Was für ein Auftakt: Ein Amerikaner überquert, wir schreiben das Jahr 1963, den Checkpoint Charlie, um eine ostdeutsche Kontaktperson aufzusuchen. Ein KGB-Agent verfolgt ihn, prompt liefern sich die beiden eine funkensprühende Verfolgungsjagd mitten durch die Trümmer- und Schuttlandschaften von Ost-Berlin – und zwar Trabi gegen Wartburg.

Am Ende wird der Amerikaner das ostdeutsche Fräulein huckepack nehmen und in einem gewagten Hochseilakt über die Mauer in den Westen sausen, während dem Russen der Schwung fehlt und er mitten im Todesstreifen durchhängt.

Keilerei im Café Achteck

Das ganze erste Drittel von „Codename U.N.C.L.E.“ spielt im Berlin kurz nach dem Mauerfall. Da kommen in einem Bewohner dieser Stadt reichlich Retrogefühle hoch. Wir sehen da einen noch kaum befahrenen Kudamm – und noch das alte Café Kranzler, im Erdgeschoss. Wir sehen auch ein altes „Café Achteck“, eines dieser grünen öffentlichen Bedürfnisanstalten, die früher die Stadt zierten und in denen sich die beiden Agenten erneut eine wilde Keilerei liefern, quer durch die Pissoirbecken.

Spitzeldienst am Checkpoint Charlie: Armie Hammer
Spitzeldienst am Checkpoint Charlie: Armie Hammer© © 2015 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC ALL RIGHTS RESERVED | Daniel Smith / © 2015 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC ALL RIGHTS RESERVED

Das alles mutet umso absurder an, als diese Szenen nicht etwa in Berlin gedreht oder auch nur nachgestellt wurden. Sie entstanden vielmehr in Filmstudios in London, wo der hiesige Lokalkolorit liebevoll reanimiert wurde. Auferstanden aus Ruinen.

Sage mir, welche Serien du gesehen hast, und ich sage dir, wie alt du bist: Nichts ist so generationenbindend und -bestimmend wie die TV-Dauerwürste, die man sich in der Kindheit angeschaut hat. Das ist immer wieder eine beliebte Erkenntnis in Party-Gesprächen: Ein, zwei Jahre reichen schon, und man kennt Serien nicht, von denen andere leuchtende Augen bekommen. „Solo für O.N.C.E.L.“, die hierzulande mitten in der 68er-Zeit im ZDF ausgestrahlt wurde, ist so eine.

Die TV-Antwort auf James Bond

Was einmal zog, das kann auch wieder Erfolg haben: Nach dem Motto melkt Hollywood nicht nur Bestseller und Kultcomics aus, dreht nicht nur Remakes und Fortsetzungen, es kredenzt in schöner Regelmäßigkeit auch die Tele-Kost von einst noch mal aufs Kino-Buffet. Das kann gelingen wie „Die Addams Family“, es kann gehörig daneben gehen wie jüngst „Das A-Team“ oder selbst wieder Serie werden wie “Mission: Impossible“, die gerade ihren fünften Kino-Einsatz erlebte.

Nun also das Onkel-Revival. Die US-Serie, die von 1964 bis 1968 gedreht wurde, war die Fernseh-Antwort auf James Bond, die ähnlich auf Agentenabenteuer, verrückte Weltzerstörer, vor allem aber auf Wort- und Dialogwitz setzte. Und während 007 immer allein operierte und erstmals 1977, bei „Der Spion, der mich liebte“ mit einer russischen Agentin kooperierte, war die Glotze dem Kino hier mehr als eine Nasenlänge voraus: Mitten im Kalten Krieg und nur kurz nach der Kuba-Krise arbeiteten ein CIA- und ein KGB-Agent Hand in Hand für eine staatsübergreifende Organisation.

Zwei Lager, eine Mission: Ein Amerikaner und ein Russe arbeiten mitten im Kalten Krieg zusammen
Zwei Lager, eine Mission: Ein Amerikaner und ein Russe arbeiten mitten im Kalten Krieg zusammen © © 2015 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC ALL RIGHTS RESERVED | Daniel Smith / © 2015 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC ALL RIGHTS RESERVED

Das war gewagt, das war visionär. Und es machte Robert Vaughn als Napoleon Solo und David McCallum als Illya Kuryakin nicht nur zu Stars, sie wurden sogar zu Trendsettern in Sachen Mode, was etwa McCallums Pilzkopf anbelangte (vor den Beatles!) oder seinem Hang zu Rollis statt Hemd und Schlips.

50 Jahre später hat man sich für „Codename U.N.C.L.E.“ den Regisseur Guy Ritchie erwählt, der weit mehr ist als nur der Ex von Madonna, ein Meister des gehobenen Trashs. Ritchie hat schon seine zwei „Sherlock Holmes“-Filme zu rasanten Buddy-Movies mit den höchst unterschiedlichen Charakteren, Robert Downey Jr.s Holmes und Jude Laws Watson, stilisiert. Genau das tut er jetzt wieder mit den „U.N.C.L.E.“-Onkeln.

Märchenhafter Retro-Charme

Solo und Kuryakin werden von Schauspielern gespielt, die wir uns noch nicht trauen, Stars zu nennen, weil ihnen der ganz große Durchbruch noch nicht gelungen ist. Solo-Darsteller Henry Cavill hat immerhin schon Superman gespielt, in „Man of Steel" und demnächst wieder „Superman vs. Batman“, er war auch der Jäger im Rotkäppchen-Verschnitt „Red Riding Hood“, aber den meisten sagt sein Name noch nichts.

Ähnlich ergeht es dem Kuryakin Armie Hammer: Er spielte beide Zwillinge in „The Social Network“, war in „Lone Ranger“ der Sidekick von Johnny Depp, der ihm allerdings keine Luft ließ, und – Zufall? – der Märchenprinz in „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“. Eine märchenhafte Besetzung also, die es wirklich in sich hat: Denn so wie die beiden hier nach Herzen austeilen, in Worten, Hieben und Action-Einlagen, das allein macht herrlichen Spaß.

Der Kopf der Truppe: Auch Hugh Grant hat am Ende einen großen Auftritt
Der Kopf der Truppe: Auch Hugh Grant hat am Ende einen großen Auftritt © dpa | Warner Bros.

Ritchie hetzt sie nach Rom und nach England. Das Ganze ist in den 60er-Jahren angesiedelt, das Mädel zwischen ihnen (Alicia Vikander) darf herrliche Design-Klamotten jener Jahre tragen und bis ins Kleinste, bis in Blümchentapeten erstehen hier die Swinging Sixties wieder, die ja auch die Hochzeit des wahren Bond waren. Und wie bei diesem üblich, dürfen auch hier die Deutschen nicht fehlen (Sylvester Groth und Christian Berkel), die selbstredend böse sind oder zumindest in die falschen Hände geraten. Das Sympathischste ist, dass die Action dabei nicht die Hauptrolle spielt, ja oft sogar absichtlich in den Hintergrund gedrängt wird, während Napoleon Solo davor in Ruhe picknickt.

„Codename U.N.C.L.E.“ bedient kräftig die Retro-Schiene, wirkt dabei aber keinesfalls onkelhaft, sondern im Gegenteil ganz jung, spritzig und heutig. Zu der Dachorganisation mit den vielen Punkten kommt es erst ganz am Ende, wenn Hugh Grant noch einen großen Auftritt hat. Der Kinofilm ist also der Prolog, die Vorgeschichte, das was wir neudeutsch Prequel nennen. Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Wir würden sie begrüßen.