Neuer Film

James Dean: Der Mensch hinter den Bildern

Sechs Tage vor seinem 60. Todestag startet ein neuer Film über James Dean: „Life“ nähert sich dem Star über den Umweg eines Fotografen.

Zwei Künstler, die nach oben drängen: Robert Pattinson (r.) als Fotograf Dennis Stock und Dane DeHaan als James Dean

Zwei Künstler, die nach oben drängen: Robert Pattinson (r.) als Fotograf Dennis Stock und Dane DeHaan als James Dean

Foto: Universum Film / dpa

Um ein Haar wäre das Foto gar nicht zustande gekommen. Wochenlang hatte Dennis Stock darum betteln müssen, hatte den Star fast gestalkt. An jenem Tag war der Magnum-Fotograf krank, hatte längst aufgegeben und wollte eigentlich nur Tschüss sagen. Dann regnete es auch noch in Kübeln. Aber dann hat er es doch noch geschossen, das berühmte Foto von James Dean am Times Square. Jeder kennt es. Wie der Schauspieler, die Kippe im Mund, den Kragen des Mantels hochgeklappt hat und die Hände tief in den Taschen vergräbt. Aber doch verschmitzt durch die Pfützen stapft.

Das Foto ist derzeit in Berlin zu bewundern, in der c/o-Galerie, die gerade 100 Jahre Leica feiert. Es ist aber längst Allgemeingut: durch Postkarten, Poster, Kaffeetassen und andere Kitschdevotionalien. Nun kommt am Donnerstag, nur sechs Tage vor dem 60. Todestag von James Dean, ein Film in die Kinos, „Life“, der just davon handelt, wie dieses Bild entstanden ist, das das Image von James Dean als Rebell entscheidend mitprägen sollte.

lnbegriff einer neuen Jugend

James Byron Dean war gerade mal 24 Lenze jung, als er am 30. September 1955 mit seinem Porsche bei völlig überhöhter Geschwindigkeit in einen anderen Wagen raste. Letztlich war dem aufstrebenden Schauspieler gerade mal ein halbes Jahr Ruhm vergönnt: Am 9. März war „Jenseits von Eden“ in die Kinos gekommen, nur zwei Tage davor war in „Life“, einem der größten Magazine der USA, jene Fotoserie von Stock erschienen.

Deans zweiter Film, „Rebel with­out a cause“, lief erst am 27. Oktober, knapp einen Monat nach seinem Tod, an, „Giganten“ sogar erst im Dezember 1956. Für beide Filme wurde Dean, als erster Schauspieler überhaupt, posthum für einen Oscar nominiert. Beide Male umsonst. Aber das tat seinem Ruhm keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Rebell für Generationen

Mehr als jeder andere steht Dean für den Inbegriff einer neuen Jugendkultur. Einer neuen, ambivalenten, auch sexuell indifferenten Männlichkeit. Eine einzige Kampfansagen an die glatten Mannesbilder jener Jahre. Der Titel seines zweiten Films wurde zur Metapher schlechthin.

Dass „Rebel without a Cause“ in Deutschland unter dem biblischen Titel „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ herauskam, sagt mehr über die erzkonservative Republik jener Zeit aus als über die Halbstarken, für die Dean hier – stellvertretend für eine ganze Generation – gegen die Alten, gegen die Gesellschaft, die Norm rebelliert.

Es hatte zuvor schon einen anderen Rebellen im Kino gegeben, der auch der bessere Schauspieler war und den Dean dreist kopierte: Marlon Brando. Aber der ist alt und fett geworden und hat bald nur noch durch seine Starallüren von sich reden gemacht. Deans jäher, früher Tod, der ja auch eine Grenzüberschreitung war, sorgte dagegen für eine ewige Jugend.

Angst vor der Übergrößen-Rolle

Und ein ewiges Versprechen. Nie alt, nie einer vom Establishment zu werden. Eine Ikone, die nie die Gelegenheit hatte, sich selbst zu zerstören. James Dean stellt den recht merkwürdigen, einsamen Casus eines Filmstars dar, bei dem es mehr Filme über als mit ihm gibt. Nachwuchsdarsteller wie James Franco und Casper Van Dien haben ihn schon verkörpert, bevor sie selber Stars geworden sind.

Der jüngste Dean-Film ist kein Biopic, das die ganze Vita herunterspult. Er nähert sich seinem Sujet auf kunstvolle Weise: Indem er sich über den Fotografen an den Schauspieler heranmacht. Und so die letzten Tage vor dessen Durchbruch dokumentiert. Im Grunde ist es die Geschichte zweier junger, ambitionierter Künstler, die beide Ruhm und Unabhängigkeit suchen.

DeHaan spielt Pattinson glatt an die Wand

Auch Stock ist es leid, immer nur PR-Fotos und Drehbesuche zu absolvieren, er träumt von einer eigenen Ausstellung. Und der Rising Star soll ihm diese Tür öffnen. Der pfeift allerdings darauf. Bis er dann nicht nur am Times Square durch die Pfützen stapft, sondern auch einen lang versprochenen Ausflug in seine Heimatstadt einlöst. So entsteht ein einmaliger, sehr persönlicher Foto-Essay, der die damals übliche glamouröse Starabbildung weit hinter sich lässt und einen sensiblen, verletzlichen Menschen fokussiert.

Die eigentlich undankbare Deansche Übergrößenrolle kommt Dane DeHaan zu. Der 29-Jährige ist hierzulande noch kaum ein Begriff, auch wenn er in den neuen „Spiderman“-Filmen die James-Franco-Rolle übernommen hat und in den USA gern mit dem jungen Leonardo DiCaprio verglichen wird. Jetzt wird er noch einen weiteren Vergleich aushalten müssen den mit James Dean. Mehrfach hat er die Rolle abgelehnt, um dann doch zuzusagen.

Zum Glück. DeHaan ist Dean in einigen Szenen nicht nur verblüffend ähnlich. Über alle vordergründigen Übereinstimmungen hinaus spielt er auch mit Bravour. Und drückt Robert Pattinson glatt an die Wand, der als Dennis Stock immer nur einen einzigen, verbissenen Gesichtsausdruck findet. Bei dem Kräfteverhältnis der beiden hätte man sich durchaus etwas mehr Tiefe gewünscht. Da bleibt der Film doch etwas an der Oberfläche.

Der Regisseur weiß, wovon er erzählt

Aber es geht Anton Corbijn, dem Regisseur von „Life“,­ vor allem um die Macht der Bilder. Und da kennt er sich aus. Corbijn ist selbst ein Porträtfotograf von Weltrang, dem die Berliner c/o-Galerie im November übrigens ebenfalls eine große Ausstellung widmet. Er hat vor allem ­Musikstars abgelichtet und zu Ikonen gemacht, bevor er zur Filmregie („Control“, „A Most Wanted Man“) wechselte.

Von tagelangen Ausflügen mit einem Star, wie es Stock gelang, wird auch Corbijn nur geträumt haben. Dass sich der Herr Regisseur selbst einen Kurzauftritt als Paparazzo gönnt, ist aber auch nicht ohne Ironie.

Auch wenn Corbijn in „Life“ vieles auslässt, etwa die sexuellen Exzesse Deans, die ja auch einen Teil seines Rätsels ausmachen: Vor der doppelten Linse, der Filmkamera und der Leica des Fotografen, ist Corbijn ganz bei sich. Er erzählt von einer Verklärung noch zu Lebzeiten. Von Abbildern, die ein Eigenleben entwickeln. Und letztlich von Schnappschüssen in die Ewigkeit.