Kultur

Jetzt ist aber wirklich ausgespielt

Mit „Mockingjay Teil 2“ findet die „Tribute von Panem“-Reihe zu ihrem längst überfälligen Ende

„Endlich“, sagt eine Mitstreiterin zu Katniss Everdeen, der Protagonistin der „Tribute von Panem“-Filme, „endlich kommst du mal zur Sache.“ Die unfreiwillige Heldin der Hungerspiele will sich nicht mehr manipulieren, nicht länger fremdbestimmen lassen. Sie möchte der Diktatur, durch die sie und das Volk so viel Leid erfahren mussten, ein für alle Mal ein Ende setzen und den letzten Pfeil in ihrem Robin-Hood-Köcher auf den bösen Präsidenten Snow abschießen. Und der Zuschauer möchte zustimmen: Endlich kommt der Film mal zur Sache! Aber man ahnt schon, es kommt doch wieder anders.

Überzogene Medienkritik auf zynische Fernsehformate

Die „Tribute von Panem“-Filme funktionieren nach einem Prinzip verzögerter Spannungsdramaturgie. Im ersten Teil dieser in einer finsteren Zukunft spielenden Dystopie wurden Jugendliche in den Wald geschickt, um sich gegenseitig abzuschlachten – als Belustigung fürs Fernsehvolk, das aus Angst stillhält. Eine krude, ja abstoßende Fantasie, die Bestsellerautorin Suzanne Collins da entwickelt hat. Und die man nur, wenn man der Vorlage wirklich gut sein wollte, als überzogene Medienkritik auf Dschungel-Camp, Big-Brother-Container und andere zynische TV-Formate interpretieren mochte. Am Ende von Teil eins aber wollte die Heldin nicht mehr. Und man dachte, jetzt kommt sie, die Revolution.

Von wegen. In Teil zwei gab es noch ein weiteres Hungerspiel, diesmal sogar ein verschärftes. Am Ende dachte man, jetzt muss sie aber wirklich kommen, die Revolution. In Teil drei dagegen sollten die Rebellen, die doch alle längst loskämpfen wollten, erstmal mobilisiert und ertüchtigt werden. Mit Fernsehpropaganda. Und Katniss als Gesicht der Rebellion. Aus war es da mit der Medienkritik. Fortan hieß es gute Medien, böse Medien. Jetzt aber, in Teil vier, hat Katniss keine Lust mehr, vor der Kamera den Kampf zu propagieren. Sie will endlich wirklich in den Kampf.

Aber nein, auch diesmal wird der finale Showdown ärgerlich hinausgezögert. Aus irgendeinem Grund muss erst ein weiterer Distrikt erobert werden, bevor es ins Zentrum des Systems, zum Kapitol von Panem geht. Und auch da stehen sich die Rebellen nicht den Star-Wars-ähnlichen Soldaten von Präsident Snow (Donald Sutherland) gegenüber. Snow hat vielmehr die Vororte der Hauptstadt räumen lassen und überall fiese Fallen für die Rebellen aufgestellt. Nebst, man ahnt es, Kameras, die das alles aufzeichnen sollen. Da schwant denn auch den Mitstreitern von Katniss, dass dies irgendwie wieder ein Hungerspiel wird, ein letztes.

Hier verrät sich die allzu schematische Grundstruktur der Buchtrilogie. Pro Band ein Spiel. Was bei der Filmreihe nicht ganz hinhaute, weil Produzenten solcher Merchandising-Reihen heutzutage den Hals nicht mehr voll bekommen können und, wie bei „Twilight“ und „Harry Potter“, das letzte Buch in zwei Filme aufgeteilt wurde. Dieses allerletzte Hungerspiel fühlt sich nun ein bisschen wie der Kampf um Berlin an, denn Teil vier wurde zu großen Teilen in der deutschen Hauptstadt gedreht – damit das ohnehin faschistoide Regime von Panem adäquate Nazikulissen bekommt.

Ein einziger Gesichtsausdruck reicht für vier Filme

Trotz aller vorgegebener Action und dem bisschen Herzschmerz, das Katniss (Jennifer Lawrence) zwischen ihrem Jugendfreund Gale (Liam Hemsworth) und ihrem Spielemitbestreiter Peeta (Josh Hutcherson) schwanken lässt, bleibt genug Leerlauf in diesen überlangen 140 Minuten, dass man über so manches Abwegige sinnieren kann. Wie es nur möglich ist, dass ein Schauspieler wie Liam Hemsworth mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck durch vier Filme kommen kann. Oder was für schlechte Geschichtslehrer die Autorin Suzanne Collins auf der Schule gehabt haben muss bei all den pseudorömischen Anspielungen, die sie in ihrem Panem eingerichtet hat.

Vor allem aber muss man sich fragen, was Jugendliche so fasziniert an Dystopien wie „Panem“ oder anderen Buchreihen wie „Die Bestimmung“, „Maze Runner“, „Hüter der Erinnerung“, die alle verfilmt werden, in ähnlich dunkler Zukunft spielen und bei denen ebenfalls Jugendliche gegen eine übermächtige Diktatur ankämpfen müssen. Es bleibt dabei stets bei sehr beliebigem, austauschbarem „Schwarzweiß-Gutböse-Denken“, das stets mit jugendlichem Trotz zu überwinden ist. Da verfangen all die Analogien, die zerbombte Straßenzüge etwa zu Syrien nahelegen, nicht. Und da erscheint es sogar nahezu absurd, wenn, wie im vergangenen Jahr, Demonstranten im realen Thailand den Dreifingergruß der Panem-Rebellen bei ihren Protesten verwenden.

Jennifer Lawrence spielt gleichwohl, und das ist das eigentliche Ereignis dieses Vierteilers, gegen all das Schablonendenken der Filmemacher tapfer an. Und wirft alle Strahlkraft ihrer gerade mal 25 Jahre dafür in die Waagschale. Und noch einmal, ein wirklich allerletztes Mal dürfen wir hier Philip Seymour Hofman erleben, der bekanntlich verstarb, bevor der letzte Teil abgedreht wurde, von dem aber, ähnlich wie jüngst bei Paul Walker im letzten „Fast & Furious“-Film, Archivmaterial verwendet werden konnte. Was aber doch, irgendwie, auch ein treffliches Sinnbild für die merkwürdige Leblosigkeit der Filmreihe hergibt.

Immerhin: Ganz am Ende kommen sie wirklich zur Sache. Auch wenn die finale Auseinandersetzung gar nicht gezeigt, sondern wie auf der Bühne als Mauerschau berichtet wird. Dafür lockt „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2“ mit dem triefigsten Happy End der letzten Jahre. Vielleicht sollte man Bestseller doch nicht Wort für Wort verfilmen, sondern zuweilen auf verdichtende Kinodramaturgie setzen. Ist aber nur so ein Tipp.