Mein Berlin

Wenn die Touristen mal wieder über Berlin herfallen

Schlimm, wie sich Urlauber manchmal benehmen. Noch schlimmer, wenn man selbst für einen gehalten wird.

Foto: imago/PEMAX/Montage: BM

Letzte Woche aß ich mit einer Freundin am Bikinihaus zu Mittag. Wir genossen nicht nur unsere Falafel, sondern auch einen herrlichen Blick auf die City West. Breitscheidplatz, Gedächtniskirche, Upper West, auf der anderen Seite das saftige Grün von Tiergarten und Zoo. Kann man schon mal machen so was, ein bisschen baden in der Schönheit der eigenen Stadt. Leider war das Wetter an diesem speziellen Tag eher so lala: eher kühl, windig und der Himmel bedeckt. Letzteres wiederum wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, wäre da nicht unsere Kellnerin gewesen. Beim Zahlen der Rechnung wünschte sie uns nicht nur einen schönen Tag, sondern sie sagte auch noch freundlich: „Hoffentlich haben Sie noch ein bisschen besseres Wetter hier bei uns in Berlin.“ Wir blieben schweigend an unserem Tisch zurück, tief betroffen, als hätte die Kellnerin uns soeben eröffnet, dass die Welt doch keine Kugel, sondern eine Scheibe sei. Wahnsinn. Man hatte uns für Touristen gehalten.

Etwas peinlich berührt sahen wir an uns herunter: Woran hatte es gelegen? Weder trugen wir Trekkingschuhe noch eine wasserdichte Outdoorjacke im Partnerlook noch einen Survival-Rucksack mit uns. Touristen in Berlin kleiden sich ja gerne mal, als handele sich ihr Wochenend-City-Trip um eine dreiwöchige Besteigung des Mount Everest. Aber es hatte auch keiner von uns einen Selfie-Stick, einen Reiseführer oder einen Rollkoffer dabei. Außerdem waren wir ausnahmsweise mal nicht mit Segway und Bierbike, sondern nur mit der U-Bahn angereist.

Ich weiß gar nicht, welcher Touri-Typ mir gerade am liebsten ist

Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass Berlin gerade mal wieder überfüllt mit Touristen ist, da kann man ja schon mal durcheinanderkommen. Erst der erste Mai, jetzt Himmelfahrt, dann Pfingsten und dann ist Sommer – wir kommen ja gar nicht mehr raus aus dieser Riesenwelle an Menschen, die von jetzt an für mehrere Monate über die Stadt schwappt. Man merkt es echt schon überall. Selbst bei uns im Kiez muss ich, wenn ich morgens unseren Sohn zur Kita bringe, erst mal die riesige Horde an „Berlin on Bike“-Touristen abwarten, die jetzt offenbar immer zur selben Zeit klingelnd über die Kreuzung fährt, als sei sie eine Greenpeace-Demo in den 90er-Jahren. Ja, ist auch wirklich sehr spannend so ein Wohngebiet. Wer will schon zum Brandenburger Tor, wenn er auch ein paar langweilige Fassaden in Pankow sehen kann?

Ich weiß gar nicht, welcher Touri-Typ mir gerade am liebsten ist. Zehntklässler aus Castrop-Rauxel auf Klassenfahrt? Junggesellenabschiede aus Neuruppin? Oder doch lieber ehemalige Studienräte aus Kiel, die in riesiger Gruppe der Reiseführerin mit rotem Regenschirm folgen und den Gehweg blockieren? Gefühlt sind ja auch immer mehr Backpacker unterwegs. Die sind eine ganz besondere Spezies, vor allem weil sie ihr Marschgepäck selbst in der überfüllten Bahn mit sich herumschleppen. Und arglosen Fahrgästen um die Ohren hauen, die doch nur in Ruhe auf ihr Smartphone stieren möchten.

Halb aufgegessene Döner im Fahrradkorb, Kotze im Hausflur

Wobei ich mit den Rucksacktypen noch eher leben kann als mit den Party-Pubcrawl-Leuten, die regelmäßig ihre halb aufgegessenen Döner in meinem Fahrradkorb parken und uns den Hauseingang vollkotzen. Irgendwie ist den meisten Touristen ja tatsächlich eine gewisse Schamlosigkeit zu eigen, die dazu führt, dass sie sich woanders grundsätzlich seltsamer bis schlechter als zu Hause benehmen. Sich selbst von einem Straßenkünstler zeichnen lassen, mit Pantomimen und Maskottchen auf Fotos posieren, Tauben füttern, Hütchenspielern abartig viel Geld geben – und mit der nervigen Band in der S-Bahn mitklatschen. Zeigt mir den einen Menschen, der das auch bei sich in der westdeutschen Pampa macht.

Aber gut, uns bleibt nichts anderes übrig, als die Touri-Welle durchzustehen. Abwarten und Falafel essen – und dabei möglichst unauffällig aussehen. Und lassen Sie um Gottes Willen Ihr Bierbike in der Garage stehen!

Mehr von Nina Paulsen

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