The Revenant“ ins Kino kommt, wird dann auch Leonardo DiCaprio die Hauptrolle spielen, der damit nun endlich auf seinen Oscar hofft.

Beim Lesen des Romans wäre einem DiCaprio vielleicht nicht sofort in den Sinn gekommen, denn auch nach dem ersten Bärenangriff, bei dem schon mal das Gesicht verstümmelt wird, bleibt die Geschichte nichts für Zartbesaitete. Glass isst verfaultes Bisonfleisch, Eichhörnchen und kleine Hunde, seine Wunden eitern, werden von Maden bevölkert und schließlich von zeitweise freundlich gestimmten Indianern mit Bisonurin ausgespült.

Ist das erste Überleben gerade einmal gesichert, lauert am Ende jeder Flussbiegung ein neuer Angriff weniger freundlicher Indianer, die sich der feindlichen Übernahme ihres Lebensraumes noch widersetzen. Die Natur und besonders die Rocky Mountains sind gewaltig, aber mit aller Pracht eben auch Hindernis, Bedrohung, Ehrfurcht einflößend. Das Rachemotiv treibt Glass voran und doch ist das eigentlich Aufregende an diesem Roman, wie Punke die Motivation all dieser Männer aufzeigt, sich den Gefahren und Widrigkeiten des Vordringens in den Wilden Westen auszusetzen: Gewaltgeilheit, Geldgier, aber auch Abenteuerlust und Entdeckergeist. Glass’ Biografie selbst liest sich hier wie ein einziger Abenteuerroman. Als Schiffsjunge gestartet, hat er es laut Punke bis zum Kapitän gebracht, wurde von Piraten angegriffen, musste bei ihnen bleiben, bis ihm eines Tages die Flucht gelang und er auf ein Zeitungsinserat der Pelzhändler einging.

Der historischen Überlieferung nach ist Hugh Glass der Fur Company auch nach Ende dieser Geschichte als Trapper treu geblieben. Beim Aufstellen neuer Fallen wurde er zehn Jahre später im Winter des Jahres 1833 von Arikaree überfallen und getötet.