Deutsche Oper

Ein Startenor, der gern Ski läuft und Olympia schaut

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Volker Blech

Foto: Reto Klar

Klaus Florian Vogt singt die Titelrolle in „Fausts Verdammnis“ in der Deutschen Oper. Als Sänger musste auch er lernen, den Orchestergraben zu überwinden und auch weit hinten noch gehört zu werden.

Wenn es Spaß macht, lautet einer seiner Lieblingssätze. Und Klaus Florian Vogt gefällt es auch, einmal ein Gespräch hoch oben im zweiten Rang der Deutschen Oper zu führen. Dort, wo er sonst nie hinkommt, einfach weil er mindestens 36 Meter entfernt unten auf der Bühne steht und singt. Vogt ist das, was man einen Startenor nennt. Der Hüne von Gestalt ist einer der führenden Wagner-Tenöre. Einer, der weltweit gefeiert wird.

Erstaunlich entspannt wirkt der gebürtige Holsteiner, Jahrgang 1970, als er mit lässig nach hinten geschobener Sonnenbrille durch die Stuhlreihen geht. Dabei ist Berlioz‘ Oper „Fausts Verdammnis“, in der er heute als Faust Premiere hat, Neuland für ihn. Aber die Proben sind hervorragend gelaufen. Das Ganze fange an zu leben für ihn, sagt er. Und überhaupt: Es macht Spaß. Und während er das sagt, schaut er wie sonst sein Publikum hinunter zur Bühne, wo gerade Kulissen herumgetragen werden. Ein wenig scheint er selber darüber zu staunen, wie klein die Bühnenarbeiter wirken.

In großen Häusern singen sich Stars kaputt

Klaus Florian Vogt hat normalerweise eine andere Perspektive auf Opernhäuser. „Die Größe der Räume, das Visuelle, hat auch eine psychologische Wirkung auf Sänger“, sagt er mit seiner fast samtigen Sprechstimme: „Viele denken dann, sie müssen ordentlich Druck machen, um auch weit hinten gehört zu werden. Aber das ist auf Dauer für die Stimme tödlich.“ Damit erklärt er sich auch, warum beim schweren Wagner-Repertoire die Stimmen oft so schnell verschlissen sind. Gerade in den großen Häusern singen sich die Stars kaputt.

Ursprünglich hatte Vogt Horn studiert und einige Jahre im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg gespielt. Nebenher studierte er Gesang in Lübeck und erhielt 1997 ein Engagement am Landestheater Flensburg. Ein Jahr später kam er bereits an die Dresdner Semperoper, wo er vom Stardirigenten Giuseppe Sinopoli gefördert wurde. Seinen eigentlichen Durchbruch hatte er 2002 in Erfurt als Lohengrin.

Seither ist er ein Vorzeige-Lohengrin in der Wagner-Welt. Hans Neuenfels hatte ihn in Bayreuth inszeniert, demnächst wird ihn Andreas Homoki in dieser Rolle in Wien inszenieren. Darüber hinaus ist er in zwei weiteren jugendlichen Heldentenor-Partien unterwegs: als Stolzing in den „Meistersingern“ und als Parsifal.

Den Orchestergraben überwinden

Obwohl Vogt seit 2003 als freischaffender Künstler durch die Opernwelt reist, an der Semperoper ist er noch regelmäßig anzutreffen. In den Silvesterkonzerten stellte er gerade unter Leitung von Christian Thielemann Musik aus Operetten und Musicals vor. Operette läge ihm total am Herzen, sagt Vogt. Damit hatte er seine Laufbahn am Theater begonnen.

Nun sitzen wir im zweiten Rang der großen Deutschen Oper und es steht die Frage im Raum, mit welchen Tricks Hochleistungssänger diese Entfernungen überwinden. Jeder kennt das Problem, jemanden auf der anderen Straßenseite etwas zuzurufen, was der auch noch verstehen soll. In der Oper ist die Entfernung größer und es soll obendrein schön klingen. „Es gehört zum Handwerkszeug des Opernsängers, beim Publikum textverständlich anzukommen“, sagt Vogt. Genau genommen muss ein Sänger lernen, den Orchestergraben zu überwinden. Das Orchester sei kein Feind des Sängers, betont Vogt, selbst wenn es laut spielt. „Ich versuche immer, darin ein bisschen mit zu schwimmen, um an bestimmten Stellen Schneisen zu finden, um durchzukommen.“

Ein akustisches Phänomen

Es gehört mehr oder weniger zu den Geheimnissen der großen Gesangslehrer, wie sie ihre Schützlinge individuell zu dieser Tragfähigkeit bringen. Von Caruso wissen wir, dass er beim Üben die Stirn an die Wand presste, um den richtigen Sitz der Stimme zu finden. Der Kehlkopf muss unten bleiben, die Halsmuskel entspannt. Eine alte Regel lautet, dass man die höchsten Töne nur am Boden findet. Das sind auch mentale Vorgänge. Vogt sagt, am schönsten klinge es, wenn die Stimme locker schwingt. Es sei ein Trugschluss, dass alles, was einem selbst sehr laut vorkomme, auch hinten im Saal ankommt. Das Gegenteil ist der Fall.

Darüber hinaus gibt es auch ein akustisches Phänomen. Solisten müssen ihre gesungenen Vokale, insbesondere i und e, in einem bestimmten Obertonbereich um 3000 Hertz perfektionieren, um sich gegen den Orchesterklang behaupten zu können. Das ist physikalisch messbar. Caruso und Placido Domingo lagen in ihren Bestzeiten bei 2800 Hertz.

Er brauche etwa eine halbe Probe, sagt Vogt, um herauszufinden, wohin er seine Stimme adressieren muss, damit der Raum zum klingen kommt. Dabei spielt auch das Bühnenbild und natürlich die Regie eine Rolle. In einer Kastenbühne kann der Sänger auch mal nach hinten singen. In anderen Bühnenbildern ist die Stimme plötzlich weg, weil es akustische Löcher gibt. „Das spürt man“, sagt Vogt: „Das ist, als ob man plötzlich eine Decke über dem Kopf hat.“

Von Berlin hat er wenig mitbekommen

Mit der Akustik der Deutschen Oper sei er gut vertraut, sagt Vogt gelassen. Er hat auch schon einiges in dem großen Haus gesungen, etwa den Stolzing in den „Meistersingern“, natürlich den Lohengrin, er gab hier sein Rollendebüt als Cavaradossi in „Tosca“ und zuletzt den Parsifal in der Regie von Philipp Stölzl. Von Berlin hat er allerdings in der Probenzeit nur wenig mitbekommen. Auch wenn er nicht zu denen gehöre, die immer drin blieben und sich einen Schal um den Hals wickeln. Was ja keinen Spaß macht. Nein, diesmal schaute sich Vogt, der selber regelmäßig läuft und gern Ski fährt, lieber Olympia im Fernsehen an.