Fernsehen

Ein Film-Monument für die Berliner Richterin Kirsten Heisig

In „Das Ende der Gewalt“ schlüpft Martina Gedeck in die Robe von „Richterin Gnadenlos“. Und ist ganz anders zu erleben als sonst. Die ARD zeigt den Film nun als Highlight ihrer Toleranz-Woche.

Foto: BR / Oliver Vaccaro

Auf einer Zugfahrt las er 2010 einen Artikel über das Verschwinden von Kirsten Heisig, die als harte Berliner Jugendrichterin bekannt war. Weshalb über Mord spekuliert wurde. Da war auch von einem Buch die Rede, das sie geschrieben habe. Das, erzählt Regisseur Christian Wagner im Interview, habe ihn sofort interessiert. Gleich am nächsten Werktag rief er bei dem Verlag an, um sich die Rechte zu sichern. Da aber ist die Richterin schon tot aufgefunden worden. Mit nur 49 Jahren. Erhängt an einem Baum. Das Buch erschien dann postum und wurde zu einem Bestseller. Wagner ließ nicht locker. Und setzte sich gegen viele Konkurrenten durch, die nun auch den Megaseller adaptieren wollten.

Am Anfang des Films ist sie erst mal am Ende. Gerade hat die Richterin zum wiederholten Mal über ein junges Mädchen ein Urteil gesprochen, da schenkt diese ihr ein Gedicht, das sie ihr geschrieben hat, und springt aus dem Fenster. Das stürzt die Juristin in eine Krise. Ein halbes Jahr lässt sie ihre Arbeit ruhen. Als ihr Chef danach von einer „Auszeit“ spricht, findet sie, das sei eine komische Umschreibung. Sie will wieder arbeiten. Und weiter im Jugendrecht, weil man da, wie sie sagt, „noch etwas machen kann“. Dass ihre Stelle längst neu besetzt ist, schreckt sie nicht. Dann nimmt sie eben die freie Stelle in Neukölln. Ausgerechnet im Problemkiez, wo die Kriminellen Justiz und Polizei auf der Nase herumtanzen.

Nichts auserzählen, nichts übererklären

Die Richterin trägt hier den fiktiven Namen Corinna Kleist, aber in allem die Züge der als „Richterin Gnadenlos“ bekannt gewordenen Kirsten Heisig. Die sich für eine effizientere Rechtssprechung einsetzte. Und damit nicht nur Kollegen brüskierte, sondern auch an die Öffentlichkeit ging. Die durch beschleunigte Verfahren dafür sorgte, dass die Abschreckung beim Jugendlichen auch früh ankommt. Das „Neuköllner Modell“, das sie ins Leben rief, gilt nun berlinweit. Und wie ihr Buch heißt nun auch der Film. Aber da sich Regisseur Wagner und Drehbuchautor Stefan Dähnert auf wenige Fälle beschränken und diese dramatisieren mussten und da es dabei auch um Personenrechte geht, bekamen die Richterin und ihr Umfeld andere Namen.

„Das Ende der Geduld“ tut etwas, was recht einzigartig ist im deutschen Film. Weil er viel zeigt, viel ins Bild rückt, aber nichts auserzählt, nichts übererklärt. Einmal wird erwähnt, dass auch die Richterin Mutter ist, aber ihr familiärer Hintergrund bleibt ausgeklammert. Ein paar Griffe zu Tabletten deuten auf den Burnout, eine Depression, vielleicht gar eine Sucht hin. Auch ihr Freitod, der so gar nicht zu dieser kämpferischen Frau zu passen scheint, wird nur angerissen. Und die vielschichtige Frau durch den Blick ihres Umfelds in all ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt.

Das größte Pfund ist Martina Gedeck

Dem Zuschauer wird da keine endgültige Wahrheit auf dem Silbertablett serviert, er muss sich aus den vielen Details schon sein eigenes Bild zusammenpuzzeln. Er ist, auch im Öffentlich-Rechtlichen wahrlich keine Selbstverständlichkeit, selbst gefordert. Und muss eine eigene Haltung finden zu dem Reizthema Jugendkriminalität, das man so gern ausblendet, solange es einen nicht unmittelbar betrifft.

Das größte Pfund dieses klugen Films ist freilich seine Hauptdarstellerin. Martina Gedeck, sonst eher abonniert auf betont feminine Figuren, die still in sich hineinleiden, ist einmal ganz anders zu erleben, als patente, schlagkräftige, auch aggressive Frau, die ihren Mann steht und dabei keine Konfrontation scheut. Keine Richterin Gnadenlos, aber doch eine mutige Kämpferin, die für ihren Beruf, für die Probleme dieser Stadt und „für die Kinder“, wie es in dem Film heißt, gebrannt hat. Und sich dabei verbrannt hat. Der Film setzt ihr, vier Jahre nach ihrem Tod, ein Denkmal. Die Diskussion um ihr Erbe sollte darüber nicht enden. Und wird auch im Anschluss an die Ausstrahlung gleich fortgeführt.

„Das Ende der Geduld“ ARD, 19.11., 20.15 Uhr