Mein Berlin

Bückt euch gefälligst, ihr faulen Herrchen und Frauchen!

Berlin ist Hundehauptstadt. Schön, dass sich die Tiere hier wohlfühlen – wenn nur ihre faulen Halter nicht wären, meint Nina Paulsen.

Foto: pa/Reto Klar/Montage: BM

Berlin. Neulich fuhr ich mit der Tram zum Hauptbahnhof. Ich las ein Buch beziehungsweise: versuchte, es zu lesen. Denn auf dem Platz neben mir hatte eine Frau einen kleinen schwarzen Mopshund auf dem Schoß. Und der schnarchte so laut, dass ich mich nicht mehr auf das Lesen konzentrieren konnte. Ich glaube, der Frau war das auch ein bisschen unangenehm. Mit errötendem Gesicht, gequältem Grinsen und einem Schulterzucken gestikulierte sie ein „Ich bin’s nicht!!!“ in den Waggon hinein.

Der Mops erzeugte derweil eine Geräuschkulisse, als sägte er einen ganzen Baumstamm durch. Mannomann! Schon erstaunlich, was für ein Sound aus so einem kleinen Körper herauskommen kann. Und beneidenswert, wenn man es schafft, in einer vollen Straßenbahn so seelenruhig einzuschlafen. Also, ohne Partymüdigkeit und Restalkohol. Jedenfalls vermute ich mal, dass der Hund nicht gerade von einer dreitägigen feuchtfröhlichen Feierorgie aus dem Berghain kam. Wenn doch: Respekt! Jedenfalls: Wenn ich während der vielen Minuten, die ich jeden Tag in öffentlichen Berliner Verkehrsmitteln rumhänge, einfach ein Nickerchen machen könnte, wäre ich definitiv ein ausgeglichenerer Mensch. Man muss sich den Mops wahrscheinlich als sehr glückliches Wesen vorstellen.

Gegen ein felliges Familienmitglied ist nichts einzuwenden

Überhaupt geht’s den Hunden in Berlin ja ziemlich gut. Hundehauptstadt heißt es hier zumindest immer, aber ich bin kein Tierbesitzer und gucke mir das Ganze nur aus der Ferne an: 113 Hunde leben in Berlin pro Quadratkilometer, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. Ganz schön kuschelig, wobei jeder vom Kuscheln schon genug haben dürfte, der täglich S-Bahn fährt. Aber gut, gegen ein felliges Familienmitglied ist ja nichts einzuwenden – vor allem wenn es genug Auslauf und einen Zugang zu Natur und Wiesen hat.

Aber weil Berlin nun mal leider nicht nur Hunde-, sondern auch Hochburg penetranter Poser ist, werden Fiffi und Bello gerne mal als Style-Accessoire und Statussymbol angeschafft. Ich meine das jetzt auch wirklich überhaupt gar nicht wertend. Es zeugt bestimmt ausschließlich von großer Tierliebe, wenn man seinen Designerhund in einer Designertasche durch Charlottenburg chauffiert. Oder ihn in eine Babytrage vor den Bauch schnallt, was ich neulich bei einer italienischen Touristin sah – da kann sogar Prenzlauer Berg noch etwas lernen.

Mit 120 Euro ist die Hundesteuer in der Hundehauptstadt Berlin auch vergleichsweise niedrig – und wenn man das Häufchen einfach mal so liegen lässt, werden gerade mal 35 Euro Strafe fällig. Was ehrlich gesagt unfassbar wenig ist. Aber selbst das versnobte München kassiert von Kotsündern nur läppische 20 Euro – und trotzdem sind die Gehwege dort sauberer. Berlin hat also nicht nur ein Kon­trollproblem. Sondern vor allem ein Hundehalterproblem. Die Tiere selbst können dagegen am wenigsten dafür.

Und so schlingert man, mal rechts, mal links ausweichend durch seinen Kiez. Immer die Gefahr vor Augen, aus Versehen in eine der stinkenden Tretminen zu laufen, die nicht selten mitten auf dem Gehweg liegen. Sorgfältig drapiert wie ein wertvolles Geschenk. Noch lustiger sind ja die kreativen Herrchen und Frauchen, die die Hinterlassenschaften zwar in einen dieser Plastikbeutel verfrachten – diesen dann aber nicht in einen Mülleimer werfen, sondern einfach ins Gebüsch. So wird das Scheißerchen dann für alle Ewigkeiten erhalten und kann noch nicht einmal vom nächsten Regen weggespült werden. Wenn es denn regnet. Denn jetzt, wo die Sonne immer öfter zum Vorschein kommt, grillen die Häufchen so schön vor sich hin, dass sich ihr Gestank in alle Richtungen ausbreitet.

Also: Bückt euch gefälligst, ihr faulen Hundehalter, und macht die Häufchen weg. Das ist das Einzige, worum wir Mitmenschen (mit und ohne Tier) euch bitten. Schnarchen dürfen eure Fiffis, so laut sie wollen – überall!

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