Theater

Zwei Platzhirsche der Hauptstadtbühnen räumen ihr Revier

Kultur-Staatssekretär Tim Renner sucht geeignete Nachfolger für Volksbühnen-Chef Frank Castorf und BE-Boss Claus Peymann – und lässt sich bei der Suche nach neuen Intendanten viel Zeit.

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Es ist die Königsdisziplin, aber auch eine schwierige Aufgabe: die Suche nach dem richtigen Intendanten. Wenn sich die Politik damit überfordert fühlt, bildet sie eine Findungskommission, aber mitunter endet deren Arbeit wie zuletzt in Düsseldorf wegen Indiskretionen im Fiasko.

Berlin vertraut lieber aufs eigene Votum. Und deshalb ist Kultur-Staatssekretär Tim Renner (SPD) gefordert. Er muss für zwei prominente Hauptstadtbühnen neue Intendanten suchen. Denn die Verträge von Frank Castorf (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz) und Claus Peymann (Berliner Ensemble) laufen im Sommer 2016 aus.

Das klingt nur vordergründig nach einer entspannten Suche. Eigentlich müssten die Personalien schon entschieden sein, denn im Theaterbetrieb gilt das ungeschriebene Gesetz, dass eine neue Intendanz zwei Jahre Zeit zur Vorbereitung haben sollte.

In München hält man sich daran vorbildlich, dafür genießt die Stadt Hochachtung in Bühnenkreisen. In Berlin ist eher das Gegenteil normal: Shermin Langhoff und Jens Hillje, das neue Leitungsteam am Gorki-Theater, das im vergangenen November startete, hatte gerade Mal ein Jahr Zeit zur Vorbereitung. Die erste Saison war kurz, aber gut. Also geht doch, mag sich die Berliner Kulturpolitik sagen.

Lilienthal zieht München vor

Suchen muss sie trotzdem. Und bei der Volksbühne dürfte es schwierig werden. Erstens, weil Matthias Lilienthal, der von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sehr geschätzte, erfolgreiche langjährige Chef des Theaterkombinats Hebbel am Ufer (HAU), es vorgezogen hat, an die Münchner Kammerspiele zu wechseln. Und zweitens, weil das Haus durch Frank Castorf seit 22 Jahren geleitet und geprägt wird. Der 63-Jährige hat Höhen und Tiefen erlebt, momentan ist seine Bühne mal wieder angesagt. Da kann ein Nachfolger eigentlich nur scheitern.

Ein bisschen hat sich das auch die Berliner Kulturpolitik selbst zuzuschreiben. Es war in den Wirren der Nachwendezeit eine mutige Entscheidung, Castorf zum Intendanten der Volksbühne zu machen. Im Osten war das Enfant terrible der Theaterszene eine Größe, im Westen kannten ihn nur Eingeweihte. In zwei Jahren berühmt oder tot – das war damals die Devise. Castorf hat sich für den Ruhm entschieden. Die Volksbühnen-Ästhetik prägte die 90er-Jahre, aber irgendwann in den Nullerjahren lief sich der Betrieb tot. Künstler der Anfangsjahre wie Andreas Kriegenburg, Christoph Marthaler oder Christoph Schlingensief arbeiteten an anderen Häusern, Castorf schien sich in seinen vielstündigen Inszenierungen nur noch zu wiederholen, das Ensemble zerbrach.

Aber Berlin verpasste den Zeitpunkt für einen Neuanfang an der Volksbühne. Und Castorf kam wieder zurück, eine junge Generation entdeckte seine Arbeiten neu – und mit Künstlern wie René Pollesch und Herbert Fritsch, die für ganz andere Regiehandschriften stehen, stellte Castorf seinen Betrieb breit auf. Produktionen werden wieder zum Theatertreffen eingeladen. Und Castorf fragt sich, sogar öffentlich in seiner „Baumeister Solness“-Inszenierung, warum er eigentlich mit 65 Jahren aufhören soll? Er muss ja auch noch „sechs oder sieben Kinder von fünf Frauen ernähren, wie viele genau, weiß man ja oft nicht“, wie er kürzlich in einem „Spiegel“-Interview sagte.

Die Schatten der Vergangenheit

Und Kollege Claus Peymann vom Berliner Ensemble (BE) ist schon 77 Jahre alt. 1999 wechselte Peymann vom Direktorensessel des Wiener Burgtheaters an den Schiffbauerdamm nach Berlin. Der Laden brummt, das Publikum liebt das BE, es zählt seit vielen Jahren zu den bestbesuchten und -ausgelasteten Häusern in Berlin. Künstlerisch ist das Theater berechenbar, am Schiffbauerdamm stehen weniger die Regisseure als vielmehr die Stücke im Vordergrund.

Ein so gut aufgestelltes Haus weckt Begehrlichkeiten. Spricht man mit Regisseuren über deren Interesse an einem der Häuser, dann wird bei der Volksbühne eher abgewunken. Das Berliner Ensemble ist kleiner und damit besser handhabbar – und die Schatten der Vergangenheit sind nicht so mächtig wie am Rosa-Luxemburg-Platz.

Michael Thalheimer wäre ein möglicher Kandidat für das BE. Der Regisseur, der Stücke auf ihren Kern reduziert, hatte unter Bernd Wilms seinen künstlerischen Durchbruch am Deutschen Theater. Als Wilms aufhörte, machte sich Thalheimer, der im Leitungsteam mitarbeitete, Hoffnung auf den Chefposten. Klaus Wowereit als amtierender Kultursenator entschied sich für eine externe Lösung, er holte Ulrich Khuon vom Hamburger Thalia Theater. Thalheimer hat sich als Regisseur mittlerweile in Richtung Schaubühne orientiert, stünde aber für eine BE-Intendanz wohl zur Verfügung.

Mit dem Porsche vor der Volksbühne

Sebastian Baumgarten ist auch so ein freier Regisseur, der nichts dagegen hätte, ein Haus zu übernehmen. In seiner Heimatstadt Berlin arbeitet er derzeit selten, er unterrichtet in München an der Hochschule und hat zuletzt in Bayreuth seine „Tannhäuser“-Inszenierung für die letzte Aufführungsserie bei den Festspielen feinjustiert. Die Vergleiche mit dem vermeintlichen Ziehvater Castorf gehen ihm ein bisschen auf die Nerven, in Bayreuth haben die beiden zwar parallel geprobt, sich aber nicht mal in der Kantine getroffen. Mit Brecht hat sich Baumgarten immer wieder auseinandergesetzt, auch für ihn dürfte das Berliner Ensemble der interessantere Ort sein.

Der Ball liegt bei der Politik. Die muss eine Grundsatzentscheidung treffen: Neuausrichtung oder Kontinuität? Schillernde Figur oder guter Handwerker? Regieführender Intendant oder Manager? Davon hängt die Personalsuche ab. Zu bekommen wäre momentan beispielsweise Matthias Hartmann. Der bekennende Porsche-Fahrer musste seinen Intendantenposten am Wiener Burgtheater wegen einer Finanzaffäre räumen, die Verantwortlichkeiten werden noch juristisch geklärt. So ein Mann gehört eigentlich nach Berlin, wäre ein Kandidat für die Volksbühne, an Selbstbewusstsein mangelt es ihm wahrlich nicht. Wartet man aber noch ein Weilchen, dann stellen sich solche Fragen nicht mehr. Dann könnte es darauf hinauslaufen, dass die Verträge mit Castorf und Peymann einfach noch mal verlängert werden. Die einfache Berliner Lösung.