Deutsche in Hollywood

James Bond: Die besten Bösen sprechen immer deutsch

Christoph Waltz spielt den Oberschurken im neuen James Bond 007 Film „Spectre“ und führt damit eine gute alte Tradition fort.

Christoph Waltz ist bei 007 der erste deutschsprachige Oberböse seit 30 Jahren und vervollständigt damit sein Bösewicht-Portfolio

Christoph Waltz ist bei 007 der erste deutschsprachige Oberböse seit 30 Jahren und vervollständigt damit sein Bösewicht-Portfolio

Foto: Facundo Arrizabalaga / dpa

Bescheidenheit klingt anders. In einer Umfrage, welchen Bond-Bösewicht er denn für den besten halte, hat Christoph Waltz schlicht: „Ich“ geschrieben. Das mag Größenwahn sein. Oder gewiefter Teil der Performance. Denn eins macht der neue Bond „Spectre “ ja schon mal richtig. Der Bösewicht wird von einem Deutschen gespielt. Oder doch einem deutschsprachigen Schauspieler.

Zu verdanken haben wir das alles erstaunlicherweise der Berlinale. Denn hier saßen vor anderthalb Jahren Barbara Broccoli, die Bond-Produzentin, und Christoph Waltz, der Tarantino-Böse, beide in der Internationalen Jury. Tuschelten miteinander, wenn man’s nicht einen Flirt nennen wollte. Ich habe ihn verführt, verriet uns Frau Broccoli im Interview.

Christoph Waltz mit Bond-Darsteller Daniel Craig (r.) und „Miss Moneypnny“ Naomi Harris in Berlin Getty Images for Sony Pictures Sean Gallup

Wenn’s mal nicht umgekehrt war, meinte Waltz ein Gespräch weiter. Das Drehbuch zu „Spectre“ war noch gar nicht fertig. Broccoli konnte ihm also noch gar nichts anbieten. Aber sie deutete schon an, dass sie ihn gern mit dabei haben wollte. Und hatte davon geträumt. Beim Drehbuch hatten sie ihn schon irgendwie im Kopf. Als sie das Angebot schließlich machten, waren sie sehr aufgeregt, ob er zusagen würde. Was er sofort tat.

„I’m blond, I’m bold, I’m German“

Ob Waltz nun als gebürtiger Wiener Österreicher ist oder als Überzeugungs-Berliner Deutscher, das soll hier nicht diskutiert werden. Als Franz Oberhauser aber, der jener Geheimorganisation vorsteht, die dem 24. Bond-Abenteuer den Titel gibt, hält er nicht nur alle Strippen in der Hand.

Waltz reiht sich damit auch in eine illustre Ahnengalerie von Bösen mit deutschem Zungenschlag ein. „I’m blond, I’m bold, I’m German“, so hatte sich 1996 Götz Otto beim Casting für Bond Nr. 18 „Der Morgen stirbt nie“ vorgestellt.

Auch Otto hatte erkannt, dass ein deutscher Akzent ein wichtiges Accessoire des Bösen ist und zum Bond-Universum gehört wie der Martini und der Aston Martin. Er bekam den Job. Auch wenn er „nur“ der Handlanger war.

Gift im Schuh: Lotte Lenya mit Sean Connery in „Liebesgrüße aus Moskau“ picture alliance / akg-images


Es gibt im klassischen Bond ja immer zwei Schurkenrollen: den wahnsinnigen Oberbösewicht, der es stets auf die ganze Welt abgesehen hat, und den willfährigen Helfer zu seiner Rechten, der die Drecksarbeit erledigt.

Den Anfang dieser Tradition machte Lotte Lenya, übrigens auch eine Wienerin, die erst in Berlin zum Star geworden war. Was für ein Coup: Die ewige Seeräuber-Jenny, die Brecht-Muse und Weill-Witwe sollte etwas Hochkultur ins Popcornkino bringen.

In Bond Nr. 2 „Liebesgrüße“ war sie als abtrünnige KGB-Spionin die „Nummer Zwei“ hinter Bonds Nemesis Blofeld. Und wurde mit einem Schuh ausgestattet, aus dem sie, nicht sehr gentleman-like, einen Giftstachel ausfahren konnte. Wie eine Wespe. Der preußische Stechschritt bekam da eine ganz andere Bedeutung. „Wann immer ich zu Dinnerpartys ging“, stöhnte sie einmal, „als erstes schauten die Leute auf meine Schuhe“.

Bösewicht bekommt Standpauke von seiner Ehefrau

Dann kam „Goldfinger“ (1964) mit Gert Fröbe. Die Bond-Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman wollten unbedingt diesen „dicken Bösen“, den sie in der Dürrenmatt-Adaption „Es geschah am helllichten Tage“ als Kindesmörder gesehen hatten. Der Sachse zauderte: „Lauter Tote... ich glaube, ich werd’ das nicht machen.“

Bis ihm seine Frau Beate den Kopf wusch: „Bist du wahnsinnig? Das ist die Chance deines Lebens.“ Fröbe wurde – obwohl er gar kein Englisch konnte und trotz emsiger Nachhilfe nachsynchronisiert werden musste – der erste deutsche Oberschurke bei 007. Und war buchstäblich sagen-haft. Weil er als moderner Midas alles zu Gold macht, was er anfasst.

Auch sein Mädchen, wenn es abtrünnig wird. Denn auch darum geht es immer zwischen Bond und dem Bösen: wer das Mädchen kriegt. Und wer die höhere Potenz hat.

Geradezu ikonographisch daher die Szene, in der Goldfinger mit einem phallus-artigen Laserstrahl Bond zerteilen will und beim Gemächt anfängt. Goldfinger wurde zum Vorbild, zur Messlatte für alle späteren Gegenspieler.

Zu den Guten haben es die Deutschen bei Bond nie geschafft

Karin Dor wurde für „Man lebt nur zweimal“ 1967 als erstes deutsches Bond-Girl angekündigt. Wer wäre besser dafür geeignet gewesen als die Wiesbadenerin, die gerade erst in der Neuverfilmung der „Nibelungen“ – neben Hammerwerfer Uwe Beyer als Siegfried – gespielt hatte. Aber eben nicht als Kriemhild, sondern als Brunhild. Und damit war auch ihr Bond-Schicksal vorgegeben: Zu den Guten haben es die Deutschen bei Bond nie geschafft.

Dafür durfte sie mit dem Helden Kräfte messen. Als Nummer Elf fliegt sie erst walkürengleich mit Hubschrauber ein, darf dann den Agenten verführen und schließlich, wieder im Flieger, etwas tun, was sonst allein Bond vorbehalten ist: aufs Knöpfchen drücken und befallschirmt aus der fliegenden Kiste sausen. Bis sie am Ende ein spektakuläres Ende im Piranha-Becken findet.

Dann gab es eine längere Pause bis zu Curd Jürgens als Unterwasser-Patriarchen namens Stromberg, womit man inzwischen eher seine Fernsehserie verbindet. Der Münchner war nicht glücklich über seinen Part: Er habe ja „nur Knöpfchen drücken dürfen“, klagte er später. Schlimmer: Er war bloß Zitat seiner selbst.

Wer hat den Größeren, wer den Längeren

Bei den Salzburger Festspielen hatte er den Jedermann gespielt, und so wie der auf dem Domplatz, sitzt Stromberg in „Der Spion, der mich liebte“ (1977) an einer langen Tafel, salzburg-gerecht zu Mozart-Klängen, mit dem Unterschied, dass Buhlschaft und Gäste nicht vor dem Tod weglaufen, sondern er sie selbst dahin schickt.

Er hat überdies unter dem Tisch eine Pistole mit obszön verlängertem Lauf versteckt, in den Bond sein (kleineres) Pistolenrohr steckt. Da ist es wieder, das vertraute Potenz-Gehabe.

Der Nazi-Horro schwingt immer mit

Das tiefgründig Erschütternde hinter all diesen frühen Bond-Filmen war, dass ein ganz anderer Deutscher im Hintergrund all die Walt- und Schaltzentralen für diese Bösen entwarf: der Berliner Ken Adam, der als Jude einst von den Nazis fliehen musste und das Holocaust-Trauma in dieser Serie verarbeitete.

Nazi-Grauen und Holocaust-Horror schwangen also unterschwellig immer mit, am deutlichsten bei Goldfinger, der seine Konkurrenten mit Gas ausschaltete. All diese Großmachtsfantasien, die am Ende in Schutt und Asche zerfallen.

In der Ära nach Ken Adam als genialischem Production Designer verliert sich diese finstere zweite Ebene ein wenig. Die Deutschen waren weiter dabei, kamen über den Handlanger aber nicht mehr heraus. Und wurden immer unwichtiger.

Ein schleichender Bedeutungsverlust. Gottfried John ist in „Golden Eye“ (1997) nur noch der dritte Schurke (nach Sean Bean und Famke Janssen) und wird schnöde aus dem Bild geschossen.

Clemens Schick hatte in „Casino Royale“ (2006) nur einen einzigen Satz zu sagen, und selbst der wurde im Nachhinein rausgeschnitten. Einen grandiosen Auftritt absolvierte dagegen Klaus-Maria Brandauer, noch ein Österreicher, in „Sag niemals nie“ (1983). Dem einzigen 007-Film außerhalb der Reihe, mit dem Ur-Bond Sean Connery noch mal zurückkehrte. Und Brandauer seine Weltkarriere startete. Was für eine illustre Runde.

Christoph Waltz - der erste deutschsprachige Oberböse seit 30 Jahren

Und jetzt also Waltz. Wer wäre geeigneter als er, der für seinen Nazi-Leutnant in Tarantinos „Inglourious Basterds“ seinen ersten Oscar bekam? Der danach auch in „Green Hornet“, „Big Eyes“ und selbst „Die drei Musketiere“ immer den Bösen gibt.

Fast scheint es, als wäre ein Bond-Angebot das einzige Angebot, das noch fehlte, das noch ausstand in dieser Null-auf-Hundert-Karriere. Durch seinen „Basterds“-Leutnant schwingt auch wieder ein bisschen Nazi-Abgrund hinein.

Und Waltz ist nicht nur wieder der erste deutschsprachige Oberböse seit 30 Jahren: Er hat auch, wie in „Spectre“ gezeigt wird, alle Schurken aus den drei Bond-Filmen zuvor auf ihn angesetzt. „Der Urheber all deiner Schmerzen“, wie er im Film sagt.

Christoph Waltz hat Bond immer als Phänomen gesehen – und hätte sich daher nie träumen lassen, selbst einmal ein Teil davon zu werden. Er könnte, sagt er, das Ganze auch seriöser erklären und von modernem Mythos sprechen. Er sieht die Reihe aber eher als „Kaschperl­theater“ (und spricht das mit „sch“ aus) und in der Tradition des Nestroy’schen Volkstheaters. Wieder deutsche Wurzeln also.

Gibt Waltz auch im nächsten Bond den Oberschurken?

„Auch das Kaschperltheater hat Archetypen, die in einem bestimmten Verhältnis und Konflikt zueinander stehen.“ Waltz kann sich noch genau erinnern, als Kind einmal ein früh politisch korrektes Kaschperltheater gesehen zu haben, in dem kein Krokodil vorkam. Der Polizist war ein Freund und Helfer, keiner hat keinen geschlagen. Er war empört. Das war kein Kaschperltheater!

In dieser Lesart ist Waltz in „Spectre“ das Krokodil. Es ist böse, faucht und wird auch geschlagen. Aber es kommt nicht um. Hält man sich da womöglich ein Türchen offen, dass Waltz auch im nächsten Bond wieder den Gegenspieler gibt?

Die Frage hat der Schauspieler nun wirklich nicht erwartet. „Das ist derzeit überhaupt kein Thema. Es gibt noch so viel mit diesem Film zu machen. Fertig ist die Arbeit an einem Film, wenn er im Bewusstsein des Zuschauers angekommen ist. Das findet jetzt so in den nächsten zwei Monaten statt. Und dann, glaube ich, werden erst mal alle schnaufen.“