Am Wochenende waren wir abends in einem Restaurant. Wir saßen draußen auf dem Bürgersteig an einem Tisch, die Gluthitze des Tages wich bei goldenem Licht einer endlich mal zu ertragenden Wärme. Kühl klirrten die Eiswürfel in unseren Drinks. Perfekte Berliner Abendromantik – wenn nicht plötzlich der schwarz-gelbe Tod um die Ecke gekommen wäre.

Es heißt ja immer, man soll aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Aber die Berliner Wespen, liebe Freunde, sind in diesem warmen und trockenen Sommer nichts anderes als der geflügelte Exitus. Sie sind einfach überall. Und es gibt kein Entkommen. Selbst wer sich im Laufschritt davonmacht, wird weiterhin von ihnen umschwirrt wie das Licht von den Motten. Und damit ist jetzt auch Schluss mit Vergleichen aus der Fauna. Denn hier geht es nicht um harmlose Tierchen, sondern um veritable Monster.

Wespen stürzen sich auf die Spare-Rips

Ich muss sagen, es war noch nie so schlimm wie in diesem Jahr. An besagtem Restaurantabend kam also eine Wespe an unseren Tisch, umflog prüfend jeden Einzelnen von uns und setzte sich dann auf den soeben gebrachten Teller mit Spare-Ribs. Spare-Ribs! Wespen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Früher landeten sie sicher auf Pflaumenkuchen und Marmeladenbroten, wenn man sonntags auf dem Balkon frühstückte. Oder surrten um verklebte Straßenmülleimer herum.

Jetzt gehen sie dagegen direkt an die Fleischteller heran. Vermutlich, um noch stärker, giftiger und nervtötender zu werden. Starr vor Angst ließen wir die Wespe gewähren, während sie sich minutenlang den Bauch vollschlug. An der Rechnung beteiligte sie sich danach selbstredend nicht. Mit mehreren Kumpels umschwirrte sie nur unentwegt unsere Köpfe.

Eine Wespen-App wäre eine super Erfindung

Mein Respekt vor Wespen ist riesig in diesem Sommer 2018 – und nicht nur meiner. Die Gesprächsthemen, die sich seit einigen Wochen ausschließlich um die Hitze kreisen, schwenken langsam über in Richtung dieser schrecklichen Insekten. Wer wurde wann, wo und wie gestochen? Soll man panisch wegrennen, die Wespen verscheuchen oder sich tot stellen?

Im Moment checkt man ja noch jeden Morgen die Wetter-App, stöhnt und legt das Handy schnell wieder weg. Ich wünsche mir eine Wespen-App, die mir die Anzahl der zu erwartenden Wespen pro Quadratmeter Berlin anzeigt. Dann kann man sich das nächste Mal vorher überlegen, ob man statt Fleisch nicht lieber einen Pappkarton mit Senf und ein Leitungswasser bestellt.

Kluge Berliner müssen sich jetzt wappnen

„Es ist ein super Wespenjahr“, wurde dann auch kürzlich eine Biologin vom Nabu in der Zeitung zitiert, die sogleich dazu riet, immer schön cool zu bleiben, sollte sich das Tier einem nähern. „Die Wespe sieht den Menschen genauso wie ein Baum oder Möbelstück, das heißt, man muss auch nicht wedeln oder pusten.“ Aha.

Ich möchte mal wissen, ob das auch für die Wespe galt, die vor ein paar Tagen einen Mann vor einer Eisdiele in Prenzlauer Berg stach. Wir saßen zufällig nebeneinander auf einer Bank, als er plötzlich aufsprang und hektisch das Smartphone auf den Gehweg warf. Eine Wespe hatte ihn nämlich in den Finger gestochen. Das muss man sich mal vorstellen: Das Mistvieh hatte es nicht auf das Eis in seiner linken, sondern auf das Handy in seiner rechten Hand abgesehen. Fleisch und Smartphones. Wenn die Wespe sprechen könnte, hätte sie wahrscheinlich einen Gin Tonic und ein Netflix-Abo dazu bestellt.

Als kluger Berliner muss man sich jetzt also wappnen. Der August gilt ja gemeinhin als Hochsaison für Wespen. Ich vermute mal, nach den vergangenen heißen und trockenen Wochen kommt eine regelrechte Invasion auf uns zu. Was also tun? Am charmantesten wäre ja, einfach den ganzen Tag bis zum Hals im kühlen Wannsee zu sitzen. Dann kann man nicht gestochen werden und entkommt der Wärme. Leider ist das aber ziemlich unpraktikabel, wenn man arbeiten oder zu Hause den Müll rausbringen muss. Am besten decken wir uns also mit Spare-Ribs und Gin Tonic ein, um die Wespen sofort zufriedenzustellen. Und gewöhnen uns ganz schnell an den Geschmack von Pappkarton.

Mehr Kolumnen von Nina Paulsen: