Vergangene Woche war ich auf dem Bürgeramt. Und was soll ich sagen, ich war einigermaßen schockiert über die Zustände dort. Leere Flure. Ich kam sofort an die Reihe. Die Sachbearbeiterin war unkompliziert und freundlich. Es fielen überraschenderweise keine Kosten an. Am krassesten aber war ein Plakat, dass die Sachbearbeiterin sich über ihren Schreibtisch gehängt hatte: weiße Schrift auf grünem Grund, sonst nichts. Geschrieben stand dort der Satz: „Ich habe Elan!“ Puh. Berlin, was ist nur aus dir geworden? Ich glaube, wir müssen ein ernstes Wort miteinander reden.

Es hieß ja schon länger, dass sich die Situation in den Bürgerämtern entspannen sollte – aber gleich so? Das ist quasi ein Entzug von null auf hundert, so, als würde man einem Kettenraucher von heute auf morgen die Zigaretten wegnehmen, einem Kaffeejunkie das Koffein und der S-Bahn die Verspätung. Oder eben einem Berliner einen wichtigen Grund zum Schimpfen.

Außerdem hatte man sich ja irgendwie an das Chaos in den Bürgerämtern gewöhnt. Sie waren mit ihren kahlen Warteräumen ein Ort, der uns grenzenlose Geduld gelehrt hatte. Und Toleranz. Gegenüber schreienden Kindern, laut telefonierenden Typen, Jugendlichen, die ihre Handys als Ghettoblaster nutzen und solchen Menschen, für die Dusche und Deo Fremdwörter sind. Gegenüber nicht vorhandenen Klimaanlagen und übermäßig aufgedrehten Heizungen. Gegenüber dem traurigen Anblick vertrockneter Zimmerpflanzen.

Ein Ort der Effizienz

Man härtete eben ab, wenn man im Bürgeramt herumsaß. Und stellte gelegentlich Vernunft, Logik und im Grunde das gesamte Universum infrage, wenn auf Wartenummer 60178 plötzlich die 23 folgte und dann wieder die 1192847 – ein System, das so unergründlich war, dass nur ein verdammtes Genie es sich ausgedacht haben musste. Oder eben: das Bürgeramt.

Jetzt ist es offenbar zu einem Ort der Effizienz geworden. Zu einem Ort, an dem „Schneller, höher, weiter“ als Maxime gilt statt „Mir doch egal, ob Sie hier schon drei Stunden warten und außerdem sind wir dafür gar nicht zuständig.“ Zu einem Ort – und ich wage kaum, es auszusprechen – FÜR die Bürger Berlins. Das kann doch alles nicht möglich sein!

Vielleicht, und das ist meine leise Hoffnung, liegt dieser erschreckende Wandel nur an den nun bald endenden Sommerferien. Vielleicht wollte meine Sachbearbeiterin jetzt nur mal so richtig aufdrehen, wo ihre ganzen Luschen-Kollegen noch irgendwo auf Mallorca am Strand liegen und sich von ihrem stressigen Arbeitsalltag erholen. Vielleicht dachte sie sich, dass sie jetzt endlich mal den Laden zum Laufen bringt – zumindest für ein paar Wochen.

Motivationsplakate für die ganze Stadt

Vielleicht aber, und auch das muss man in Betracht ziehen, hat sich die Lage auch einfach insgesamt entspannt. Ja, kaum zu fassen. Ich hatte es eingangs gesagt: Es war schockierend. Was bitte soll als Nächstes kommen? Steige ich bald in einen pünktlichen BVG-Bus, in dem der Fahrer seine Gäste freundlich begrüßt und der ein Schild mit „Ich habe gute Laune“ im Führerhäuschen kleben hat? Warum eigentlich nicht?

Ich hätte da noch ein paar Ideen, wie man die Stadt mit Hilfe solcher Motivationsplakate etwas auf Trab bringen könnte. So sollte beispielsweise jeder Kellner in einem dieser hyperarroganten Szenecafés ein Schild direkt um den Hals tragen mit der Aufschrift: „Ich bin freundlich!“ Den Porsche-, Lamborghini- und Protzkarrenfahrern vom Kudamm könnte man einen Aufkleber aufs Heck kleben mit „Ich bremse auch für Tiere, Menschen und Döner.“ Jedes Berliner Restaurant von Reinickendorf bis Köpenick schreibt außerdem gleich auf die erste Seite der Speisekarte „Hier sehr gern auch Kartenzahlung“. Und an jeden Touristen verteilen wir am Flughafen und am Hauptbahnhof mehrsprachige Schilder mit „Ich latsche nicht zu langsam und stehe auch nicht im Weg herum.“

Naja, wir wollen ja nicht übertreiben. Lieber genießen, was wir jetzt schon haben: Das Bürgeramt, ein Sommermärchen!

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