Vergangene Woche klingelte es am Nachmittag an unserer Tür. „Ja, bitte?“, fragte ich freundlich durch die Gegensprechanlage. Ehrlich gesagt hoffte ich, der Paketmann würde mir endlich die Wildleder-Stiefeletten bringen, die ich ein paar Tage vorher beim Online-Shopping im Sale ergattert hatte. Dementsprechend war ich extrem gut gelaunt. Aber nichts da. „Hallo“, sagte eine Männerstimme unten auf der Straße. „Ich heiße Karl-Heinz Schulze. Und ich wollte gern mit Ihnen darüber sprechen, was Ihnen die Zukunft so bringt.“
Ich war einigermaßen konsterniert. Seit wann heißen Orakel Karl-Heinz Schulze und klingeln am helllichten Tag an Wohnungstüren in Prenzlauer Berg? Müssten Orakel nicht eigentlich total mystische Namen tragen wie Merlin-Gandalph, David Copperfield oder Enya? Und in verdunkelten Bauwagen vor einer Glaskugel sitzen und verschwörerische Gesten machen, statt einfach loszuplappern? Wahrsager sind anscheinend auch nicht mehr das, was sie mal waren. Eigentlich müsste ich Karl-Heinz allein schon deshalb auf eine Tasse Kaffee heraufbitten, um ihm das mal in aller Ausführlichkeit zu erklären. Aber egal. Ich dachte darüber nach, was für eine geniale Marktlücke Karl-Heinz da möglicherweise entdeckt hatte: mobile Wahrsagerei direkt an der Haustür. Wenn er clever ist, hat er nicht nur seinen Bauchladen mit Tarot, Horoskopen und Pendeln dabei, sondern auch ein EC-Kartenlesegerät. Für Kurzentschlossene.
Wobei ich ehrlich gar nicht an Wahrsagerei glaube und das alles für großen Hokuspokus halte, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Das ist die gleiche Masche, die Fitnessstudios nutzen: große Versprechen machen (Sixpack in drei Tagen) und horrende Kosten verursachen (Dreijahresvertrag für läppische 89 Euro pro Monat). Klappt nie. Weiß jeder. Und am Ende ärgert man sich tot.
Umso interessanter ist ja, dass es in Berlin sowohl an jeder Ecke ein Fitnessstudio als auch unzählige Zukunftsdeuter gibt: 140.000 Google-Ergebnisse für „Wahrsager Berlin“! Diese Leute nennen sich dann Angel, Shakira oder Stefan, was ungefähr so mystisch ist wie altbackenes Weißbrot. Aber was soll man sagen: Der Berliner scheint insgesamt ein sehr hoffnungsvolles Wesen zu sein. Das Glück wird sich schon irgendwo finden: in der Aussicht auf eine Bikini-Figur oder eben in den Karten von Angel-Shakira-Karl-Heinz.
Interessant wäre ja vor allem die Frage, welche Zukunft unsere schöne Stadt vor sich hat. Auf was darf Berlin in diesem und dann im nächsten Jahr hoffen? Zwingen Schnee und Eis wieder die S-Bahn in die Knie? Folgt auf den Jahrhundertsommer der Jahrhundertwinter? Bekommt unsere Landesregierung das Wohnungs- und Kitaproblem in den Griff? Werden die Wespen das Rote Rathaus übernehmen, die Wildschweine weite Teile von Reinickendorf und die Ratten sämtliche Pankower Spielplätze? Das wären doch mal Dinge, die man wirklich gern von einem Wahrsager hören würde.
In Berlin ist man an Freaks gewöhnt
Doch zu alldem kam es am Ende nicht mehr. Weil man in Berlin ja nun einiges an Freaks gewöhnt ist, fragte ich Karl-Heinz zunächst, von welcher Organisation er denn komme. Ich tippte auf eine Sekte, Verschwörungstheoretiker oder eine neu gegründete Partei oder so – im Gepäck ein schön zurechtgeschneidertes Weltuntergangsszenario, das nur gegen die Zahlung exorbitanter Summen und einer lebenslangen Mitgliedschaft abgewendet werden kann. Karl-Heinz fing zu stottern an. „Also, äh, na ja. Von keiner kirchlichen Organisation“, sagte er schließlich. „Aha“, sagte ich. „Von welcher denn dann?“ Schweigen. „Na ja“, hörte ich. „Von einer anderen eben.“
So so. Ich tat, was getan werden musste – nämlich gar nichts. Ich nehme mal an, dass Karl-Heinz entweder anderswo klingelte oder frustriert mit seinem Wissen über meine Zukunft von dannen zog. Ist sicherlich besser so. Wobei. Eine Sache bereue ich wirklich: Dass ich Karl-Heinz Schulze nicht gefragt habe, wann meine neuen Stiefeletten endlich ankommen werden.
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