Ich überlege, ob wir uns ein Auto zulegen sollten. Also, wir sind ja seit Kurzem zu viert und da frage ich mich, ob es jetzt nicht an der Zeit ist für einen Kombi oder einen Mini-Van oder irgendeine andere Familienkutsche. Unsere Eltern sehen das ja genau so. Als das erste Kind im Anmarsch war, sagten sie: „Jetzt braucht ihr dringend einen Wäschetrockner!“ Ein Wäschetrockner ist natürlich ein unfassbar erwachsenes Haushaltsgerät, noch erwachsener als eine Kühl-Gefrier-Kombi mit A++-Energiesparklasse und ein Geschirrspüler. Hätten wir nicht noch den gammeligen Herd unserer Vormieter und den Wasserkocher vom Discounter stehen, wäre unsere Küche komplett durchgentrifiziert.
Jedenfalls sagen unsere Eltern jetzt: „Ihr braucht ein Auto!“ Damit meinen sie ein „richtiges“ Auto und nicht die zwölf Jahre alte verbeulte Kiste, die ich seit meiner Studentenzeit auf dem Land behalten habe und das nur, weil ich dafür einst beim Gebrauchtwagenhändler statt Geld nur einen mitleidigen Blick bekommen habe. Als wir noch keine Kinder hatten, sind wir damit ab und zu an den Müggelsee gefahren. Jetzt geht es höchstens mal zum Getränke kaufen. Und seit sich neulich ein Teil am Unterboden gelöst hat und etwas bedrohliche Schleifgeräusche macht, ist selbst das ziemlich mutig.
Mit dem Auto einfach mal raus nach Brandenburg - aber wieso?
Aber braucht man in Berlin überhaupt ein Auto? Also, jetzt mal abgesehen von den horrenden Anschaffungs- und Unterhaltungskosten und dem Klimawandel und so: Der öffentliche Nahverkehr hier ist verhältnismäßig günstig, nicht weit entfernt von unserer Haustür fahren Tram und U-Bahn im Minutentakt. Man kann nicht meckern – auch wenn man es natürlich oft tut.
Ich sage: „Mit einem großen Auto könnten wir an den Wochenenden raus ins Grüne fahren – nach Brandenburg!“ Und der Mann sagt: „Was willst du denn bitte in Brandenburg?“, womit er natürlich auch wieder recht hat. Aber viel entscheidender finde ich ja die Frage, welches Vehikel am Ende weniger Nerven kostet. Und weniger wertvolle Lebenszeit mit Herumstehen und Warten verschwendet.
Gegen das Auto in Berlin sprechen: Die A100, die Potsdamer Straße, die A100, die Leipziger Straße, die A100, die Invalidenstraße, rote Ampeln ignorierende Radfahrer und Fußgänger, quer über die Straße latschende Touristen, die A100, sämtliche Berliner „Sommer“-Baustellen, Lkw in Wohngebieten und die A100.
Beim Car-Sharing fährt man gegen die Uhr
Gegen BVG und S-Bahn sprechen: Naja, BVG und S-Bahn eben. Und gerade in den erst kurze Zeit zurückliegenden heißen Sommertagen habe ich oft gedacht, wie schön es wäre, sich in die weichen Sitze einer klimatisierten Limousine fallen zu lassen, statt mich mit Kind und Kegel in eine überhitzte Konservendose wie die U2 zu quetschen.
Nun heißt das Modell der Zukunft ja Car-Sharing, aber ehrlich gesagt bin ich zu nervös für diese Geschichte. Man fährt ja quasi gegen die Uhr, Zeit ist Geld. Ich bin überzeugt davon, dass die ganzen Verkehrsunfälle mit Car-Sharing-Autos in Berlin nur daher kommen und absolut kein Zufall sind. Eine Freundin schlug nun neulich privates Car-Sharing vor: Zwei Familien kaufen sich zusammen ein Auto und nutzen es abwechselnd. Das macht ökologisch und finanziell natürlich Sinn und fördert die Wir-Kultur und so weiter.
Aber was ist, wenn es ausgerechnet an unseren Auto-Wochenenden immer regnet, während die andere Familie den Wagen an den Sonnen-Wochenenden hat? Da sehe ich zu viel Streit-Potenzial. Auch darüber, wessen Kind eigentlich die ganzen Zwieback-Krümel im Fußraum zu verantworten hat und wer das nun wegmachen muss. Am Ende verheddert man sich im Klein-Klein und das Auto wird zu einem einzigen Ärgernis.
Also, wir vertagen die Autofrage dann wohl vorerst. Vor allem seit bekannt ist, dass es auf Berliner Zulassungsstellen noch schlimmer zugeht als auf der A100 und bei der S-Bahn zusammen. Außerdem fühlen wir uns dank des Wäschetrockners ja sowieso schon erwachsen genug.
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