Kino

Sebastian Koch: „Eine Bewährungsprobe für Berlin“

Erst Steven Spielbergs „Bridge of Spies“, dann „Homeland“: Sebastian Koch über Hollywood in Berlin und die Chance der Flüchtlingwelle.

„Wenn Steven Spielberg anruft, sagt man nicht Nein“: Sebastian Koch bei der Premiere des Kinofilms „Bridge of Spies“ im Zoo Palast

„Wenn Steven Spielberg anruft, sagt man nicht Nein“: Sebastian Koch bei der Premiere des Kinofilms „Bridge of Spies“ im Zoo Palast

Foto: dpa Picture-Alliance / Ben Kriemann/Geisler-Fotopress / picture alliance / Geisler-Fotop

Sebastian Koch war dieses Jahr gleich bei zwei US-amerikanischen Großproduktionen dabei: Er hat in Spielbergs „Bridge of Spies“ mitgewirkt, der kommende Woche in die Kinos kommt. Und gerade fiel die letzte Klappe der fünften Staffel der Serie „Homeland“. Wir sprachen mit dem Berliner Schauspieler über den Vorteil, wenn Hollywood nach Berlin kommt, und die jüngsten weltpolitischen Ereignisse.

Berliner Morgenpost: Herr Koch, als Sie nach Berlin zogen, ist die Mauer ziemlich bald gefallen. Haben Sie die Glienicker Brücke noch geteilt erlebt?

Sebastian Koch: Ja, ich war mal dort, ich glaube 1981. Das fühlte sich an, tja, wie im Film, so unwirklich, dass man es sich heute schon fast nicht mehr vorstellen kann. Ich muss aber auch sagen, da wir Schauspieler ja durch all die historischen Filme Zeitreisende sind, weiß ich oft gar nicht, was ich im Film erlebt habe und was nicht, weil das zum Teil so echt ist. Ich werde nie vergessen, wie wir „Der Tunnel“ gedreht haben und wie da die Mauer hochgezogen wurde. In den Studios in Babelsberg, das war so beeindruckend, dass man irgendwie das Gefühl hatte, man war dabei, also in der sogenannten wirklichen Geschichte. So ähnlich habe ich mich auch wieder bei den Dreharbeiten am Checkpoint Charlie gefühlt. Das war wirklich beängstigend und beeindruckend zugleich.

Als Steven Spielberg Ihnen die Rolle angeboten hat, haben Sie gerade in Paris einen französischen Film gedreht. Eigentlich macht man sowas nicht, oder? Mitten in einem Film einen anderen drehen?

Nein, eigentlich macht man das nicht. Nur wenn Steven Spielberg anruft, dann macht man das. (lacht)

Wie geht das? Sie sind ja wirklich von einem Set zum anderen geflogen. Wie kommt man da in die Rolle rein?

Stress! Ich saß oft im Flugzeug, das war ziemlich nervenaufreibend. Aber es gibt Angebote, die man nicht ausschlagen kann. Da ging es nicht um irgendeinen Film. Spielberg wollte mich haben. Er nahm dafür sogar Terminverschiebungen in Kauf, was bei den Amerikanern ja sonst sehr unüblich ist. Wir haben mit den Franzosen gekämpft, dass wir die Drehzeiten für beide Filme miteinander koordinieren konnten. Ich würde es sofort wieder tun, weil die Begegnung so besonders und sehr herzlich war.

Sie drehten gerade noch an einem anderen internationalen Projekt – der fünften Staffel „Homeland“. Auch das direkt vor der Haustür.

Was „Homeland“ gerade für eine Werbung für Berlin ist, das ist unbezahlbar. An manchen Drehtagen haben wir zwei bis drei mal das Motiv gewechselt, die Stadt spielt tatsächlich eine Hauptrolle. Dieses Seriendarstellerleben ist eine ganz andere Maschine, es ist vor allem eine Maschine. Normalerweise sage ich bei einem Film zu und weiß genau was auf mich zukommt. Aber hier ist alles in Bewegung, alles sehr nahe am aktuellen politischen Geschehen, eine unglaubliche Herausforderung für alle Beteiligten, da kaum Zeit zum Vorbereiten da ist.

„Bridge of Spies“, „Homeland 5“ - ist das chic, für Hollywood drehen und trotzdem Zuhause schlafen zu können?

Es ist extrem angenehm. Mir gefällt das sehr, dass diese großen Produktionen hierherkommen und sich hier auch wohl fühlen. Gott sei Dank wurde jetzt ja der Deutsche Filmförderfonds doch wieder erhöht. Das sah ja während der Dreharbeiten noch ganz anders aus. Dessen Kürzung war geradezu absurd. Die kommen ja nicht alle nach Berlin weil wir so toll sind. Sondern weil wir so toll sind und es sich rechnet. Wenn es sich aber nicht mehr rechnet, können wir so toll sein, wie wir wollen ...

Ist es anders, mit einem US-amerikanischen Team zu drehen als mit einem deutschen?

Ich glaube, es ist anders, mit Steven Spielberg zu drehen. Meine „Die Hard 5“-Erfahrung kann man damit kaum vergleichen. Natürlich war das spannend, da mal reinzuschnuppern, aber das hatte mit mir nicht wirklich viel zu tun. Das sind schon große Unterschiede. Das Beeindruckende bei Spielberg: Da ist zwar diese ganze Aufgeregtheit, Hollywood at its best, und doch ist am Set alles so entspannt, vermutlich, weil er eine richtige Stammfamilie um sich geschart hat über die Jahre. Ich sag das so oft, aber es ist immer wieder wahr: In der Kunst ist es völlig uninteressant, zu wissen, wie es geht. Es macht nur Spaß, wenn jemand eine Idee hat, aber groß genug ist, andere Starke neben sich zuzulassen und sie machen zu lassen. Schauspieler ist ein sehr eitler Beruf, aber mir macht es eigentlich nur richtig Spaß, wenn all diese Eitelkeiten nicht dabei sind. Ich suche mir, so oft es geht, Drehmöglichkeiten mit Menschen, die sich nicht ausschließlich selbst feiern, sondern etwas vorhaben.

Sie haben viel im Ausland gedreht in letzter Zeit. Kommen von da momentan die interessanteren Angebote?

Ja.

Wenn das so ist, werden Sie dann nicht doch von Berlin wegziehen? Lockt Hollywood Sie manchmal?

Ich würde jetzt nicht sagen, ich werde nie nach Hollywood ziehen. Bei mir entwickeln sich die Dinge meist einfach so, da ist gar nicht so viel Karriereplanung dabei. Aber da ist jetzt nicht so eine große Sehnsucht nach Los Angeles, im Gegenteil: Ich bin heilfroh, dass viele Produktionen gerade so gern hierherkommen. Ich bin Europäer, habe hier meine Wurzeln und fühle mich auch in Berlin momentan sehr wohl. Zumal durch den Zuwachs der Flüchtlinge die Stadt vor einer völlig neuen Herausforderung steht, der sie, so denke ich, auch gewachsen sein könnte. Die erste große Bewährungsprobe nach der Wende für die Weltstadt Berlin.

Sie sehen das als Chance? Die meisten verbinden ganz viele Ängste damit.

Wir sind an einem Wendepunkt. Wir sind so bequem geworden in unserer scheinbaren Sicherheit, die wir uns geschaffen haben, die aber wohl zum Tode verurteilt ist. Ich finde wirklich spannend, was da gerade passiert. Wir müssen aus diesem Kokon, aus diesem fetten, eingemachten Saft raus. Und eben nicht nur spenden, sondern geben, teilen. Das wird eine große Umstellung, aber es kann auch eine große Chance sein, wieder mehr am Leben teilzunehmen. Und egal, wie man es wendet und dreht, ein Zurück gibt es sowieso nicht mehr. So viel Stacheldrahtzaun gibt es gar nicht, mit dem wir uns abschotten könnten.

Gibt es etwas, das Sie als Künstler direkt machen können?

Indem ich darüber rede. Alle müssen jetzt helfen und sich Gedanken machen. Das Thema ist nicht mehr irgendwo, all abendlich in den Nachrichten zu betrachten, aus der sicheren Entfernung, es ist buchstäblich vor unserer Haustür. Und das zwingt uns, dass wir uns damit beschäftigen. Es wird sicherlich auch uns verändern und gerade darin liegt ein großer Reiz.

Befürchten Sie nicht, die Stimmung könnte nach den jüngsten Anschlägen kippen?

Neue Wege sind immer mühsam, und man weiß nicht, wohin sie führen. Aber Gewalt mit Gewalt zu vergelten, hat langfristig noch nie zum Ziel geführt.