Es ist schon fast ein Jahr her, da stellte Apple eine seiner merkwürdigsten Innovationen vor: die AirPods. Das sind diese kleinen weißen Kopfhörer in Knopfform, die ohne Kabel auskommen. Bei jedem, bei dem die Haare halbwegs bis über die Ohren reichen, sieht man die Dinger also nicht mehr. Ich finde das höchst irritierend. Sämtliche Freaks, die Selbstgespräche führend durch Berlin laufen, sind nun gar nicht mehr so leicht als solche zu erkennen. Jeder von ihnen könnte schließlich auch ein Normalo sein, der mit seiner Schwiegermutter über die neuesten Apfelkuchenrezepte für den Thermomix telefoniert. Oder was Normalos halt so reden. Mit Furry-Convention, Fanmeile, Fashion Week und Freitagabenden in der U8 ist die Freak-Dichte in Berlin ja nun besonders hoch. Die AirPods machen allen anderen das Leben da nicht gerade leichter.

Wobei das mit dem öffentlichen Telefonieren ja sowieso so eine Sache ist. Es heißt ja immer, die Mehrheit fühlt sich gestört, vor allem wenn es kein Entkommen gibt wie im öffentlichen Nahverkehr. Ich muss sagen, ich höre fremden Menschen ganz gern bei ihren Gesprächen zu. Und habe dabei auch kein schlechtes Gewissen. Wer meint, sein Privatleben – oder das neueste Apfelkuchenrezept – in der vollen Tram ausbreiten zu müssen, darf sich nicht wundern, wenn andere daran teilhaben wollen. Wobei ich noch nie ein tolles Apfelkuchenrezept aufgeschnappt habe. Die Wahrheit ist ja, dass die meisten Menschen am Telefon total langweilige Gespräche führen. Immerhin sehen manche dabei ziemlich bescheuert aus.

Touristen zum Beispiel haben ja oft die lächerliche Angewohnheit, mit Handy plus ausgestrecktem Arm durch die Gegend zu latschen, weil sie ausschließlich per Videocall mit ihren Lieben daheim kommunizieren. Und das tun sie mitnichten nur am Brandenburger Tor oder am Kudamm, um Bilder unserer prachtvollen Stadt in die Welt hinauszuschicken. Nein, sie tun das vor allem dann, wenn sie gerade am Hauptbahnhof über die Ampel gehen, in einem Pulk gehetzter Menschen und mit den unfassbar hässlichen Baukränen des neuen Quartiers an der Heidestraße im Hintergrund.

Wobei man so wahrscheinlich den authentischsten Eindruck davon bekommt, wie es in Berlin tatsächlich so ist. Es nervt. Und vor allem tut sich da eine wichtige Frage auf. Warum haben alle anderen Menschen außerhalb Deutschlands so tolle Handytarife, dass sie sich selbst im Urlaub solche Sperenzchen leisten können? Mit unseren Anbietern hier ist man bei so was ratzfatz ein Montagsgehalt los.

Was macht das Telefon quer vor der Nase?

Aber das wird wohl ebenso unbeantwortet bleiben wie der Sinn des mir unerfindlichen Trends, das Telefon zum Telefonieren nicht mehr ans Ohr, sondern quer vor die Nase zu halten. Zukunftsforscher sagen, es sei sowieso total Steinzeit, noch so wie früher zu telefonieren – und außerdem kann man auf die neue Art nebenbei andere Apps bedienen, hat weniger Strahlung am Gehirn und drückt nicht aus Versehen mit der Backe auf irgendwelche anderen Knöpfe. Aber vielleicht ist genau das einer der Punkte, an denen man sich schon mit 35 alt fühlen muss.

Besonders jung komme ich mir dagegen vor, wenn ich sehe, dass Leute ausschließlich mit Lautsprecher telefonieren, um alles besser zu verstehen. Ich hätte ja immer Angst, dass mein Gesprächspartner irgendetwas Peinliches erzählt. Was übrigens auch bei jener Eigenschaft gilt, kleine Kinder ans Telefon zu holen, damit sie auch mal „Hallo“ sagen können. Ich hasse so was.

Da atmet dann dieser kleine Mensch in die Leitung und hat keine Ahnung, was er machen soll, während man selbst – zufällig mitten in der überfüllten M10 stehend – mit Schlumpfstimme und Heititei eben jenen kleinen Menschen zum Sprechen animieren muss. Weil die stolzen Eltern ja mithören. Die man nur eben fragen wollte, welchen Wein man morgen mitbringen soll. Da wird man dann selbst zum Telefon-Freak – auch ohne kabellose Kopfhörer im Ohr.

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