ZDF-Serie

Roh, schmutzig, unkorrekt: Jürgen Vogel ist „Blochin“

Die neue ZDF-Serie zeigt die ungewöhnlichste Ermittlerfigur des deutschen Fernsehens. Und zeigt eine ganze Staffel an nur drei Tagen.

Von Peter Zander

Foto: Stephan Rabold / ZDF und Stephan Rabold

Die trauen sich was! Wenn heute ein neuer TV-Kommissar seinen Seriendienst antritt, darf er das längst nicht mehr in alter Derrick-Manier ganz ohne Privatleben und -leiden. An irgendeinem Verlust, wenn nicht gar an Weltschmerz muss er schon leiden, ein paar Sparren soll er schon haben, und an der Flasche darf er auch gern hängen. Aber das alles ist gar nichts.

Denn jetzt kommt „Blochin“. Die wohl ungewöhnlichste Ermittlerfigur, die das deutsche Fernsehen je gesehen hat. Roh, schmutzig, unkorrekt. Dagegen wirkt selbst ein Schimanski im Rückblick fast handzahm. Schimanski hat immer hart an der Grenze der Legalität operiert, aber immer noch auf der Seite dessen, was wir gewohnt sind, „die Guten“ zu nennen.

Ein erpressbarer Ermittler

Blochin aber, der am Wochenende seinen Sendestart erlebt und von Jürgen Vogel nicht nur gespielt, sondern wirklich verkörpert wird, dieser Blochin hat nicht nur beste Kontakte in den Untergrund. Er hat auch reichlich Dreck am Stecken. Hat sogar, das wird gleich in der ersten Folge klar, einen Menschen umgebracht.

Einen Bösen, wie dem Zuschauer gleich erklärt wird, Blochin war da noch reichlich jung, fast ein Kind, und wurde von einer Gruppe dazu gezwungen. Aber bitte schön: Diesen Toten hat er auf dem Gewissen. Und zu allem Überfluss lief da auch eine Kamera mit, weshalb er erpressbar ist. Und auch gleich mehrfach erpresst wird.

Alle haben Dreck am Stecken

Da wird der Zuschauer in seinem Plüschsofa also ganz schön schlucken. Ein Mann, der Blut an den Händen hat, als Ermittler. Der nicht nur andere in den Knast bringt, sondern gleich in der ersten Folge selbst darin landet und dann eine ziemliche Weile braucht, bis er wieder rauskommt. Der Zuschauer wird aber gar nicht aufhören können zu schlucken. Weil hier auch alle anderen, die die Kriminalität bekämpfen, Dreck am Stecken haben. Oder sich reichlich unmoralisch gerieren.

Blochins Chef Stötzner etwa, den sein Schwager Blochin amerikanisch „Lieutenant“ nennt und mit dem Thomas Heinze einmal so richtig gegen sein ewiges Komödien-Image anspielen darf. Der Lieutenant wird auch gleich in der ersten Folge einen Verbrecher erschießen. Hinterrücks. Und die Spuren verwischen.

Der Filz geht bis ganz nach oben

Oder die Staatsanwältin (Jördis Triebel), die für den Lieutenant ihre Ehe riskiert und zielstrebig eine Politik-Karriere verfolgt, bei der sie auch keine Rücksichten nimmt. Oder Geier (Christoph Letkowski), der idealistische junge Kollege bei der Kripo, der aber immer wieder rotsieht und dann Taten begeht, die man vertuschen muss.

So wäscht eine Hand die andere (und wieder andere, die wir hier noch gar nicht aufgezählt haben). Der Filz geht hoch bis zum Senat und zu Staatssekretären. Und solche Leute sollen das „Böse“ bekämpfen?

Berlin spielt eine Schlüsselrolle

„Blochin“ ist eigentlich mit keinem anderen deutschen Krimi zu vergleichen. Und orientiert sich ganz offen eher an amerikanischen Formaten wie „Dexter“, „Breaking Bad“ oder „Californication“, wo man es schon länger gewohnt ist, mit jemandem zu bangen, der durchaus keine Sympathiefigur ist. „Blochin“ ist auch anders, weil hier nicht in jeder Folge ein neuer Fall behandelt wird, sondern die Geschichten aufeinander aufbauen.

Auch Berlin hat man noch nie so gesehen. Weil hier einfach mal ein paar andere Ecken gezeigt werden, die noch nicht so ausverfilmt sind. Weil die Ecken weniger touristisch und viel härter, realistischer ins Bild gerückt werden. Und weil Blochin sich mit einem Motorrad durch seine Stadt bewegt. Da ist halt viel mehr Stadt zu sehen, als wenn man nur im Auto hinterm Steuer sitzt. Berlin spielt hier selbst eine Schlüsselrolle.

Der Sender geht ein Wagnis ein

Wenn überhaupt, dann kann man „Blochin“ höchstens mit „KDD – Kriminaldauerdienst“ vergleichen, mit dem das ZDF vor acht Jahren schon einmal eine ziemlich andere, radikal neue Krimiserie gestartet hat. Und das ist kein Zufall: Auch da hat Matthias Glasner in den ersten Folgen Regie geführt. „Blochin“ hat Glasner nun komplett selbst entwickelt. Und hatte dabei von Anfang an Jürgen Vogel im Kopf.

Die beiden Berliner kennen sich nicht nur seit Urzeiten und führen eine gemeinsame Produktionsfirma. Glasner schreibt Vogel immer wieder unglaubliche, unglaublich zerrissene Rollen auf den Leib, in Filmen wie „Der freie Wille“ oder „Gnade“, die nicht nur an, sondern über Grenzen gehen und wirklich wehtun. Aber hartes, physisches Kino sind.

Lieber Blochin als „Tatort“

„Blochin“ ist nun die erste Serien(haupt)rolle für Vogel. „Ich hab immer gesagt, wenn ich mal eine Serie machen soll, dann muss das was ganz Besonderes sein“, meint der 48-Jährige. Er versucht seit Jahrzehnten, mit seiner Rollenwahl einen eigenen Weg zu gehen. „Da kann ich nicht plötzlich ‚Tatort‘ oder ‚Landarzt‘ spielen.“

Einen „Tatort“ hat man ihm übrigens noch nie angeboten, da ist er so ziemlich der einzige im ganzen deutschen Film. Mit „Blochin“ hat er jetzt sein ganz eigenes Format. Und könnte sich vorstellen, wie andere beim „Tatort“, das zehn Jahre lang zu tun.

Die nächste Staffel wird schon geschrieben

Die trauen sich was! Auch beim ZDF. Weil der Sender die fünf Folgen nicht im wöchentlichen Abstand zeigt, sondern an drei Abenden hintereinander, zur besten Sendezeit, ausstrahlt. Das ist die Art, wie junge Menschen Serien konsumieren: staffelweise, auf DVDs oder in der Mediathek. Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist das aber ein Novum. Und ein großes Wagnis.

Sollte die Serie nicht ankommen oder zu sehr polarisieren, bleiben die Zuschauer gleich ein ganzes Wochenende weg. Das Zweite glaubt aber fest an „Blochin“, so wie es auch an „KDD“ geglaubt hat. Zur Zeit wird bereits an acht neuen Folgen für die zweite Staffel geschrieben. Den Auftrag haben die Mainzer bereits vergeben. Noch ohne die ersten Quoten abzuwarten.

Blochin ZDF, fünf Folgen an drei Abenden: 25. u. 26.9., 20.15 Uhr, 27.9., 22 Uhr