Als Tim Renner Anfang Februar von einem Vertrauten gefragt wurde, ob er es sich denn vorstellen könne, den Job des Kultur-Staatssekretärs zu übernehmen, winkte er ab. Er sei ja auch Manager, und gegenüber Unternehmern gebe es im Kulturbetrieb bekanntlich immer Berührungsängste. Er weilte in diesen Tagen im Skiurlaub mit seiner Familie in Bulgarien und wahrscheinlich konnte er es sich zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht vorstellen, André Schmitz (SPD) nachzufolgen, der nach der Steueraffäre zurückgetreten war.
Nun aber hat er sich umentschieden und wird Kultur-Staatssekretär, wenngleich mit zeitlicher Verzögerung. Am 28. April möchte er sein Amt antreten, weil er vorher die Firma in die Hände seiner Frau legen will. Momentan leiten sie die Motor Entertainment GmbH gemeinsam. Dass Berlin somit noch zwei weitere Monate ohne Kultur-Staatssekretär auskommen muss, das sei eben der Preis, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Donnerstag bei der Präsentation des neuen Mannes im Roten Rathaus.
Ein „Impulsgeber“ und Netzwerker
Für zwölf Uhr war die Pressekonferenz angesetzt, der Regierende Bürgermeister ist pünktlich. Er hat auch einen kurzen Weg. Er betritt das Zimmer, sagt „Hallo“, sein Auftreten ist raumgreifend. Hinter ihm geht Tim Renner, der in diesem Umfeld noch fremdelt und fast zaghaft „Hi“ sagt. Natürlich trägt Wowereit Krawatte, natürlich kommt Renner ohne. Schließlich steht der 49-jährige Musikmanager, der im vergangenen November in die SPD eintrat, für das kreative Berlin, wobei er später dann fröhlich-verlegen einräumt, dass die Zeiten, in denen er nach zwei Uhr morgens in Clubs anzutreffen ist, vorbei seien.
Der Regierende Bürgermeister stellt den künftigen Kultur-Staatssekretär als „Impulsgeber“ vor und bezeichnet ihn als Netzwerker. Renner „bringt vieles mit“, müsse aber auch einiges lernen. Zum Beispiel Verwaltung steht auf dem Lehrplan. Denn als Kultur-Staatssekretär steht er auch einer Behörde vor. „Er wird sicher neue Akzente setzen, aber wir sind uns einig, dass es keine radikalen Umbrüche geben wird“, sagt Wowereit. Eine klare Ansage. Renner schaut derweil immer wieder zu Wowereit. Später wird er ihn als „gestrengen Chef“ bezeichnen, vordergründig bezieht sich das auf den Termin des Amtsantritts, denn Renner schwebte eigentlich der 1. Mai vor.
In der Frage ließ Wowereit nicht mit sich reden, schließlich tagt am Montag, dem 28. April der Kulturausschuss und die Vakanz auf dem Posten des Kultur-Staatssekretärs sollte so kurz wie möglich sein. Schließlich müssen drei hochkarätige Personalentscheidungen in den nächsten Monaten vollzogen werden, da eine zweijährige Vorbereitungszeit für die Übernahme einer Theater-Intendanz als Minimum gilt, bei der Oper geht man sogar von drei Jahren aus: Im Sommer 2016 hören die Intendanten Claus Peymann (Berliner Ensemble) und Frank Castorf (Volksbühne) auf, ein Jahr später will sich Jürgen Flimm von der Staatsoper in den Ruhestand verabschieden.
Die Verpflichtung von Tim Renner – dass der Senat am kommenden Dienstag der Personalie zustimmt, gilt als sicher –, ist ein Paradigmenwechsel. Der Nachfolger von André Schmitz ist in Ausstrahlung und Interesse das Gegenmodell zu dem altem Amtsinhaber. André Schmitz ist intellektuell ausgestattet mit dem gesamten bildungsbürgerlichen Kanon, mit Freude an der klassischen Musik und ein Theatergänger. Er ist ein begabter Redner, der Bohème unter den Sozialdemokraten.
Tim Renner fremdelt mit der klassischen Kultur
Tim Renner strebt hingegen nicht danach, im Mittelpunkt zu stehen. Er ist ein Mann für das vertrauliche Gespräch, integer, bildungshungrig und dem Zeitgeist aufgeschlossen. „Tim Renner steht für diese Stadt und für die Kreativszene“, sagte Wowereit. Das ist nicht verkehrt, denn nicht umsonst setzt gerade die in Berlin stark vertretende Freie Szene einige Hoffnungen in Renner. Er hat auch ein besseres Verständnis für das sogenannte Kreativitätsprekariat dieser Stadt als es Schmitz jemals aufgebracht hätte.
Anderseits fremdelt Tim Renner mit der klassischen Kultur. Das weiß er selbst, deshalb hat er auch den slogantauglichen Satz parat: „Berlin ist Barenboim und Berghain, Radialsystem und Rammstein.“ Er bekennt, dass er zuletzt vor einem halben Jahr in der Oper war. Allerdings war das „eine Party". Auch gehörte er bislang nicht zu den Menschen, die auf den Premieren-Einladungslisten der Staatsbühnen zu finden waren. Beim Thema Umzug der Alten Meister auf die Museumsinsel, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erneut ins Gespräch gebracht hat, fällt seine Antwort sehr diplomatisch aus: Es gebe eine gute Lösung, aber „wenn es eine bessere gibt und jemand die bezahlen will, dann gerne“.
Fremdelt Tim Renner mit der Hochkultur? Auf jeden Fall. Muss das ein dauerhaftes Hindernis sein? Nicht unbedingt. Die Erfahrung zeigt, dass die übliche Frage bei einer Personalentscheidung – „kann sie oder er das überhaupt?“ – nur solange relevant ist, solange man den Posten noch nicht angetreten hat. Heute fragt, anders als im Frühjahr 2005, kein Mensch mehr: Kann Angela Merkel Kanzlerin? Tim Renner mit seinem abgebrochenen Germanistik-Studium sah auch nie wie der ideale Vorstandsvorsitzende von Universal aus – zu fahrig, zu sprunghaft, zu chaotisch –, genau bis zu dem Zeitpunkt, bis er 2001 die Führung bei Universal übernahm.
Klaus Wowereit setzt also erneut auf einen Vertrauten. Die beiden kennen sich seit Jahren, Tim Renner zog mit Universal Music 2002 von Hamburg nach Berlin. Der Umzug der größten Tonträgerfirma Deutschlands in die Hauptstadt war ausschlaggebend, dass viele kleinere Labels auch ihren Standort nach Berlin verlegten und die Stadt zur Musikmetropole wurde. Tim Renner und Klaus Wowereit blieben in all den Jahren ein Gespann. Und so nachvollziehbar es im ersten Moment sein mag, jemand einzusetzen, auf den man sich verlassen kann, ist anderseits genau dieses Kumpelige, das Klaus Wowereit mit André Schmitz verband – und ihm fast seinen Job als Regierender Bürgermeister gekostet hätte.




