Bei uns vor dem Haus war neulich ganz schön was los. Zuerst wurden ziemlich viele Parkverbotsschilder aufgestellt. Weil alle davon ausgingen, dass mal wieder irgendein Fredi umziehen will und nur deshalb alles blockiert, hat natürlich niemand sein Auto umgestellt. Mit dem Ergebnis, dass eines Morgens die Polizei anrückte und alle Wagen abgeschleppte.
Als das vollbracht war, wurde die Straße komplett gesperrt und ein Kran aufgebaut. Mehrere Lastwagen und Transporter rollten an, sie alle hatten merkwürdige, silberglänzende Apparaturen auf ihren Ladeflächen. Es sah ein bisschen aus wie in einem Science-Fiction-Film. Vielleicht will die Regierung im beschaulichen Prenzlauer Berg ein geheimes Alien-Labor einrichten? Gut versteckt hinter Altbaufassaden, Vorhängen von Ikea und Sojamilchkartons? Bei uns im Hinterhaus wohnen wirklich komische Typen. Ich dachte immer, die kommen aus Thüringen. Oder eben doch vom Mars ...? So genau kann man das nicht wissen.
Baustellen in Berlin sind langlebiger als Atommüll
Während der Arbeiten auf der Straße stand ich mit unserem Sohn auf dem Balkon und beobachtete die Szenerie. Wir hatten einen herrlichen Blick auf das Geschehen, der Zweijährige fand das alles wahnsinnig unterhaltsam. Auch unten an den rot-weißen Absperrungen hatten sich andere Mütter und Väter mit ihren Buggys postiert. Zahlreiche Kinder saßen mit offenem Mund darin und starrten auf den Kran, der die glänzenden Elemente langsam auf das Dach des Hauses neben unserem hievte.
Sofort kam mir eine Geschäftsidee: Wie wäre es, wenn wir unseren Balkon für die Dauer der Bauarbeiten für die interessierte Öffentlichkeit freigeben? Gegen Bezahlung natürlich, vielleicht 2,50 Euro pro Kind und angefangener halber Stunde. Immerhin wohnen wir in Prenzlauer Berg, ich vermute, die meisten Jungen und Mädchen bekommen hier mehr Taschengeld als der durchschnittliche Thüringer an Einkommen hat. Außerdem sind Schulferien, und viele Kitas haben zu. Günstiger bekommt man seinen Nachwuchs doch wohl kaum über einen so langen Zeitraum beschäftigt.
Wenn man genauer darüber nachdenkt, bietet Berlin in dieser Hinsicht ziemlich viel Potenzial. In der ganzen Stadt werden ständig Straßen, Brücken und Tunnel aufgerissen, Löcher gegraben und wieder zugeschüttet. Dann geht das ganze wieder von vorne los. Sommerbaustelle wird das in diesen Wochen genannt, wobei das natürlich ein gnadenloser Euphemismus ist. Wie jeder weiß, sind Baustellen in Berlin langlebiger als der Atommüll im Salzstock in Gorleben. Der BER lässt grüßen. Jedenfalls wundere ich mich, warum die Stadt noch nicht darauf gekommen ist, aus der Not eine Tugend zu machen – und aus der Baustelle ein Geschäft.
Für jeden verlegten Stein gibt es eine La-Ola-Welle
Vielleicht könnte man Bänke oder kleine Tribünen an besonders spektakuläre Orte stellen. Tickets gibt es im Tagesverkauf oder als Dauerkarte für eine Saison. Bei Baustellen an der A 100 wird ein Aufpreis fällig. Das Geld fließt in die Stadtkasse, damit woanders neue Straßen aufgerissen werden können. Unzählige Berliner Kinder hätten großen Spaß daran. Man könnte die armen Händler von der ausgeleerten Fanmeile dort postieren. Bockwurst und Slush-Eis für die Kinder, Bier für die Eltern. Für alle Nerds gibt es Baustellen-Fanartikel. Blumenketten in Baustellenfahrzeugorange. Fanschminke im Öl- und Staublook. Und natürlich Helme, ganz viele Helme. Für jeden verlegten Stein schwappt eine La-Ola-Welle durch die Menge. Wenn das mal keine Motivation für die Bauarbeiter wäre.
Okay, jetzt wird es vielleicht doch zu absurd. Aber daran ist das Ding schuld, das seit den Bauarbeiten in unserer Straße auf dem Dach neben unserem thront: ein riesiger Handymast. Ein ganz schöner Oschi ist das, und wenn ich mir überlege, dass der jetzt in unsere Wohnung reinstrahlt, ist mir ganz komisch zumute. Da kann man schon mal auf seltsame Ideen kommen. Verzeihung. Was wohl die Marsianer im Hinterhaus dazu sagen?
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