Als Mensch im Allgemeinen und als Berliner im Besonderen hat man viele natürliche Feinde: den Paketboten, der einfach nie klingelt. Touristen. Das Bürgeramt. Die S-Bahn. Die U-Bahn. Radfahrer. Fußgänger. Autofahrer. Den Regen. Die Sonne. Den Wind. Man hat es nicht leicht. Umso schöner, wenn man es sich dann irgendwann zu Hause gemütlich machen kann, ohne dass einem jemand dabei in die Quere kommt.
Ja, so die Theorie. Doch jetzt ist die Zeit angebrochen, in der sich uns ein weiterer Feind entgegenstellt. Und dieser, liebe Freunde, ist mächtiger, fieser und nervtötender als alle Touristen, S-Bahnen und Paketboten zusammen – und vor allem lauert er zu Hause: die Fruchtfliege. Drosophila melanogaster lautet ihr lateinischer Name, den ich nicht vergessen habe, seit ich ihn im Bio-Unterricht in der Mittelstufe lernen musste. Vererbungslehre und so. Es gibt ja Dinge, die man auch Jahre nach der Schule nicht mehr vergisst.
Aus der Kaffeemaschine flogen Fruchtfliegen entgegen
Drosophila melanogaster gehört für mich dazu, ebenso das endoplasmatische Retikulum. Begriffe aus der Hölle, die manchmal völlig aus dem Nichts in mein Gehirn vordringen und dann wie ein Ohrwurm nicht mehr verschwinden wollen. Das ist das gleiche, wie wenn eine Tram mit dem unfassbar lustigen Aufdruck „Weine nicht, wenn der Regen fällt … Tram Tram, Tram Tram“ vorbeifährt. Drafi Deutschers Stimme bekomme ich dann den halben Tag nicht mehr aus dem Kopf. Schlimm ist das.
Jetzt also Drosophila melanogaster. Auf einmal war sie da. Ich weiß nicht, ob es schon Juli oder noch Juni war, aber es war warm, und als ich eines morgens die Kaffeemaschine öffnete, um den Kaffeesatz vom Vortag zu entsorgen, flogen mir einige Exemplare entgegen, lachten mich schallend aus, um sich sogleich dreist hinter dem Kühlschrank zu verstecken.
Ich möchte nicht dramatisch erscheinen, aber nach sämtlichen Erfahrungen, die ich nun gemacht habe, gehe ich fest davon aus, dass diese Mistviecher eines Tages nicht nur Berlin regieren, sondern direkt die Weltherrschaft übernehmen werden. Survival of the fittest eben. Denn obwohl die Fruchtfliegen so wahnsinnig klein sind, sind sie so wahnsinnig schwer totzukriegen. Oder zumindest aus der eigenen Küche zu vertreiben.
Nicht alle Tricks klappen, um Fruchtfliegen loszuwerden
Marmor, Stein und Eisen bricht – aber die Fruchtfliege nicht. Im Netz las ich, dass ein Weibchen bis zu 400 Eier legt. Rund zehn Tage dauert es, bis die Kleinen geschlüpft, ausgewachsen und geschlechtsreif sind. Wenn man das mal hochrechnet, hat man binnen eines Monats mehrere Millionen Fruchtfliegen bei sich zu Hause. Da kann die Menschheit nicht mithalten.
Damit das mit der Weltherrschaft nicht ganz so schnell passiert, stellte ich kleine Schälchen mit Essig und einem Tropfen Spüli auf. Ein todsicheres Mittel gegen Fruchtfliegen soll das sein. Nach zwei Tagen schwammen vielleicht so acht Exemplare in der Suppe. Die anderen 800 feierten drumherum eine Party und verhöhnten mich. Dann versuchte ich den Sektflaschen-Trick: Einfach einen Rest von dem Gesöff in der Flasche lassen. Im Netz hieß es, die Plagegeister schaffen dann zwar den Weg hinein, aber nicht mehr hinaus.
Da hilft nur ausziehen
Tja. Offenbar sind die Fruchtfliegen in unserer Küche besonders intelligente Fruchtfliegen. Sie tranken den Sekt und verschwanden wieder. Wahrscheinlich glücklich und sturzbetrunken. Auch sonst haben wir alles versucht: Obstschale in den Kühlschrank. Müll jeden Tag ausleeren – eine regelrechte Hygiene-Offensive. Ich muss das schreiben, denn während ich hier am Laptop sitze, schaut mir mein Freund über die Schulter. „Nicht, dass die Leute jetzt denken, bei uns sieht’s aus wie bei den Flodders“, sagt er.
Nein, natürlich nicht. Außerdem wusste bestimmt keiner der Flodders, was ein endoplasmatisches Retikulum ist. So. Und was machen wir jetzt mit unserem Fruchtfliegen-Problem? Das einzig Sinnvolle: ausziehen und den Biestern die Wohnung überlassen. Aber eins ist klar: Die Sektvorräte nehmen wir mit.
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