Kino

„Ich bin nicht der Typ, der sich dem Kummer hingibt“

Roland Emmerich stellt in Berlin seinen neuen Film „Stonewall“ vor. Und spricht über das Alter und wie weh schlechte Kritiken tun.

Foto: dpa Picture-Alliance / Chris Pizzello / picture alliance / AP Images

Am 10. November erst hat er seinen 60. Geburtstag in Los Angeles gefeiert. Jetzt ist Roland Emmerich in seinem Zweitwohnsitz in Berlin, wo er am Dienstagabend seinen neuen Film im Kino International vorstellte: „Stonewall“ über die Krawalle von 1969 in New Yorks Christopher Street, die der Beginn einer weltweiten Schwulenbewegung waren. Der offen schwule Regisseur wird ja immer auf Katastrophenfilme wie „Independence Day“ oder „2012“ reduziert, dieses Drama aber sei ein „Herzensprojekt“ gewesen. Das sagte er uns gut gelaunt im Gespräch kurz vor der Premiere im Hotel de Rome.

Berliner Morgenpost: Nochmals herzlichen Gratulation zu Ihrem 60. Fühlt sich das jetzt anders an, mit der Sechs davor?

Roland Emmerich: Schon, ja. Meine Mutter ist jetzt 88 geworden und ist noch immer quicklebendig. Andererseits macht man sich schon Gedanken, wie viel Zeit man noch hat. Ich muss mich ein bisschen beeilen, wenn ich noch all die Filme machen will, die ich plane. Und ich spüre es. Ich bin kein Regisseur, der den ganzen Tag rumsitzt. Ich springe immer auf dem Set herum. Und bei meinem neuen Film „Independence Day: Resurgence“ haben meine Knie nicht mehr so mitgemacht. Das war für mich ein Schock. Wenn du nicht mehr rennen kannst, beeinflusst das deine Arbeit enorm. Vielleicht sollte ich den Film „Independence Day: The Downfall of the Knees“ nennen.

Und wie feiert man in Hollywood den 60.? Riesenparty oder ganz im kleinen Kreis?

Diesmal wollte ich keine große Party. Das war nur mit engen Freunden, allen, die mir wichtig sind. Einige konnten nicht, weil sie in Deutschland waren. Mit denen feiere ich jetzt auf der Premiere. Auch mit meiner Mutter.

Wenn man vier Tage nach den Anschlägen in Paris eine Premiere feiert, hat man dabei ein mulmiges Gefühl? Oder muss man dann erst recht feiern?

Das ist immer eine wahnsinnig schwierige Frage. Nicht zu feiern, das wäre doch genau das, was sie wollen. Dass man Angst hat, dass man nicht mehr das tut, was man machen würde. Aber natürlich werden das nicht die letzten Anschläge gewesen sein. Das muss man leider sagen. Ich finde das schrecklich. Ich verabscheue Gewalt. Das ist übrigens etwas, was mich an den Stonewall-Krawallen 1969 so beeindruckt hat: dass bei diesen Straßenkämpfen eigentlich nichts passiert ist, dass da keiner verletzt wurde. Da geht bei jedem normalen Fußballspiel zwischen England und Deutschland mehr kaputt.

Womit wir schon mitten im Film sind. Wann sind Sie das erste Mal bei einer Christopher-Street-Day-Parade mitgelaufen? Und laufen Sie heute auch noch mit?

Bei meinem ersten CSD war ich schon 28 oder 29 und bereits in Amerika. Inzwischen mache ich da aber nur noch so halbstündige Besuche, um mich mal sehen zu lassen und kurz zu winken. Dafür habe ich drei, vier Mal mit Bryan Singer große Partys geschmissen, „Pride Partys“. Einmal waren da 1200 Leute auf meinem Grundstück. Danach habe ich allerdings gesagt: Jetzt ist Schluss.

Jetzt haben Sie einen Film über den Ursprung der weltweiten Schwulenbewegung gedreht. Ist das nicht seltsam, dass da erst ein deutscher Regisseur kommen musste?

Ja. Sie haben mich dafür auch nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Auch nicht meine Gay Community.

Vorab hat man dem Film „Whitewashing“ vorgeworfen und zum Boykott aufgerufen. Absurde Vorwürfe, wenn man den fertigen Film sieht. Hat Sie das getroffen?

Ja. Da hat irgendjemand den Trailer gesehen, uninformiert gebloggt, und alle andere haben da abgeschrieben. Und wenn der Film rauskommt, will’s keiner gewesen sein. Wir waren alle schockiert, auch die Schwulenaktivisten unter meinen Freunden.

Sie sind schlechte Kritiken ja gewohnt. Tut das trotzdem weh, gerade bei so einem Herzensprojekt?

Natürlich. Da fällst du für ein, zwei ­Wochen in ein totales Loch. Ich bin ­Häme gewohnt, aber so viel ist mir noch nie entgegengeschlagen. Und dass sie gerade aus meiner Community kommt, trifft dann noch mal. Aber ich bin nicht der Typ, der sich damit lange herumschlägt. Ich bin auch viel zu beschäftigt, um mich auf Dauer dem Kummer zu ergeben.

Sie haben schon mit Ihrem Shakespeare-Film „Anonymous“ bewiesen, dass Sie auch Drama können. Frustriert das, wenn man Sie trotzdem immer auf den „Master of Disaster“ reduziert?

Ja. Absolut. Ich finde, auch in meinen Katastrophenfilmen geht es um Charaktere und Konflikte. Wenn Figuren nicht funktionieren, kannst du keinen Film machen, dann kannst du nach Hause gehen. Das wird aber immer so ein bisschen belächelt. Dabei ist es viel einfacher, einen Film wie „Anonymous“ oder „Stonewall“ zu drehen. An einem Blockbuster hängen Millionen, wenn der nicht funktioniert, muss das Studio Leute entlassen und du bist verantwortlich. Ich liebe aber alle Filme, die ich mache. Ich lasse mich auch nicht auf ein Genre reduzieren.

Neben „Stonewall“ startet demnächst auch das Lesbendrama „Carol“ mit Cate Blanchett und „The Danish Girl“ über die erste intersexuelle Künstlerin der USA. Sind Minderheiten im Kino heute mainstream-tauglich? Oder ist das bloß Zufall?

Es wird heute schon viel offener über Randgruppen geredet. Im neuen „Independence Day“ etwa gibt es ein schwules Paar. Und kein Wort wird darüber verloren, niemand kommentiert das. Auch das Studio hat nicht ein einziges Mal was gesagt. Beim ersten Teil hatten sich noch alle darüber aufgeregt, dass der Pilot von einem Schwarzen gespielt wurde. Zumindest die weißen Schwulen haben es heute geschafft. Es gibt inzwischen Milliardäre wie David Geffen, die offen dazu stehen. Aber wenn du schwarz bist oder transgender, hast du keine Zukunft. Deshalb kam wohl auch dieser Vorwurf, dass die sich nicht repräsentiert fühlten. Das kann ich sogar nachvollziehen, nur haben die da eben an den falschen Baum gemacht. Die sollten sich vielleicht mal an die Kirche wenden. Oder an die Republikaner.

Wie viel hat sich seit Stonewall überhaupt gesellschaftlich verändert?

Super viel. Und dann auch wieder gar nichts. Es werden ja auch immer noch schwarze Kids von Polizisten erschossen, nur weil sie schwarz sind. Genauso wird es immer „Gay Bashing“ geben, werden weiter Schwule verprügelt, nur weil sie schwul sind. Wir sind heute allerdings so politisch korrekt geworden, dass eigentlich niemand mehr etwas sagen darf. Es gibt in den USA regelrechte Regelwerke. Allein für „Gay Terminology“ gibt es da drei, vier Seiten, was man sagen darf und was ein absolutes No-No ist. Das ist eine Political Correctness, die komplett daneben geht. Aber ändern wird sich dadurch gar nichts.

Immerhin: Selbst im tiefsten Texas dürfen Schwule seit Kurzem heiraten. In Deutschland sind sie noch immer nicht ganz gleichgestellt. Ist das ein Armutszeugnis?

Ja. Das ist ein absolutes Armutszeugnis. Auf der anderen Seite haben sich die Deutschen gegenüber den syrischen Flüchtlingen vorbildlich verhalten. Da habe ich mich geschämt für die Amerikaner.