Mein Berlin

Bei drei Tropfen Regen ist in Berlin die Apokalypse nahe

Sobald es tröpfelt, herrscht in Berlin Weltuntergang. Warum wird nur immer so ein Gewese ums Wasser gemacht?

Regen in Berlin, jetzt wird bestimmt bald wieder der Notstand ausgerufen

Regen in Berlin, jetzt wird bestimmt bald wieder der Notstand ausgerufen

Foto: dpa/Jörg Carstensen/Montage BM

Berlin. Sonntagvormittag. Ich sitze unter dem Vordach eines Blumenladens auf der Treppe und schaue dem Regen beim Herunterprasseln zu. Das Kopfsteinpflaster glänzt, eine halb gegessene Brezel weicht in einer Pfütze vor sich hin und quillt zu einem unansehnlichen Klumpen auf, Plastikplanen werden hektisch über Kinderwagen gezogen. Prenzlauer-Berg-Romantik, irgendwie. Aber irgendwie auch ein ganz schöner Mist das alles. Denn mein Handy hatte mir am Morgen eigentlich ein anderes Wetter vorhergesagt.

Es gehört ja zu den großen Mysterien unserer Zeit, dass man nicht mehr einfach aus dem Fenster schaut oder einen Schritt auf den Balkon geht, um zu testen, ob man nun ein T-Shirt oder lieber eine Regenjacke trägt – sondern dass man eben die Wetter-App auf seinem Smartphone fragt. Bei mir wurde an dem betreffenden Morgen nur eine dieser dicken Wolken angezeigt und eine Höchsttemperatur von 24 Grad. Also T-Shirt-Wetter ohne Sonnenhut und Regenschirm. Aber: Pech gehabt. Da sitze ich nun unter diesem blöden Vordach und warte, bis sich die unangemeldeten Wassermassen endgültig über Berlin ergossen haben.

Berlin ist einfach nicht für Regen gemacht

Ich finde ja, dass diese Stadt ein ganz eigenes Verhältnis zum Regen hat. In Norddeutschland, wo ich ursprünglich herkomme, ist das Wetter das ganze Jahr über so wechselhaft, dass der Regen dazugehört wie eine alte Tante, die man zwar lieber von hinten als von vorne sieht, aber die eben auch Teil der Familie ist. Man hat sich arrangiert und redet nicht mehr groß darüber.

In Berlin wird dagegen jedes Mal die Apokalypse ausgerufen, sobald mehr als drei Wassertropfen vom Himmel fallen. Der Regen ist Stadtgespräch. Der öffentliche Nahverkehr kommt zum Erliegen. Keller laufen voll. Die Feuerwehr verhängt den Ausnahmezustand. Vergangene Woche wurden sogar Tegel und Schönefeld lahmgelegt. Berlin ist einfach nicht für Regen gemacht. Wahrscheinlich hat man irgendwann aus diesem nur in Berlin vorzufindenden unerschütterlichen Optimismus heraus alles nur für eine Normalwetterlage von 18 bis 22 Grad konzipiert. Wird schon irgendwie alles klappen. Und wenn nicht: Ist eben der Klimawandel schuld.

Wobei es ja gefühlt schon so ist, dass man sich immer weniger auf die Wettervorhersage verlassen kann. Entweder ist Weltuntergang angesagt – dann sitzt man in seinem Wohnzimmer und starrt aus der offenen Balkontür wie das Kaninchen auf die Schlange. Und dann passiert: nichts. Ein kleiner Schauer vielleicht, der nicht einmal die schwüle Hitze vertreibt. Oder man geht an einem wolkenverhangenen Sonntagvormittag aus dem Haus und ahnt nichts Böses – bis man von sintflutartigen Regenfällen überrascht wird, die ganz plötzlich aus dem Himmel gespuckt werden. Glücklich ist, wer sich unter einen großen Baum oder eben das Vordach eines geschlossenen Blumenladens flüchten kann.

Das muss er sein, dieser Berliner Optimismus

Nach 25 Minuten Geprassel ist hier die Straße fast menschenleer. Schön irgendwie, dass so ein heftiger Regen auch immer für Entschleunigung sorgt. Die tausend Dinge, die man sich am Morgen noch vorgenommen hatte, müssen dann ebenso warten wie sonst nur S-Bahn-Fahrgäste, Wohnungssuchende und Besucher von Szenecafés. Eine erzwungene Atempause im ewigen Marathon dieser Stadt. Die Brezel in der Pfütze hat sich mittlerweile in ihre Einzelteile aufgelöst.

„Möchten Sie meinen Regenschirm haben?“, fragt mich plötzlich ein grau melierter Mann. Er lächelt und hält mir besagten Schirm hin, der exakt so rot ist wie sein Poloshirt, eine Erscheinung wie aus einem Modekatalog für Herren. Sicherlich hat der Mann zu Hause einen Regenschirm für jede Hemdfarbe bereitstehen und ist auch sonst auf alles vorbereitet. Auch darauf, regennassen Damen unter Vordächern aus der Patsche zu helfen. Das Angebot ist angesichts der Fluten von oben so großzügig, dass ich nur ablehnen kann. „Nein, vielen Dank! Es hört sicher jeden Moment auf“, sage ich und lächle zurück. Ja, das muss er sein, dieser Berliner Optimismus. Der Regen, der danach noch fast eine Stunde dauert, mag vieles wegspülen – ihn allerdings nicht.

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Bückt euch gefälligst, ihr faulen Herrchen und Frauchen!

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