Premiere

Startenor Vogt wird als Faust bejubelt und ausgebuht

An der Deutschen Oper erlebte Berlioz’ „Fausts Verdammnis“ in der Regie von Christian Spuck seine Premiere. Der berühmte Wagner-Sänger Klaus Florian Vogt gab sein Rollendebüt als Faust.

Foto: Bettina Stöss

Die Welt ist eine flache Scheibe. Drumherum gibt es nichts. Höchstens noch Geister. Das bleibt an diesem Premierenabend festzuhalten, auch wenn die absolute Mehrheit im Publikum an so etwas nicht mehr glauben will. Aber in der Oper sind nach wie vor Dinge vermittelbar, die selbst in anderen Künsten unschick sind.

Im Kino würde das Publikum samt Popcorn nach einer halben Stunde rausgehen angesichts dieser unendlichen Düsternis, im Theater würden die Macher darüber nachsinnen, wie sie die Bühne möglichst trashig zerlegen können. In der Deutschen Oper dagegen dreht und dreht sich diese schräge Scheibe. Mal hier und mal dort entlang.

Gut zwei Stunden lang gibt sie, was Kulissen und Farbigkeit betrifft, allerdings nur wenig preis, und dennoch erwächst daraus ein unglaubliches Weihespiel voller Melancholie. Irgendwann hat sich der Faust gewissermaßen zu weit vorgewagt und ist in den Abgrund gefallen. Zum Finale ein bisschen chorischer Schöngesang. Anschließend bricht der Premierenjubel los. Dabei hat Regisseur Christian Spuck „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz in seiner ganzen schwarzen Romantik vorgeführt.

Das Wagner-Deutsch im Ohr

Es ist eine französische Sichtweise auf den altvertrauten Stoff des Weimarer Klassikers. Faust ist hier nicht der ewig Suchende, der seine Seele verkauft, um zu erfahren, was die Welt - pardon, die Scheibe - im Innersten zusammen hält, bei Berlioz ist er ein Schlaffi, ein Antriebsloser, ein Desillusionierter. Klaus Florian Vogt in der Titelrolle vertraut vor allem seinem lyrischen Atem und muss am Ende auch kleine Buhs für sein Rollendebüt einstecken. Er ist halt nicht der Tenortyp, der Antriebslosigkeit, Verzagtheit ausstellen kann.

Seine Fans werden ihn vor allem auch mit dem Wagner-Deutsch im Ohr haben und eben nicht mit dem leicht näselnden Französisch. Die berührendsten Momente gelingen ihm im Duett mit der angebeteten Marguerite, die Clémentine Margaine voller Lebendigkeit aussingt. Dann leuchtet Vogts Tenor in seiner geradlinigen Klarheit, in seiner samtigen Schönheit, um die sich jede Frauenstimme ranken kann.

Der Mephisto ist in Granit gemeißelt

Samuel Youns Mephisto ist dagegen stimmlich und darstellerisch in Granit gemeißelt. Im Stück ist er eigentlich der Verführer, der dem Faust die Welt wieder schmackhaft machen muss. Youn ist mehr der Geisterdompteur, ein Puppenspieler. Es bleibt unverständlich, warum Faust ihm folgt. Aber in der Oper geht es sowieso nicht um Logik, sondern um Stimmungen. Und es ist nicht einmal eine Oper. Berlioz sträubte sich zu Lebzeiten gegen eine szenische Umsetzung, er nannte sein Oratorium eine Dramatische Legende in vier Teilen.

Wie bei allen großen Komponisten ist es natürlich wieder eine „Künstleroper“ geworden, die das eigene Seelenleiden ausmusiziert. Bemerkenswerterweise führt Generalmusikdirektor Donald Runnicles am Pult die Musik sehr behutsam, fast liebevoll vor. Er treibt die Blechbläser nicht lautstark auf den Abgrund zu, er hält sein Orchester anmutig zurück. Die graue Bühnenwelt bekommt einen weichen Klangteppich untergelegt, der das stilistische Allerlei sinnfällig zusammenführt. Es ist ein Opernabend, der den Puls nicht hochtreiben will. Eher andächtig stimmt.

Das Orchester rankt aus dem Graben heraus

Das Orchester ist Teil des Bühnengeschehens. Es rankt aus dem Orchestergraben zur Bühne hinauf, rechterhand sitzen vier Damen an ihren großen Harfen. Das sieht so friedlich aus. Und auch die szenische Mischung auf der Scheibe ist stimmig. Christian Spuck ist von Hause aus Tänzer und Choreograf. Er hat also zehn Tänzer mit in die Inszenierung integriert, sie gehören zur Scheinwelt des Mephisto. Einiges ist schön anzuschauen.

Spuck kann seine Tänzer und den Chor in großen Tableaus geschickt vermischen. Der Opernchor ist in dieser Premiere wieder einmal ein Hauptdarsteller, der beiläufig beweist, warum er zu den besten seiner Zunft gehört. Der Chor präsentiert sich überaus spielfreudig, dynamisch, vollmundig. Er wird am Ende vom Publikum bejubelt – wie alle Beteiligten. Es ist eine gelungene Produktion.