Deutsche Oper

Für Runnicles hat große Oper immer etwas Spirituelles

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Volker Blech

Foto: Bettina Stöss

Donald Runnicles dirigiert Verdis „Falstaff“ in Berlin. Ein Gespräch mit dem Generalmusikdirektor der Deutschen Oper über das Altern, Privilegien und schlechte Regisseure.

Verdi ist an der Deutschen Oper in Berlin Chefsache. Donald Runnicles schwärmt geradezu von seinen Proben mit dem Regisseur Christof Loy. Dieser wird die Geschichte so erzählen, sagt Runnicles, dass man sie versteht, ohne vorher das Programmheft gelesen zu haben.

Seine Begeisterung ist schon irritierend, denn der Generalmusikdirektor ist für eine gewisse Distanz zum Regietheater bekannt. An diesem Sonntagabend hat Giuseppe Verdis Alterskomödie „Falstaff“ – alter Mann begehrt junge Frau – seine Premiere. Die Berliner Morgenpost sprach mit dem Dirigenten.

Berliner Morgenpost: Was ist für Sie der größte Reiz an Verdi? Sind es die Stimmen, der Orchesterpart, die Handlungen seiner Opern?

Donald Runnicles: In den frühen Verdi-Opern liegt das Hauptgewicht eindeutig auf dem Gesang. Je reifer der Komponist wird, desto stärker kommt die Rolle des Orchesters zum Tragen. Es wird zum eigenständigeren Partner, wie man es von Richard Wagner oder Richard Strauss kennt. Im „Ballo in maschera“ hat Verdis Orchester bereits eine mehr als nur begleitende Rolle. Und dann kommen die drei Höhepunkte „Otello“, „Falstaff“ und „Don Carlo“. Das sind Partituren, bei denen man als Dirigent wirklich etwas gestalten kann. Hier geht es darum, Stimmungen zu schaffen und dramatische Situationen musikalisch zu beschreiben. Das ist für mich viel erfüllender, als die Frühwerke zu dirigieren.

Nike Wagner bemerkte zur Eröffnung des Verdi- und Wagner-Jahres spöttisch, nun stünden sich das Uff-ta-ta des Italieners und die unendliche Melodie des Deutschen als ungleiche Jubiläums-Rivalen gegenüber.

Das ist natürlich sehr polemisch formuliert und stimmt eben nicht. Gerade am „Falstaff“ sieht man das. Üblicherweise wird die berühmte „Kunst des Übergangs“ mit Wagner in Verbindung gebracht: Alles ist bei ihm organisch komponiert, eines mündet fließend ins andere. Aber der späte Verdi überrascht nun alle damit, dass er der wahre Meister einer solchen Kunst des Übergangs ist. Mit dem „Falstaff“ scheint uns der neunzigjährige Verdi ganz ohne große Theorien sagen zu wollen, dass er am Ende doch der genialste von allen ist. Er weiß natürlich, dass er ständig mit Wagner verglichen wird. Und daher schreibt auch er im Alter eine Komödie – wie Wagner mit den „Meistersingern“. Im „Falstaff“ zeigt sich in Wahrheit ein ganz junger Verdi, einer, der so jugendlich komponiert, als wäre er fünfundzwanzig.

Dabei handelt die Oper vom Altern. Welche Überlegungen stellt man an, wenn man das Stück aufführt – und bedenkt, dass das Opernpublikum ja auch immer älter wird?

Wir wollen zeigen, dass es darum geht, dass man körperlich älter wird, aber im Wesen jung bleiben kann. Es ist ähnlich wie bei der Marschallin im „Rosenkavalier“, die voller Melancholie feststellt, dass sie die Gleiche geblieben ist, obwohl sie älter geworden ist. Was Verdis Librettist Boito geschrieben hat, ist sensationell. Denn auch Verdi ist zu dieser Zeit zwar schon neunzig Jahre alt, aber innerlich noch jung und neugierig geblieben. Wünschen wir uns das nicht alle, über die reiche Lebenserfahrung des Alters zu verfügen und dennoch jung geblieben zu sein? Wieder zeigt sich die Parallele zu Wagners „Meistersingern“, wo das Thema zwischen der jungen Eva und dem alten Hans Sachs auch eine Rolle spielt. Ich bin mir sicher, dass Verdi sich dessen bewusst war.

Als junger Dirigent will man naturgemäß immer alles. Aber mit zunehmender künstlerischer Reife kristallisiert sich doch sicher heraus, was die Meisterwerke sind?

Ich genieße gewisse Privilegien. Ich dirigiere nur Stücke, von denen ich glaube, dass ich mit ihnen etwas zu sagen habe. Das Belcanto-Repertoire – Donizetti, Bellini – spricht mich persönlich nicht so an. Das bedeutet nicht, dass das keine guten Werke sind. Aber da ich alles aus Leidenschaft und nichts aus Pflicht machen möchte, lasse ich dieses Repertoire weg.

Und wo liegt Ihre Leidenschaft?

Werke, die einen dazu bewegen, über das Leben nachzudenken, über Beziehungen, über den Tod. Werke, in denen so gesungen wird, dass auch die Sprache eine Bedeutung hat, wo nicht nur der Schöngesang im Vordergrund steht. Für mich hat große Oper immer etwas Spirituelles. Die Beziehung zu einem Stück ist wie die zu einem Menschen. Über die Jahre hinweg kann sie sich verändern wie die zu einem alten Freund, den man plötzlich anders erlebt als früher.

Was erleben Sie jetzt anders am „Falstaff“?

Als junger Dirigent hatte ich das Bedürfnis, die Musik noch mehr aufzuheizen, als es in der Partitur steht, durch stärkere Akzente und drastischere Tempi. Jetzt habe ich mehr Vertrauen in das Stück, so wie es komponiert ist. Es ist Verdis „Falstaff“, nicht meiner.

In der „Tischlerei“, der kleinen Bühne der Deutschen Oper, wurde gerade mit Mozarts „Cosi fan tutte“ experimentiert. Junge Regisseure versuchten, Mozart „auf gleicher Augenhöhe“ zu begegnen. Sie sehen sich nicht länger als Diener des Werks. Wie stehen Sie zu s dekonstruktivistischen Regieansätzen?

Ich sehe das sehr gelassen. Wenn die Regisseure dogmatisch wären und ihren Weg für den einzig richtigen hielten, hätte ich ein Problem damit. Aber das tun sie nicht. Ich habe diese drei „Cosi“-Aufführungen gesehen. Das ist provokativ, aber es regt eine Debatte an und das ist gut so.

Würden Sie eine solche Inszenierung, die die Musik zerhackt und lauter Kameras installiert, für eine eigene Produktion zulassen?

Es wäre nichts für mich und auf der Hauptbühne auch am falschen Ort. Dort wollen wir repertoiretaugliche Aufführungen zeigen, die die Stücke nicht in Frage stellen und die auch über die Spielzeiten hinweg standhalten. Aber für die „Tischlerei“ ist das ein fantastischer Ansatz.

Wie wichtig ist die Regie? Ist sie der Musik ebenbürtig?

Es geht für mich in der Oper immer um Teamarbeit, um das Zusammenspiel von Musik und Theater. Dabei stehen die Noten fest, die Musik ist da. Und der Ehrgeiz des Dirigenten ist es, das Stück so klingen zu lassen, wie es in der Partitur steht. Ein Regisseur sollte seinerseits versuchen, das Stück brisanter, aktueller oder verständlicher zu machen. Es gibt schlechte Regisseure, ebenso wie es schlechte Dirigenten gibt. Schlechte Regisseure inszenieren nicht das Stück, sondern irgendeine persönliche Idee. Die trägt aber meistens nicht über einen ganzen Opernabend. Sie werden mich persönlich daher niemals erleben mit einem Regisseur, den die Musik letztlich nur stört, weil er glaubt, dass das Stück veraltet ist und man ihm auf die Beine helfen muss. Ideal ist es, wenn die Regie das Stück klarer macht, verständlicher. Wir brauchen alle Geschichten.

Hatten Sie selber jemals Lust zu inszenieren?

Nein, nie. Ich lerne schon in der Musik nicht aus. So geht es mir jetzt auch: Ich entdecke Verdi gerade wieder neu.

Deutsche Oper: Falstaff, 18 Uhr, am 17. November 2013 Premiere. Weitere Aufführungen am 22. und 29. November 2013 sowie am 5. Dezember 2013.