Bescheidenheit war noch nie eine Tugend des Filmregisseurs Oliver Hirschbiegel. „Dies“, sagte er bei der Premiere seines neuen Films „Elser“ im Februar auf der Berlinale im Brustton der Überzeugung, „ist der erste ernsthafte Versuch, Elser auf eine Stufe mit Stauffenberg zu stellen.“ Als habe es nie diesen anderen Film, „Georg Elser“ von Klaus Maria Brandauer, gegeben. Das ist, zugegeben, ein Vierteljahrhundert her. Und natürlich darf sich jede Generation ihr eigenes Bild, ihre eigenen Bilder machen von der Historie.
Aber, das muss man Brandauer schon zugutehalten, bis 1989 wusste kein Mensch, wer Georg Elser war. Wer vom Widerstand gegen Hitler sprach, dachte an den 20. Juli oder an die Weiße Rose. Das waren Adlige und Akademiker, Angehörige der Oberschicht. Ein einfacher Tischler wie Georg Elser, ein Einzeltäter obendrein, fand lange keinen Platz in der Gedenkkultur. Seit Anfang der 90er-Jahre aber gibt es Plätze, Straßen und Schulen, die nach dem Hitler-Attentäter benannt sind, in Berlin die Denkmäler an der Wilhelmstraße und am Spreebogen. Wenn man heute noch einen Film über Elser dreht, muss man einen neuen, einen anderen Zugang finden.
Thrillermomente zurückgefahren
„13 Minutes“ lautet der internationale Titel des Films. Er meint jene 13 Minuten, die die Bombe, die der Schwabe ganz allein im Münchner Bürgerbräukeller installierte, zu spät hochgegangen war. Adolf Hitler hatte an diesem Abend des 8. November 1939 eine Rede gehalten, fast die gesamte Führungselite der Nazis war zugegen. Aber wegen schlechten Wetters wurde statt des Fliegers die Bahn genommen und die Rede deshalb außerplanmäßig abgekürzt. Die Bombe zündete, acht Menschen starben. Aber die, die sie treffen sollte, kamen mit dem Leben davon.
Die ersten Minuten schildern das packend wie ein Thriller. Wie ein Mann sich da immer wieder nachts in den Keller einsperren lässt, wie er, die flackende Taschenlampe im Mund, mit zittrigen, blutigen Händen die Sprengladung und den selbstgebastelten Zünder ins Mauerloch stopft. Wie er angstverschwitzt in die Schweiz fliehen will, aber noch an der Grenze festgenommen wird. Aber diese Thrillermomente hatte schon Brandauer in den Fokus gerückt. Um die ging es Oliver Hirschbiegel und seinen Drehbuchautoren, Fred Breinersdorf und seiner Tochter Léonie-Claire, erklärtermaßen nicht.
Korrektiv zum „Untergang“
Den Autoren ging es vornehmlich um die Verhörprotokolle. Das erinnert nicht von ungefähr an „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ von Marc Rothemund vor zehn Jahren. Auch damals hat Breinersdorf das Drehbuch geschrieben, auch da hat er sich an den erhaltenen Dokumenten orientiert. Hirschbiegel geht es von jeher um Menschen in Extremsituationen, von Filmen wie „Das Experiment“ bis zu „Der Untergang“, wo er die letzten Tage im Führerbunker nachstellte. Er habe dazu keine Haltung gehabt, wurde ihm ihm nach jenem Film vorgeworfen. Das zumindest kann man ihm diesmal nicht vorwerfen. „Elser“, Hirschbiegels erster deutscher Film seit zehn Jahren, wirkt wie ein Korrektiv zu seiner Nazi-Dämmerung. Nun sieht man, allzu deutlich, allzu drastisch, wie der Mann gefoltert wird. Wie er seine Mittäter verraten soll. Weil keiner glauben kann, dass er die Tat wirklich allein vollbracht hat. Die Protokollantin wird vor die Tür geschickt, wenn der Gefangene gefoltert wird. Der Zuschauer muss drinnen bleiben – und alles mit ansehen.
Das große Plus des Films ist Christian Friedel in der Titelrolle, der dem großen Vergleich mit Brandauer stand hält, der diese intimen Kammerspielszenen mit Wucht trägt. Aber Regisseur und Drehbuchautoren haben diesem Verhördrama allein dann doch nicht getraut. Sie mussten, wie ein klassisches Biopic, die ganze Vorgeschichte mit aufblättern. Das schwäbische Heimatdorf. Die kommunistischen Freunde, mit denen man in der Kneipe noch gegen die Nazis ansingt und die später von jenen gehetzt werden. Die Geliebte, die von ihrem jähzornigen Mann missbraucht wird. Und all die anderen, die nichts hören, nichts sehen, nichts wissen wollen von den neuen Herren.
Die exemplarische Geschichte wird immer kleiner
Auch das wäre noch ein lobenswerter Ansatz. Zu zeigen, wie sich nach der Machterschleichung der Nazis das Reich auch im letzten Provinzkaff verändert. Doch das alles bleibt Staffage, Kulisse und wird allzu volkshochschulhaft in Szene gesetzt. Elser wird vor allem als Frauenheld gezeigt, einer, der sich nicht binden will, dem auch in dieser Sache Freiheit über alles geht. Während Brandauer einst den Fehler beging, Elser aus dramaturgischen Gründen eine Affäre anzudichten, die es nicht gab, tappen die Macher von „Elser“ fast in dieselbe Falle, indem sie nun die wahre Herzensangelegenheit auswalzen. Das macht die Figur menschlicher, den Film aber nicht interessanter. „Elser“ gerinnt manchmal fast zum Heimatfilmschmalz. Die exemplarische Geschichte wird dabei immer kleiner, der politische Stoff verliert sich im Privaten.
Dass der Krieg zum Zeitpunkt des Attentats bereits ausgebrochen war, wird kaum erwähnt. Und eine Nebenfigur wird fast ganz verschenkt: die des Kripo-Chefs Arthur Nebe (Burghart Klaußner), der als Einziger der Verhörer Elser so etwas wie Respekt entgegenbrachte und später selbst zu den Widerständlern des 20. Juli zählte. Drastisch, ja peinvoll überlang wird am Ende gezeigt, wie auch Nebe von den Nazis hingerichtet wird. Dass aber die Begegnung mit Elser womöglich mitverantwortlich für Nebes Umdenken war, muss man sich schon selbst zusammenreimen.
Elser wurde, nachdem er lange Hitlers persönlicher „Schutzhäftling“ war, erst in den letzten Kriegstagen, am 9. April 1945, noch im KZ Dachau hingerichtet. Der Film kommt jetzt just zu seinem 70. Todestag in die Kinos. „Er hätte die Welt verändert“, lautet sein Untertitel. Der Film wird das Bild von Elser indes nicht verändern.





