Gestern Morgen wurde ich von einem Krachen auf der Straße geweckt. Vielleicht war es auch mehr ein lautes Pong gefolgt von einem Scheppern, so genau weiß ich das nicht mehr, denn ich war schlaftrunken wie nach einer durchzechten Nacht. Kurzer Blick auf den Wecker: 6.24 Uhr und 28,8 Grad. Alter Verwalter! Dann draußen wieder: krach, pong, schepper. Nach einer kurzen Pause: klong, klirr. Dann rief ein Mann: „Ey, hör’ auf damit!“

Das war so einer der Momente im Leben, in denen man hin- und hergerissen ist zwischen einem speziellen Bedürfnis und Faulheit. So wie wenn der Fernseher zu leise ist, aber die Fernbedienung zu weit weg vom Sofa liegt. Oder man nachts auf die Toilette muss, aber keine Lust zum Aufstehen hat. Mein Bedürfnis – Neugier – siegte in dem Moment allerdings. Ich rechnete mit der mutierten Riesenechse Godzilla, die marodierend durch unsere Straße zog. Da sollte man ja doch besser Bescheid wissen. Vielleicht handelte es sich aber auch nur um einen Matrosen, der einen Wodka zu viel hatte und nun mit Sperrmüll warf. „Da demoliert einer mit einem Baseballschläger die Autos“, mutmaßte mein Freund aus dem Bett, um sich noch mal umzudrehen. Nun ja. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Das Geschehen spielte sich vor unserem Schlafzimmer auf der anderen Straßenseite ab. Im vierten Stock im Haus gegenüber stand ein Junge vor dem sperrangelweit geöffneten Fenster. Er war noch klein und konnte gerade eben so über die Fensterbank gucken. Was ihn allerdings nicht daran hinderte, sämtliche Gegenstände darüber zu befördern, die er offenbar finden konnte. Unten auf dem Bürgersteig und zwischen den Autos lagen bereits: Teller, Mixer, ein großer Plastik-Lkw, eine Dreifach-Steckdose, Eimer, Bücher, diverse Spielsachen, Kissen. Jetzt gerade schob der Junge ein Staubsaugerrohr aus dem Fenster, das ebenfalls krachend zu Boden ging.

Nicht zu heiß für Emotionen

Das Ganze mal kurz zusammengefasst: Die Sache endete, als erst die Mutter anrückte und schließlich die Polizei. Mit vier Mann. Möglicherweise hatten die Beamten ja Angst, dass der Junge noch seine mit Schaufeln und Harken bewaffnete Spielplatz-Gang zur Unterstützung holt. In Prenzlauer Berg steht so was ja bekanntlich auf der Tagesordnung.

Angesichts des Polizeiaufgebots tat mir das Kind fast leid. Immerhin: Es gab keine Schäden zu verzeichnen, weder bei Menschen noch bei Autos. Da muss man froh sein, dass gerade Hochsommer ist. Viele sind im Urlaub, es gibt viele freie Parkplätze. Das ist der große Luxus für alle, die in den Sommerferien zu Hause bleiben müssen und, wie ich finde, eine hervorragende Entschädigung dafür. Und wenn man schon bei 76 Grad Innentemperatur in der S-Bahn an den Sitzen kleben bleibt, dann mit weniger anderen schwitzenden Mitreisenden um sich herum. Ich kann aber insgesamt verstehen, wenn diese Affenhitze einen auf dumme Gedanken bringt. Ich weiß ja nicht, wie warm es im Schlafzimmer des kleinen Jungen war. Aber bei den 28,8 Grad bei uns hätte ich auch am liebsten mit Gegenständen um mich geworfen. Allerdings finde ich es zu heiß für Emotionen jeglicher Art – auch wenn es die ach so passende Weißglut ist.

Am selben Tag an einer Straßenkreuzung sahen es zwei Herren um die 70 anders. „Hier is’n Radweg, du Arsch“, brüllte der auf dem Fahrrad dem im Auto entgegen. „Und du bist bei Rot gefahren!“, brüllte der andere zurück und ließ die Faust aus dem Fenster kreisen. Schön, dass die Sonne uns wenigstens das „Du“ näherbringt. Aber das muss man im Moment alles gelten lassen, ebenso wie Sandalen und kurze Hosen im Büro. Ich weiß gar nicht, wer behauptet, dass dies ein No-Go sei. Bei Temperaturen jenseits der 35 Grad in Berlin müssen Ausnahmen gelten. Auch für Männer. Also: Zeigt her die Zehen und die Beine, solange der Hitzewahnsinn noch anhält. Sonst fliegen in Mitte und in der City West noch Telefone und Computer aus dem Fenster. Bleibt nur zu hoffen, dass Godzilla dann auch aus Berlin fernbleibt.

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