Kürzlich musste ich zum Zahnarzt. Mir war eine Ecke an einem Backenzahn abgebrochen, und seither pikste es dort ganz unangenehm. Zahnärzte stehen bei mir angsttechnisch allerdings auf einer Liste mit Riesenspinnen im Schlafzimmer und der Steuererklärung. Am Tag des Termins hatte ich deshalb schon morgens nach dem Aufstehen ein mulmiges Gefühl im Bauch. Den ganzen Vormittag schlich ich mit weichen Knien durch unseren Kiez, in der Hoffnung, es möge ein Komet auf die Erde niederregnen, der die Zivilisation ins Chaos stürzt – und mir einen triftigen Grund liefert, den Zahnarzt zu umgehen. Aber auf Kometen ist ja leider noch weniger Verlass als auf die Berliner S-Bahn. Wir alle leben noch, leider. Und ich musste mich dem Unvermeidlichen stellen.

Immerhin konnte ich mit den Frauenzeitschriften im Wartezimmer mein Wissen über Promis und Königshäuser auffrischen. So erfuhr ich, wie ernst es Heidi Klum mit ihrem Toyboy ist, und dass Meghan Markle einen guten Start bei den britischen Royals hingelegt hatte. Schön für die beiden. Ein paar Seiten weiter dann stieß ich allerdings auf eine merkwürdige Liste mit der Überschrift: „49 Fähigkeiten, die jede moderne Frau haben sollte“. Hier ein paar Highlights: Geburtstagskarten selber basteln. Immer wissen, was ihr Mann denkt. Den Mann bei Grippe pflegen, dabei mit dem Arzt telefonieren und gleichzeitig die Wohnung putzen. Eine reife Ananas erkennen. Eine Sektflasche öffnen. Den einbeinigen Baum beim Yoga beherrschen. Wenn angebracht, auch mal schweigen, statt zu reden.

Ja, guck an! Da durchläuft man Schule, Ausbildung oder Uni – und bekommt nun Jahre später gesagt, dass doch alles für die Katz war. Geburtstagskarten basteln steht, soweit ich weiß, auf keinem Stundenplan. Ich möchte wetten, dass das bei Heidi und Herzogin Meghan nicht anders war. Wobei man auch nicht so genau weiß, worüber man sich zuerst aufregen soll. Dass es explizit eine Liste für „moderne Frauen“ gibt? Was bitte ist mit dem modernen Mann? Oder einfach über diese saudummen Klischees, bei denen man im Jahr 2018 nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll? Immerhin hatte ich darüber meine Angst vor dem Zahnarzt vergessen – und gelernt, dass man vor Frauenzeitschriften noch viel mehr Angst haben müsste.

Filmreifer Sprint zur U-Bahn

Überhaupt braucht man doch als Mensch im Allgemeinen und als Berliner im Besonderen ganz andere Fähigkeiten, um einigermaßen unfallfrei über die Runden zu kommen. Was hilft es uns schon, eine reife Ananas zu erkennen – viel wichtiger ist doch, eine gute Currywurst von einer schlechten zu unterscheiden. Vor allem sollte man wissen, wo es sie zu kaufen gibt. Unverzichtbare Fähigkeit ist hier auch, durch die Stadt laufen zu können, ohne in einen Hundehaufen zu treten, gerade nach der Dämmerung. Und dann: Mit dem Auto in der Rushhour den schnellsten Weg abseits der Hauptstraßen finden, um zügig von der Arbeit nach Hause zu kommen. Für alle Öffi-Nutzer heißt das: einen filmreifen Sprint zur U-Bahn hinlegen können, ganz egal, ob die nächste Bahn schon in drei Minuten kommt. Aber auch: Über genug Geduld verfügen, wenn man am BVG-Automaten ein Vier-Fahrten-Ticket mit EC-Karte kaufen will und mal wieder mehrere Züge an sich vorbeiziehen sieht, während die Maschine noch fröhlich vor sich hin druckt.

Glücklich auch derjenige, der es schafft, Berlinale-Tickets zu ergattern. Und alle, die wissen, zu welchen Zeiten man im Stammschwimmbad für 3,50 Euro baden gehen kann. Sich erfolgreich gegen steigende Mieten zu wehren, ist ebenfalls eine unverzichtbare Fähigkeit. Ebenso, wie einen guten Haus- und gute Fachärzte zu finden. Und vor allem einen guten Zahnarzt. Da kann ich mir jetzt schon mal auf die Schulter klopfen, die Backenzahnbehandlung verlief schnell und schmerzfrei. Gut, dass uns der Komet verschont hat. Wobei ... Haben Sie eigentlich schon Ihre Steuererklärung gemacht?

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