Erst ist es eine Verlegenheitslösung. Das Model kommt nicht. Also bittet die Malerin ihren Gatten, das Ballerinakleid anzulegen. Der protestiert, umarmt das Kleid immerhin. Aber schon zucken die Mundwinkel, und die Art, wie er den Stoff durch die Finger gleiten lässt, spricht Bände.
Bald findet er, der selbst Maler ist, Gefallen daran, für seine Gattin Modell zu stehen. Sie nennt ihn „Lili“, wenn er als Frau posiert. Da scheint alles noch ein Spiel. Bis sie irgendwann entdeckt, dass er heimlich ihre Unterröcke trägt. Und dass das, was sie als Spaß verstand, durchaus ernst gemeint ist.

„The Danish Girl“ handelt von dem Dänen Einar Wegner, einem der ersten, der sich 1930 einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Transsexuelle erleben derzeit eine ungeahnte Popularität, sei es durch den Olympiasieger Bruce Jenner, der nun Caitleen Mary Jenner ist, oder durch die Amazonserie „Transparent“ über einen Familienvater, der als Frau weiterleben will.
Lili Elbe, die aus Einar Wegener wurde, ist quasi ihr aller Vorbild, da sie 1931, zu einer Zeit, als es für Transgender noch nicht mal einen Begriff gab, ihre Transition selbst in dem Lebensbericht „Fra mand til kvinde“ festgehalten hat. David Ebershoff hat darüber 2000 den Roman „The Danish Girl“ verfasst, wobei er sich einige künstlerische Freiheiten nahm. Tom Hoopers Adaption kommt dem wahren Fall wieder näher.
Das Leiden an der eigenen Identität
Der Brite Hooper, der schon in „The King’s Speech“ sein Gespürt für zeithistorische Stoffe (und unterdrückte Gefühle) bewies, spielt dabei anfangs ein doppeltes Spiel. So wie er den „Gefallen“, in das Kleid zu schlüpfen, inszeniert, scheint er gängigen Klischees von Coming-Outs zu erliegen, wenn etwa gestandene Ehemänner „plötzlich“ schwul werden.
Dass dem in Wahrheit ein langes Verleugnen und Doppelleben vorausgeht, wird aber früh angedeutet, mit tiefen Blicken, zarten Gesten und flüchtigen Momenten. Auch dass Einar, anfangs der bedeutendere Maler der Künstler-Ehe, immer Sehnsuchtslandschaften seiner Kindheit malt, hat einen tiefenpsychologischen Grund.
Grandiose Gratwanderung von Eddie Redmayne
Hooper zeigt dann auch den ganzen schrecklichen Weg auf, der Transsexuellen damals, als die Sexualforschung noch in den Kinderschuhen steckte, bevorstand: das Leiden an der eigenen Identität, Psychiater, die ihn für verrückt erklären oder mit obskuren Bestrafungskuren therapieren wollen. Bis die Frau im Mann schließlich in Dresden an einen Mediziner gerät, der ihr wirklich helfen will.

Die langsame Erkenntnis, im falschen Körper zu stecken, und die allmähliche Anverwandlung in eine Frau, das ist eine Gratwanderung, die schnell in billige Travestie hätte abstürzen können. Dass das nicht passiert, ist dem behutsamen, unaufdringlichen Spiel von Eddie Redmayne zu verdanken. Unglaublich, wo der junge Mime das hernimmt.
Gerade erst hat er sich in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ in den an ALS leidenden Astrophysiker Stephen Hawking verwandelt und für diesen Parforceritt zurecht einen Oscar erhalten. Da wagt er mit diesem Film gleich den nächsten Balanceakt, wieder mit einem Menschen, der in seinem Körper gefangen ist, was ihm erneut mit Bravour gelingt.

An seiner Seite glänzt aber auch Alicia Vikander als Gerda, deren größte Tragödie es ist, dass sie ihrem Gatten hilft, seine wahre Identität zu erkennen, und ihn dadurch als Mann verliert.
Dass Gerda Wegener auch lesbische Beziehungen pflegte, wird dabei aber ebenso ausgespart wie die Tatsache, dass sich das Paar getrennt hat. An dieser Stelle nimmt sich auch der Film künstlerische Freiheiten, wenn Gerda Lili bis zum letzten Schritt begleitet. Als ob man das Thema einem großen Publikum nur mit einer irgendwie funktionierenden Ehe vermitteln kann. Das ist ein bisschen ärgerlich, wird aber durch das hervorragende Spiel der Darsteller mehr als wett gemacht.





