Regisseur

Ein Hansdampf in allen Künsten - Wim Wenders wird 70

Ausstellungen, Retros, Ehrungen: Mit seinem 70. Geburtstag findet das Wenders-Jahr seinen Höhepunkt, aber noch nicht seinen Abschluss.

Bilder im Kopf: Wim Wenders ist nicht nur ein erfolgreicher Filmregisseur, er ist auch leidenschaftlicher Fotograf. Noch bis Ende August zeigt der Kunstpalast in seiner Geburtsstadt Düsseldorf eine Ausstellung mit seinen Bildern

Bilder im Kopf: Wim Wenders ist nicht nur ein erfolgreicher Filmregisseur, er ist auch leidenschaftlicher Fotograf. Noch bis Ende August zeigt der Kunstpalast in seiner Geburtsstadt Düsseldorf eine Ausstellung mit seinen Bildern

Foto: Roland Magunia

Das vielleicht schönste Geschenk, das Wim Wenders zu seinem 70. Geburtstag am kommenden Freitag bekommt, stammt von zwei Männern, die den Filmemacher gar nicht kennen. 28 Jahre nach dem Kinostart seines Meisterwerks „Der Himmel über Berlin“ haben Sebastiano und Lorenzo Toma eine gleichnamige Graphic Novel herausgegeben: ein Comic, das die Geschichte der Engel, die über die Berliner wachen, noch einmal erzählt.

Nun aber verortet in der heutigen Hauptstadt, mit dem Sony-Center, dem Holocaust-Mahnmal und dem Molecule Man in der Spree, die es damals beim Dreh des Films noch gar nicht gab. Die neuen Kulissen passen ganz gut zu der altbekannten Geschichte, die dabei aber gar nichts von ihrer Poesie, ihrer Kraft verloren hat.

Mit dem Ehrenbären fing es an

Nun ist es aber nicht so, dass Wenders zu seinem Runden beschenkt werden müsste. Seit einem halben Jahr, seit der Berlinale, wird Wim Wenders allerorten geehrt. Es ist, als ob er schon seit Monaten sein Jubiläum feiern würde, man darf getrost von einem Wenders-Festival sprechen. Und er schenkt dabei großzügig selbst.

Auf der Berlinale wurde er nicht nur mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk geehrt, er hat auch seinen jüngsten Film „Every Thing Will Be Fine“ hier uraufgeführt. Und hat in einer Hommage zehn ältere Filme von ihm in völlig neu überarbeiteten Fassungen präsentiert, darunter „Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter“, der seit 1971 nicht mehr gezeigt worden ist. Dafür hat er Monate lang noch einmal sein Oeuvre studiert und bearbeitet.

Nur kurz danach war die Oscar-Verleihung, wo Wenders für seinen grandiosen Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ nominiert war. Im März ehrte ihn das MoMA in New York dann mit einer großen Retrospektive, im April, als „Every Thing“ ins Kino kam, eröffnete seine Geburtsstadt Düsseldorf im Kunstpalast die (noch bis Ende August laufende) Ausstellung „4 Real & True“, die Landschaftsfotografien von Wenders zeigen, begleitet von einer Werkschau im dortigen Filmmuseum.

Am vergangenen Freitag erst erschienen die frisch restaurierten Altwerke auch als „Best of Wim Wenders“-DVD-Collection. Dann ist auch noch ein neuer Fotoband von ihm, „Einmal“, bei Schirmer & Mosel erschienen. Und darüber hinaus ein Essay-Band, „Die Pixel des Paul Cézanne“, in dem er den großen Künstlern, die ihn beeinflusst haben, seine Referenz erweist. Und dabei auch will von sich selbst und seiner Arbeitsweise verrät.

Die nächste Ausstellung kommt nach Berlin

Das klingt alles schon nach Rückschau, nach Musealisierung noch zu Lebzeiten. Aber von wegen. Gerade hat der Mann mit der markanten Brille und den ewig poppigen Turnschuhen auch noch, wie immer er das nebenbei bewältigt hat, seinen jüngsten Film abgedreht, „Die schönen Tage von Aranjuez“, nach dem Stück seines langjährigen Freundes Peter Handke, mit dem er auch schon „Himmel über Berlin“ und den „Elfmeter“ gemacht hat.

Ein wahres Wenders-Jahr also, das mit seinem 70. Geburtstag nun seinen Höhe-, aber noch lange nicht seinen Endpunkt findet. Die nächste Ausstellung „Time Capsules“ steht am 17. September in der Berliner Galerie Blain Southern bevor.

Auf mannigfaltige Weise kann man folglich das Oeuvre eines Altmeisters wieder- oder auch ganz neu entdecken. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Filmemacher noch selbst, zu Lebzeiten, sein Werk restauriert. Gewöhnlich tun das andere, nach dem Ableben des Künstlers. Wenders hat dafür erst vergangenes Jahr seine eigene Foundation gegründet, der er alle Rechte an seinen Filmen übertragen hat.
Eine historisch einmalige Sache also, dass jemand sein Werk quasi an die Öffentlichkeit abgibt, es dafür aber noch mal auf den neuesten Stand bringt. Und das war durchaus eine Sysiphus-Arbeit, waren doch Kopien von frühen Filmen wie im „Lauf der Zeit“ oder „Alice in den Städten“ voller Kratzer und Schrammen oder, wie Wenders selbst bekannte, „längst über dem Jordan“.

Neuerfindungen und Häutungen

Nun aber liegt fast alles wieder wie am ersten Tag, ja teils sogar in besserem Zustand als damals. So kann man den Werdegang dieses Mannes noch mal genau verfolgen. Eines Mannes, der sich nie treu geblieben ist – höchstens in einer Hinsicht: dass er sich immer wieder neu erfunden hat, sich auch immer wieder von den anderen Künsten isnpieren ließ.

Als er gerade mit Fassbinder, Schlöndorff und Herzog zu den Großen des Neuen Deutschen Films zählte, ging er in die USA, um seinen Traum zu erfüllen, dort zu drehen. Das hat uns einen seiner schönsten Filme beschert, „Paris, Texas“.

Nur der Oscar fehlt ihm noch

Seine traumatischen Erfahrungen mit den dortigen Produktionsbedingungen hat ihn aber ernüchtert zurückkehren lassen, in das damals noch eingemauerte Berlin, von wo aus er nun zum Prototyp des europäischen Filmemachers wurde. Nicht nur mit Großproduktionen wie „Bis ans Ende der Welt“. Sondern auch als langjähriger Präsident der Europäischen Filmakademie, ein Amt, dem er sich sehr verpflichtet fühlt.

Neben seinen Spielfilmen war er immer auch als Dokumentarfilmer tätig, womit er soagar, was nicht ohne Ironie ist, weltweit bekannter ist. Nicht zuletzt durch gleich drei Oscar-Nominierungen für „Buena Vista Social Club“, „Pina“ und „Salz der Erde“ – auch wenn er keinen davon bekam. Der Oscar ist der eine große Preis, der ihm noch fehlt.

Ab den 80er-Jahren hat Wenders dann auch sein fotografisches Werk ausgestellt, das einen immer breiteren Stellenwert in seinem Schaffen eingenommen hat und mit dem er in einem interessanten Austausch mit seiner Frau, der Fotografin Donata Wenders, steht.

Süchtig nach Dreidimensionalem

Und dann hat er sich, in einem Alter, in dem andere schon kürzertreten, noch einmal völlig neu erfunden, als er bei „Pina“ die Möglichkeiten des 3-D-Films erkannt hat und sie seitdem eben nicht im Effekte-Kino, sondern im Arthouse-Film ausschöpft. Und hier als Pionier an einsamer Front agiert.

Ein Unermüdlicher also, ein Schaffenswütiger, der sich wohl durch seine vielfachen Neuerfindungen und Häutungen jung und frisch hält. Nur zu seinem 70. Geburtstag gönnt er sich nun allerdings – nach dem langen Ritt der letzten Monate mit all den Ehrungen – eine Auszeit. Er hat seine Koffer gepackt und ist mit seiner Donata an einen nicht genannten Ort gereist, wo er auch nicht zu erreichen ist.


Kurz vor der Abreise hat er noch ein Interview gegeben, in dem er sehr persönlich wurde und auch über seine Unfruchtbarkeit sprach: „Ich hätte gern Kinder gehabt, aber ich konnte nicht.“ Seine Fruchtbarkeit hat er auf andere Art bezeugt, seine Kinder sind seine Werke. Ein so unglaublich breites Oeuvre, dass man sich wundern muss, dass Wenders noch immer „nur“ als Filmemacher gesehen wird, wo er doch längst so etwas wie ein Allround-Talent, ein Hansdampf in allen Künsten ist.