Film

Martina Gedeck zeigt sich sinnlich statt spröde

Ihr neuer Film zeigt die Schauspielerin Martina Gedeck ungewohnt erotisch. Der Star über Rollenklischees und Liebesszenen mit Frauen.

Anni Felici

Anni Felici

Foto: Camino Filmverleih / BM

Der Deutsche kennt Martina Gedeck eher durch spröde, zurückhaltende, manchmal sogar recht abweisende Rollen. Ganz anders dagegen kann man sie in dem italienischen Film „Anni felici – Barfuß durchs Leben“ sehen, der am 27. August in die deutschen Kinos kommt. Dort spielt sie eine lebenslustige Frau, die offensiv mit Erotik spielt und eine andere Frau verführt. Wir trafen den Star im „Dormero“-Hotel in Schöneberg. Ein Gespräch über Sinnlichkeit und das Spiel mit dem Eros.

Berliner Morgenpost: Gratulation, Frau Gedeck, nach Ihnen wurde gerade ein Stern benannt. Wie fühlt man sich da?

Martina Gedeck: Es ist schon ein wenig seltsam, aber ich freue mich sehr darüber. Das ist ja schon eine außergewöhnliche Verbindung mit dem Universum, die ich da jetzt eingehe.

Martina Gedeck hat einen Durchmesser von zwei Kilometern. Ist das ein Kompliment? Oder kratzt das am Image, dass das nur ein Kleinplanet ist?

Das finde ich gerade schön, dass das nur ein kleiner Planet ist. Das erinnert ein wenig an Antoine de Saint-Exupéry, der ja auch immer von den fehlenden, kleinen Planeten gesprochen hat. Darum geht es auch in seinem „Kleinen Prinzen“: der kleine Planet mit seinem jeweiligen Menschen. Ich bin gespannt, ob ich meinen Stern mal zu sehen bekomme. Mit dem einfachen Teleskop geht das ja nicht. Da muss ich mal mit dem Astronomen Felix Hormuth sprechen, der ihn nach mir benannt hat.

Sie sind jetzt ganz offiziell ein Stern. Fühlen Sie sich denn auch als Star?

Ich fühle mich vor allem immer noch als Schauspielerin. Zum Glück. Ich glaube, wenn man zu sehr abhebt und die Bodenhaftung verliert, trudelt man relativ hilflos im Kosmos herum. Der Staub der Straße muss schon auch gefühlt werden, nicht nur der Sternenstaub. Das ist meine Erdung, die brauche ich und die habe ich auch. Ich bekomme die unterschiedlichsten Rollenangebote, das macht die Würze meines Schauspielerlebens aus. Wenn sich alles nur aufs Starsein bezöge, wäre mir das, fürchte ich, sehr, sehr langweilig.

Sie sind nun in „Anni felici“ zu sehen, einem italienischen Film. Wie sind Sie denn da hineingeraten?

Das war so ein kleiner Traum von mir. Ich liebe Silvana Mangano, Anna Magnani und all diese tollen italienischen Schauspielerinnen. Ich wollte immer mal in einem italienischen Film mitspielen. Das hat sich dann vor sechs Jahren erfüllt, als Sergio Castellitto, mit dem ich „Bella Martha“ gedreht habe und der in Italien ein großer Star ist, mich bat, bei „Tris di donne & abiti nuziali“ seine Frau zu spielen. Für diesen Film habe ich eigens Italienisch gelernt. Als Daniele Luchetti dann nach einer Deutschen für „Anni felici“ suchte, war ich in der glücklichen Lage, Italienisch zu sprechen.

Sie haben die Sprache erst gelernt? Es klingt, als ob Sie sie schon immer sprechen.

Das war das Ziel, daran habe ich auch hart gearbeitet. Da bin ich sehr perfektionistisch, das fände ich peinlich, wenn man das merkt.

Im Vorspann werden Sie als Martina Friederike Gedeck genannt. Wieso Friederike?

Das weiß ich auch nicht, wie das passiert ist. Da hat jemand einen Fehler gemacht, das steht halt so im Pass, vielleicht hat das jemand in der Produktionsfirma übertragen. Ich habe das zu spät gemerkt, das konnte man dann nicht mehr ändern. Aber letztlich ist das ja auch egal.

Sie spielen in diesem Film so sinnlich wie nie. Sonst sind Sie eher die Verführte und auch da eher abweisend, hier sind Sie klar eine Verführerin. So sieht man Sie in deutschen Filmen nie. Muss man erst ins Ausland gehen, um so was spielen zu dürfen?

Die Figuren, die ich in „Elementarteilchen“ oder „Das Leben der anderen“ gespielt habe, waren auch große Verführerinnen. Aber Sie haben schon recht, normalerweise ist der Eros eher als schlummerndes Potenzial zu erkennen. Der Regisseur Luchetti hat mich aber so gesehen und er brauchte das für die Rolle, eine Frau, die das Leben genießt, die frei ist. Und vielleicht bin ich in Italien auch so gewesen. Männer tragen einen da bekanntermaßen auf Händen, in Italien liegt immer ein bisschen Eros in der Luft, das Leben wird gefeiert. Man ist da etwas offensiver unterwegs. Das ist wirklich anders als bei uns, das habe ich schon bei meinem ersten italienischen Film so erlebt.

War das so etwas wie ein Befreiungsschlag, endlich auch mal so etwas zu spielen?

Das hat mir großen Spaß gemacht. Schon in meinem letzten Film „Das Ende der Geduld“ habe ich mal eine ganz andere Frauenfigur gespielt, eine sehr kämpferische Frau, darüber war ich sehr froh. Das bin ganz stark auch ich, das Klare, Gesunde, Kraftvolle, das sieht man im Ausland offensichtlich stärker in mir. Nicht nur in Italien, auch in anderen Ländern werde ich öfter als kraftvolle, starke Frau besetzt, nicht so als Zarte, Zerbrechliche. Das ist sehr interessant.

Wünschten Sie sich das auch bei Angeboten aus Deutschland? Oder ist das gerade interessant, unterschiedliche Images zu haben?

Ich mag das gern, dass ich so unterschiedliche Dinge machen und ausprobieren kann. Aber ich sage Ihnen: Ganz viel kommt schon mit der italienischen Sprache. Die ist so physisch, so lebendig, die ist viel stärker dazu da, den anderen zu erreichen, zu verführen, einzunehmen. Bei uns ist das mit der Sinnlichkeit anders. Die ist entweder zu eindeutig oder eher versteckt, auf jeden Fall scheint sie immer ein wenig mit Arbeit verbunden. In Italien eben nicht, da ist die Sinnlichkeit frei. Das ist ein göttlicher Zustand, den wünscht man sich so oder so. Nicht nur in Rollen.

Ist das etwas, was uns Deutschen abgeht? Bräuchten wir mehr Sinnlichkeit?

Nicht nur wir in Deutschland, jeder Mensch braucht das. Das hat auch was mit Reife zu tun, mit innerer Freiheit. Manche haben das Glück, dass sie das ausleben können. Andere müssen mit Barrieren kämpfen, die sie bei dieser Persönlichkeitsentwicklung behindern. Ich glaube, dass jeder Mensch das Recht hat, sich gewollt zu fühlen. Und das Leben zu genießen. Wir alle befinden uns in einem dauernden Optimierungszwang, dadurch verpasst man oft die Schönheit des Lebens. Man kann alles optimieren, aber das sind immer Handschellen, die man sich anlegt. Einfach mal die Dinge laufen lassen, einfach mal frei sein: Das kann jeder von uns gut vertragen.

Sie spielen nicht nur eine sinnliche Frau, Sie verführen eine andere. Cate Blanchett hat gerade in Cannes das Lesbendrama „Carol“ vorgestellt und musste sich danach beeilen zu erklären, dass sie nie eine lesbische Neigung hatte. Haben Sie jetzt Angst vor ähnlichen Fragen?

Eigentlich nicht. Ich habe diese Liebesgeschichte mit der Frau nicht anders empfunden als mit Männern. Es ist einfach immer fremd und seltsam, wenn man einen fremden Menschen küssen soll. Das war jetzt nicht anders. Ein wenig kürzer vielleicht, als man das normalerweise mit Männern drehen würde. Das Reizvolle war, einmal die Position des Eroberers einzunehmen. Das habe ich sonst bei Liebesszenen nicht. Luchetti hat mir da so ein bisschen den Machostandpunkt beigebracht.

Sie spielen öfter in französischen Filmen, haben kürzlich in England und gerade mit Mika Kaurismäki gedreht. Tut sich da gerade eine internationale Karriere auf? Oder, um in der Sternenmetapher zu bleiben: Erweitert sich Ihr Sonnensystem?

Ja, das ist schön. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, hin und wieder die Umlaufbahnen zu wechseln. Es ist immer eine Bereicherung, in einem anderen Land zu arbeiten. Und ich denke, wir haben zurzeit auch so etwas wie einen „europäischen Auftrag“, wir müssen raus, wir müssen uns öffnen und miteinander kommunizieren.

Ärgern Sie sich, wenn dann ein Film wie „Tris di donne“ gar nicht erst in die deutschen Kinos kommt?

Nicht unbedingt. „Tris di donne“ war einfach sehr spezifisch, sehr neapolitanisch, der hätte hier keine Chance gehabt. Ich ärgere mich aber prinzipiell, dass wir viel zu wenig Filme von unseren Nachbarn sehen. Dass das so wenig unterstützt wird. Nicht nur im Kino, sondern auch im Fernsehen. Es gibt den Mainstream und das gehobene Arthouse, das dann auf Festivals geschickt wird. Aber der Autorenfilm, der etwas über uns und unsere Gesellschaft erzählt, der tut sich schwer.

Einer Ihrer größten internationalen Erfolge war „Bella Martha“. Hollywood hat davon ein Remake mit Catherine Zeta-Jones gemacht. Haben Sie den eigentlich je gesehen?

Nein, ich muss gestehen, das habe ich mir nie angetan. Meine Regisseurin Sandra Nettelbeck erzählte mir, dass das eins zu eins nachgefilmt wurde. Das fand ich fremd und unangenehm. Das hat auch den positiven Nebeneffekt, dass ich mich jetzt gar nicht dazu verhalten kann.

Felix Hormuth will Ihnen die Sternenurkunde Ende November bei einer Lesung in Heppenheim überreichen. Was machen Sie eigentlich mit all Ihren Preisen?

Ich habe einen sehr schönen Platz für meine Preise. Die stehen bei mir auf dem Küchenschrank. Alle auf einem Haufen. Denn es gibt sehr schöne, aber auch sehr hässliche darunter. Die sehen ein bisschen so aus, als ob sie dahingehörten, das passt zum Ambiente. Das ist ein guter Platz dort, ich sehe sie da, ich bin ja auch manchmal in der Küche (lacht). Aber ich habe jetzt keinen Schrein für die Trophäen.

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