Manchmal hasse ich Facebook. Okay, eigentlich hasse ich es immer, weil es so ein Zeitdieb ist und ständig irgendwelche Menschen irgendwelche wunderschönen Urlaubsfotos posten, während ich hier im vor sich hin schwitzenden Berlin herumsitze und den Klimawandel live bei der Arbeit beobachten darf. Aber im Moment hasse ich Facebook ganz besonders. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe, aber der Algorithmus des Netzwerks hält mich für einen ziemlich bemitleidenswerten Menschen. Neulich zum Beispiel wurden mir in einem Werbeeintrag Bücher empfohlen, darunter: „Kopfsache schlank – wie wir über unser Gehirn unser Gewicht steuern“ sowie „Heirate dich selbst“ und „Wie man Freunde gewinnt“. Ich überprüfte mein Profil und fand nichts Verdächtiges. Ein paar Zeitungsartikel, Geburtstagsglückwünsche und natürlich wunderschöne Urlaubsfotos, immerhin wollte ich irgendwann auch mal andere Menschen neidisch machen.

Ich versuchte mir also einzureden, dass es sich ganz sicher um einen Irrtum handelte. So, wie wenn man denkt, jemand winkt einem zu, doch eigentlich ist eine Person direkt hinter einem gemeint. Peinliche Sache, vor allem, wenn man enthusiastisch zurückwinkt. Im Fall dieser komischen Lebenshilfe-Werbung gehe ich jetzt einfach mal davon aus, überhaupt gar nicht gemeint zu sein. Facebook winkt mit diesem penetranten Zaunpfahl bestimmt einem anderen Menschen zu, der irgendwann mal an meinem Rechner gesessen hat. Ich hoffe, Facebook merkt irgendwann, wie peinlich das ist.

Aber noch schlimmer als diese Werbung sind Artikel, die jetzt ebenfalls massenhaft in meine Timeline gespült werden: Zwölf Aktivitäten, die erfolgreiche Menschen vor dem Frühstück erledigen. Sechs Dinge, die erfolgreiche Menschen als erstes im Büro machen. Fünf Dinge, die erfolgreiche Menschen noch vor 7 Uhr morgens erledigen. Das machen erfolgreiche Menschen vor dem Schlafengehen. Und so weiter. Also echt, da bekommt doch jeder, der gerade zufällig noch im Schlafanzug auf dem Sofa sitzt und sich einen alten Chipskrümel in den Mund steckt, ein ganz schlechtes Gewissen. Schlimm, wie einem dieser Selbstoptimierungswahn sogar ins Wohnzimmer folgt. Auf sensible Erwachsene haben solche Artikel eine ganz ähnlich fatale Wirkung wie Heidi Klums klapperdürre Topmodels auf junge Mädchen. Wird Zeit, dass auch dagegen mal jemand eine Petition startet.

Überhaupt enthalten diese Artikel völlig bescheuerte und lebensferne Tipps. Zum Beispiel: Aufstehen, bevor der Rest der Menschheit aufsteht, damit keiner beim Performen stören kann. Um 4 Uhr morgens am besten. Entschuldigung, aber das ist die einzige Zeit, in denen in so manchen Ecken Berlins endlich mal Ruhe zum Schlafen einkehrt. Dann um 6 Uhr: joggen gehen. In Berlin wäre das ebenfalls eine ganz schlechte Idee, immerhin war die BSR dann noch nicht unterwegs, um die Hundehaufen von den Gehwegen zu bürsten. Schließlich: Sex haben und 45 Minuten Zeit mit den Kindern verbringen. Also, ich bin kein Mathe-Genie, aber wer nach alldem pünktlich um 7 Uhr in den Arbeitsalltag starten will, muss sich dann wohl mit einem Schmalspur-Liebesleben begnügen. Ach ja, und dann soll man im Idealfall vor allen anderen im Büro ankommen. Da kann man nur hoffen, dass diese supererfolgreichen Menschen morgens nicht mit dem Auto über die A 100, die Leipziger Straße, Unter den Linden oder eine der vielen anderen verstopften Straßen fahren müssen. Oder auf U- und S-Bahn angewiesen sind.

Es ist doch klar: Solche Tipps kann man ebenso ignorieren wie den Hinweis auf die Sorge-dich-nicht-lebe-Bücher. Wir in Berlin haben ja überhaupt keine Möglichkeit, diese Regeln zu befolgen. Auch wenn wir das natürlich total gerne tun würden. Schade aber auch. Dafür haben wir besseren Sex, dürfen in der Sofaritze nach Chipskrümeln suchen und immer auf die BVG schimpfen, wenn wir zu spät zur Arbeit kommen. Ich kann mir nichts Großartigeres vorstellen. Vielleicht lernt Facebook das auch irgendwann.

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