Neulich morgens habe ich mich beim Zeitunglesen richtig erschrocken. Also, es gibt natürlich viele Dinge, über die man sich im Moment erschrecken muss – Donald Trump und Horst Seehofer lassen grüßen –, allerdings hat mir diese eine spezielle Ankündigung tatsächlich einen Schock versetzt: Im Oktober eröffnet im Filmpark Babelsberg eine Harry-Potter-Ausstellung. Schon klar, da fällt einem noch nicht gleich die Käsestulle aus der Hand. Bei dieser Nachricht allerdings schon: Es ist nämlich stolze 21 Jahre her, seit der erste Band von Harry Potter auf den Markt kam. Ja, so lange! 1997 war es, als „Harry Potter und der Stein der Weisen“ erschien, so las ich in dem Artikel, und dachte sofort: O Gott, was bin ich alt.
Wenn man Mitte 30 ist, hält man sich ja immer noch für jung und irgendwie gar nicht richtig erwachsen. Das liegt natürlich zu einem großen Teil an Berlin, das einem die ewige Freiheit suggeriert, immer tun und lassen zu können, was man will. Auch wenn man eine lange Beziehung, zwei Kinder und einen festen Job hat, nimmt man sich selbst hier als viel jünger wahr als zum Beispiel die ehemaligen Schulfreunde, die auf dem Land in einem Doppelhaus mit Familie, Hund und Gartenzwergen leben. Ist einfach so.
Konzerte, Clubs, Bars, versiffte Parks, Hauswände voller Graffiti und das ganze Unperfekte dieser Stadt machen es einem eben leichter, sich wie eine 20-Jährige zu fühlen, die eher zufällig im Körper einer 40-Jährigen steckt, statt umgekehrt. Okay, ab und zu muss man einen erwachsenen Menschen zumindest imitieren, wenn es um Dinge wie Altersvorsorge oder Termine bei der Bank geht. Aber danach kann man getrost wieder die türkisfarbene Jogginghose aus Ballonseide anziehen, Zeichentrickfilme schauen oder einen Pop-up-Store für handgeklöppelte Handyhüllen aus geronnenen Hafermilchfasern in Prenzlauer Berg eröffnen.
So eine Info wie das Alter des ersten Harry-Potter-Bandes holt einen da natürlich mal ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Schon fast ein Vierteljahrhundert gibt es das Buch jetzt also, man könnte auch sagen: fast eine ganze Generation. Apropos: Nach 25 Jahren wird ja nun auch bald der Musiksender Viva eingestellt. Und dann ist in diesem Monat die letzte Ausgabe des Magazins „Neon“ erschienen – zwar nach „nur“ 15 Jahren, aber immerhin. Nicht dass ich zuletzt Viva geschaut oder mir eine „Neon“ gekauft hätte. Aber sentimental machen mich diese Abschiede eben doch.
Ein 90er-Jahre-Museum für Berlin
Wobei ich mich schon frage, wer sich die Harry-Potter-Ausstellung in Babelsberg nun eigentlich angucken soll. Die Leser von damals sind aus Hogwarts längst herausgewachsen. Und die Kinder von heute könnte man genauso gut zu den Dinosaurier-Skeletten ins Naturkundemuseum bringen, das macht für sie doch keinen großen Unterschied. Vermutlich ist T. rex Tristan sogar spannender als die Hütte von Hagrid oder eine Runde Quidditch.
Vielleicht sollte man in Berlin einfach ein 90er-Jahre-Museum eröffnen, für alle, die sich der Realität ihres Alters und ihrer eigenen Vergänglichkeit stellen wollen. In die Sammlung sollte man dann Overheadprojektoren aufnehmen, Fensterkurbeln aus alten Autos, Stickeralben, Kabelmodems, Diddl-Mäuse, Kassetten, gelbe Telefonzellen und Parfüms von Calvin Klein. Am besten auch den verhüllten Reichstag, die Schilder vom Lehrter Stadtbahnhof, Sitze aus der Magnetbahn und einen alten Love-Parade-Truck.
Im Museums-Café werden dann ausschließlich KiBa und Raider serviert, und im Hintergrund dudeln die Kelly Family und die Backstreet Boys. Ich jedenfalls würde sofort in dieses Museum gehen. Um wahrscheinlich erst in Nostalgie zu schwelgen – und dann in eine mittelschwere Depression zu verfallen. Ja, man ist eben doch älter, als man so denkt. Wenigstens könnte mich dann die Nachricht über eine Harry-Potter-Ausstellung nicht mehr schocken. Den Job müssen dann wieder Trump und Seehofer übernehmen.
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