Sebastian Baumgarten pendelt erfolgreich zwischen Opern- und Schauspielregie. Er wurde am 31. Januar 1969 in Berlin geboren und wuchs im Ostteil der Stadt auf. Die Beziehung zur Musik lag nahe, seine Mutter war klassische Sängerin, sein Großvater Hans Pischner Intendant der Staatsoper Unter den Linden. Baumgarten studierte an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Opernregie. Er assistierte bei Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson. 2011 inszenierte Baumgarten bei den Bayreuther Festspielen „Tannhäuser“, an diesem Freitag wird die Inszenierung zur Eröffnung der diesjährigen Festspielsaison wieder aufgenommen. Sein „Tannhäuser“ gehörte zu den umstrittensten Inszenierungen der vergangenen Jahre. Wer sich ein Bild von der Arbeit machen will: Am 12. August wird die Aufführung im Kino übertragen.
Berliner Morgenpost: Herr Baumgarten, wären Sie enttäuscht, wenn es am Freitag bei der „Tannhäuser“-Premiere keine Buh-Rufe geben würde?
Sebastian Baumgarten: Es ist halt die Frage, ob die Zuschauer einem relativ dichten Theaterabend folgen wollen oder ob sie sagen, über die Interpretation kommen wir einfach nicht hinweg. Das fängt damit an, dass der Vorhang während des Einlasses geöffnet ist, und hört bei der Biogasanlage auf. Ich habe einen epischen Ansatz, verwende Mittel von Brecht, und das scheint zu Irritationen gegenüber Wagners Musik geführt zu haben.
Ein bisschen Skandal ist fürs Image doch ganz gut. Wenn man Kritiken liest, hat man das Gefühl, dass die Dauer der Buhrufe gestoppt wird wie die Länge des Applauses bei Wahlen zum Parteivorsitz. Frank Castorf, der 2013 den „Ring“ inszeniert hat, soll eine Viertelstunde ausgebuht worden sein, auch er arbeitet momentan an der Wiederaufnahme. Haben Sie Ihren Kollegen getroffen?
Man kommt hier nicht aneinander vorbei, spätestens in der Kantine trifft man sich. Aber in diesem Jahr war es so, dass die Teams wegen der unterschiedlichen Probenzeiten kaum Kontakt hatten.
Castorf hat Anfang der Woche in einem Interview davon gesprochen, dass in Bayreuth ein Klima der Angst herrsche, er sprach von vorauseilendem Gehorsam, das alles habe ihn an die DDR erinnert. Wie empfinden Sie die Atmosphäre?
Ich will das Interview nicht kommentieren, der DDR-Vergleich ist ja letztes Jahr schon gemacht worden, aber das ist hier schon ein hierarchisch organisierter Apparat. Vielleicht gibt es da noch eine Unentschlossenheit. Einerseits werden Regisseure verpflichtet, die eine eigene Handschrift haben und für etwas stehen, andererseits ist man nachher verwundert, wenn diese Leute nicht nur solides Handwerk abliefern. Die Arbeit in Bayreuth hat ein ganz eigenes Timing, und das führt schon mal zu absurden Situationen. Aber man hat hier immer das Gefühl, man könnte noch viel mehr abliefern, wenn die Arbeitsbedingungen nicht so kompliziert wären. Ich möchte allerdings nicht, dass die Sänger in meiner Inszenierung ihre von New York bis Mailand erprobten Standardgesten abliefern.
Das klingt ein bisschen so, als ob der Apparat die Regiekonzepte schleift. Sie haben vor jeder Wiederaufnahme an Ihrer „Tannhäuser“-Inszenierung gearbeitet, hat denn die aktuelle Arbeit mit der Premiere vor vier Jahren noch viel gemein?
Ich würde schon sagen: ja. Im ersten Jahr muss man hier eigentlich in zwei Wochen durchs ganze Stück. Deshalb ist man noch nicht an den Details dran, die aber sind im Theater ganz wichtig. Das ist das, was man über die Jahre ausarbeitet. Aber an der Grundkonstellation hat sich natürlich nichts geändert. Von der Ursprungsbesetzung sind allerdings nur noch vier Solisten dabei, das verändert dann schon einiges.
Die „Himmelfahrt“ gibt es aber weiterhin?
Klar, das ist ja unsere Lesart. Dieser Tannhäuser steht zwischen Venus und Maria und auf dem Weg begegnet ihm diese reale Elisabeth, die ihn faszinierend findet. Und dann drängt sie sich in die Marienrolle rein und wird so stark, dass sie daran zu Grunde geht. Verändert haben wir die Zwischenspiele, da haben wir jetzt noch einen Gottesdienst drin. Es gibt ja vor jedem Akt eine Viertelstunde lang so eine Art „alltägliche Verrichtung“. Der Ausgangspunkt war, dass in diesem Raum eine Gemeinschaft lebt, die Tannhäuser quasi als Gründungsmythos verfolgt.
Sie pendeln zwischen Schauspiel und Oper, arbeiten in Stuttgart, Zürich, Hamburg. Verschieben sich gerade die Schwerpunkte in Richtung Oper?
Das täuscht. Eigentlich arbeite ich mehr im Schauspiel, allerdings findet jetzt eine Verschiebung statt, weil ich noch Professor in München bin. Ich unterrichte an der August-Everding-Akademie.
Wann arbeiten Sie denn mal wieder in Ihrer Heimatstadt?
Ich inszeniere in der nächsten Spielzeit „Zement“ von Heiner Müller am Gorki.
Passen Sie denn ins Konzept des Hauses?
Das ist ja nicht migrantisch, sondern postmigrantisch. Das verstehe ich so, dass man nicht mehr darüber redet, woher jemand kommt. Man will einfach die beste Besetzung. Ich freue mich sehr auf die Arbeit.
Kommen Sie denn noch dazu, in Berlin ins Theater zu gehen?
Das ist leider schwierig. Ich unterrichte in München 19 Stunden die Woche, bin viel unterwegs.
Sie lehren Regie. Wohin geht denn der Trend?
Weg vom Interpretationstheater. Das zeigt sich auch an so etwas wie der Wahl von Matthias Lilienthal zum Intendanten der Münchner Kammerspiele. Auf solche Entwicklungen muss man auch in der Ausbildung reagieren. Es ist nicht mehr damit getan, dass man eine genaue Textanalyse oder eine musikalische Analyse macht und dann sagt, jetzt musst du eine Fantasie dazu haben. Es geht darum, wie man an seine eigenen Themen kommt. Und dafür das richtige Format findet.
Womit sich das eher konservative Opernpublikum schwerer tut.
Das führte wohl auch zu der Aufregung bei „Tannhäuser“. Da stimmt eine Gruppe Teilnehmer das Deutschlandlied an, aber nicht als Kunstgesang, sondern als persönlicher Ausdruck. Ein unsauberer Ton in den heiligen Hallen – das war ein großer Anstoßpunkt. War aber auch der Versuch, ob man das hinkriegen kann.
Ein gelungener?
Wenn man wie ich so viel gescholten wird für eine Arbeit, dann ist man schon an dem Punkt, wo man diese Arbeit genau reflektiert. Was wir da gemacht haben, hat für mich eine große Relevanz. Wenn ich die Inszenierung jetzt sehe, dann schaut sich das gut an, kein schlechter Theaterabend.




