Letzte Woche waren wir im Zoo. Es war das erste Mal seit langer Zeit, und vor allem seit die beiden Pandas dort eingezogen sind. Natürlich sind wir auch gleich zu deren Gehege gelaufen, um die Viecher endlich mal live zu sehen. Wir wurden nicht enttäuscht. Auch ein Jahr nach ihrer Ankunft in Berlin könnte man meinen, es säßen dort nicht zwei zottelige Bären hinter der Glasscheibe, sondern Dagi Bee und Justin Bieber. Oder für die Älteren hier: Madonna und Michael Jackson.
Selbst an diesem wolkigen Vormittag hatten sich zwei Türsteher vor ihrer Anlage postiert: bullig, ganz in Schwarz und mit neongelber Warnweste, was sehr, sehr wichtig aussah. Reflexhaft schob ich mir die Sonnenbrille noch etwas weiter ins Gesicht und strich mein T-Shirt glatt. Lässig wirken, aber nicht zu lässig. Cool, aber nicht zu cool. Oder worauf kommt es überhaupt an, wenn man in diesen offenbar sehr angesagten Panda-Klub reinkommen will? Gibt’s ’ne Gästeliste? Ist es hilfreich, den DJ zu kennen? Na ja. Am Ende war es doch mehr so Dorfdisco-Style: Bauch rein, Brust raus – und wir waren drin.
Einfach nur schlafen, essen, Häufchen machen
Wobei von den Abertausenden Besuchern, die die Pandas unmittelbar nach ihrer Ankunft in Berlin gesehen haben, jetzt nicht mehr so wahnsinnig viel übrig ist. Ein paar Dutzend Leute standen vor den Glasscheiben herum, um Meng Meng und Jiao Qing beim Fressen zuzusehen. Eine große Show war das nicht gerade. Wenn man so will, haben die beiden Pandas da einen ziemlich guten Job erwischt: einfach nur schlafen, essen, Häufchen machen und ab und zu mal süß aussehen. Das reicht, um wie ein Megastar hofiert zu werden.
Ich behaupte mal, Knut musste sich seinerzeit für seinen Erfolg mehr abrackern. Ständig Fernsehauftritte, mit Decken und Eimern spielen, für Fotografen posieren. Die Pandas dagegen können in ihrem Zehn-Millionen-Euro-Luxus-Penthouse einfach so ihr Ding machen. Kein Wunder, dass man sich da auch Türsteher, 24-Stunden-Rundum-Service sowie eine künstliche Nebeldüse am ebenso künstlichen Bach leistet. Im Garten der Playboy-Villa von Hugh Hefner gab es, glaube ich, so etwas auch.
Was die Pandas an Unterhaltungswert vermissen lassen, machen zum Glück die anderen Besucher wieder wett – insbesondere jene ambitionierten Hobbyfotografen mit teurer Ausrüstung, die danach ihre Familie mit abertausenden Bildern langweilen. Hier am Pandagehege müssen sie wegen der Glasscheiben mit großem Brimborium erst mal eine Position suchen, aus der sie dann nicht ihr eigenes Spiegelbild mit ablichten. Ich wette, das haben die Gehegeplaner einkalkuliert, damit den Pandas ein bisschen Programm geboten wird.
Das Sommerloch braucht einen neuen Star
Und so turnte an diesem Vormittag ein Mittsechziger wie ein Seiltänzer im Zirkus Roncalli auf den Zäunen und Wällen in der Pagodenanlage entlang, um Meng Meng zu fotografieren, wie sie in der Ecke auf einem Haufen Bambus saß und vor sich hin kaute. Während er danach über die Kamera gebeugt durch seine Bilder scrollte, verpasste er, dass im Gehege jetzt wirklich mal etwas los war: Meng Meng lief rückwärts. Zuletzt hatte es vom Zoo ja geheißen, sie würde das eigentlich nicht mehr so oft tun. Nun ja. Megastars benehmen sich schon mal merkwürdig.
Insgesamt lässt Berlins Fauna im Moment zu wünschen übrig. Es hat sich noch kein Tier hervorgetan, um das Sommerloch zu füllen. Und selbst die Sumpfkrebse aus dem Tiergarten sind rechtzeitig auf dem Teller der Berliner gelandet, bevor sie jemandem das Leben schwer machen konnten. Schön wäre also, wenn jetzt mal ein Tier irgendetwas ganz Verrücktes tun könnte. Vielleicht läuft ein Steppenzebra mit Tempo 40 durch die 30er-Zone auf der Leipziger Straße und bezahlt dann – Skandal! – einfach seine Strafzettel nicht? Oder Hornraben könnten den Turm des Roten Rathauses bevölkern, dann wäre da auch mal wieder was los. Wenn sie eine ordentliche Show abliefern, werden ihnen vielleicht auch Türsteher spendiert.
Mehr Kolumnen von Nina Paulsen:


