Mein Berlin

Menschen, die dir im Freibad begegnen

Unsere Kolumnistin Nina Paulsen hat sich nach langer Zeit wieder mal auf eine Liegewiese gewagt und andere Gäste beobachtet.

Berlin. Schmetterlinge, überall Schmetterlinge. Sie fliegen über Oberschenkel und sonnenverbrannte Rücken, über Dekolletés und die Arme hinab. So viel ist klar: In Sachen Tattoo-Trends sind Schmetterlinge das neue Arschgeweih. Stolz werden sie auf der Liegewiese und am Beckenrand präsentiert und fast wünscht man sich, die Flattertierchen würden demnächst unter Artenschutz gestellt. Die Badesaison 2018 legt mehr von ihnen frei, als man zuweilen ertragen mag.

Zum ersten Mal seit Grundschulzeiten habe ich mich in dieser Woche mal wieder in ein Freibad gewagt. Bei dieser Hitze muss man sich ja irgendwo abkühlen, wobei das gar nicht so einfach ist wie gedacht: Die Schattenplätze auf der Liegewiese sind rar und im Wasserbecken brezelt einem volles Rohr die Sonne auf den Kopf. Jeder, der sich nicht mit Lichtschutzfaktor 300 eingerieben hat, röstet vor sich hin wie ein Hähnchen vom Grill. Sonnenbrand ist hier deshalb ein ebenso häufiges Accessoire wie das Schmetterlingstattoo. Nicht selten tritt sogar beides in unheilvoller Gemeinschaft auf. Am Ende hilft zum Glück das total natürlich aussehende Slush-Eis vom Kiosk in strahlendem Kobaltblau, das die paar noch unverbrannten Gehirnzellen erfrischt.

So ein Freibad ist schon ein interessantes Milieu – und bietet eine gute Gelegenheit, sich die Badegäste mal genauer anzuschauen. Neben den Schmetterlingen sind bei den Tattoomenschen zum Beispiel auch großflächige Schriftzüge mit dem Namen der Kinder auf die Innenseiten der Unterarme extrem angesagt. Tyler und Joleen führen die Freibad-Charts an. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Hang zu total philosophischen Sprüchen. „Never stop dreaming“ und so. Nach einem Tag im Freibad bin ich überzeugt: Tätowierer in Berlin zu sein, ist ein einträgliches Geschäft. Wobei auch der Verkauf von gigantischen Wasserpistolen sicher sehr gut mithalten kann. Gar nicht mal so wenige Aggro-Kids, offenbar ohne jegliche Aufsicht, terrorisieren die anderen Badegäste, indem sie sich mit ihren Geschossen quer über Wege und Wiesen hinweg mit Wasser beballern. Dass dabei gern auch schon mal eine Ladung im Nudelsalat des Rentnerehepaars landet, ist eben ein Kollateralschaden. Auch, dass Kleinkinder am Beckenrand vor Schreck in Tränen ausbrechen, wenn sie beim Arschbomben-Wettbewerb der Aggro-Kids mit niagarafallartigen Wassermassen überschüttet werden.

Türsteher passend zum Wetter in Schwarz

Nicht fehlen in der Freibad-Typologie darf die Teenie-Gang. Aus dem Alter für Wasserpistolen heraus werfen sie mit überschüssigen Hormonen um sich. Unbeholfene Flirtversuche im Pool, übertriebene Coolness auf der Wiese – vor allem, wenn das Handy als Gettoblaster eingesetzt wird und blechern sämtliche Gäste mit Chartgedudel beschallt. Der Pfirsich-Eistee in der 1,5-Literflasche vom Discounter ist mit Hochprozentigem gestreckt, die Fluppe klemmt lässig im Mundwinkel. Hauptgesprächsthema: Welche Shishabar nicht die Ausweise kontrolliert. Das ganze Palaver stört vor allem die fünfköpfige Familie, die mit Decken, Sonnenschirmen, einer mobilen Wäscheleine und genügend Essensvorrat für einen dreiwöchigen Campingurlaub ausgestattet ist. Und natürlich den älteren Herren, der einfach nur zum Schwimmen gekommen ist und daran verzweifelt, beim Bahnenziehen ständig ausweichen zu müssen, wenn sich die Jungs und Mädels der Teenie-Gang gegenseitig im Wasser untertauchen wollen, hihi.

Und dann sind da ja immer noch die Türsteher. Am Eingang kontrollieren sie, ob man ausnahmsweise mal seinen Baseballschläger, das Klappmesser und die Wodkaflasche zu Hause gelassen hat. Drinnen patrouillieren sie zwischen den Becken hin und her, tauschen mit konspirativer Miene superwichtige Informationen über ihre Walkie-Talkies aus. Wie ein Spezialeinsatzkommando kurz vor dem Zugriff. Passend zum Wetter sind sie in ein erfrischendes Schwarz gehüllt und man fragt sich, wie um alles in der Welt sie das bloß aushalten. Tja. Man muss schon sehr gelassen sein. Und ein besonderes Faible für Schmetterlinge haben.

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