Mein Berlin

Gruselige Wandlung: Aus Deutschland wird wieder Schland

Klopapier, Nudelsalat, Kaffeefilter – schon jetzt ist alles im schwarz-rot-goldenen WM-Look. Völlig übertrieben, findet Nina Paulsen.

Foto: BM/picture alliance

Berlin. Bald ist ja wieder Fußball-Weltmeisterschaft. Also, in drei Wochen und ein paar Zerquetschten, wobei es bis zum ersten Spiel der deutschen Nationalelf am 17. Juni sogar noch fast vier Wochen dauert. Ich habe das jetzt extra mal für uns nachgeguckt. Weil alle gefühlt ja irgendwie schon wieder mittendrin stecken in der Fußballhysterie, und man nur darauf wartet, dass die erste Boulevard-Zeitung ganz überraschend die Worte „Schwarz-Rot-Geil“ auf ihre Titelseite kippt.

Ja, aus Deutschland ist wieder Schland geworden. Wie bei den letzten großen Fußball-Events ist das eine geradezu gruselige Metamorphose – und ich bin froh, wenn das bald wieder vorüber ist.

Wobei man dabei den gleichen Gewöhnungseffekt erlebt, der sich jedes Jahr vor Weihnachten einstellt: Weil Lebkuchen und Dominosteine auch schon ab Spätsommer in den Regalen liegen, ist man am 24. Dezember wörtlich wie im übertragenen Sinne völlig überfressen. Das ist jetzt auch so, im Supermarkt ist nämlich längst schon wieder Schland unter – lange bevor der erste Ball überhaupt gerollt ist.

Im Angebot: Chips in der Geschmacksrichtung „Stadionwurst“. Was ungefähr so lecker klingt wie ein Brotaufstrich der Sorte „Schwimmhallen-Umkleidekabine“ oder ein Parfüm mit einem richtig schönen „U-Bahn-zur-Rushhour“-Duft. Dann gibt es: WM-Kaffee und WM-Kaffeefilter (!), worauf natürlich alle schon sehnlichst gewartet haben. Im Schwarz-Weiß-Look mit einem Fußball-Rasen auf der Packung. Und mit einem Schland-Tattoo als Beilage, dass man sich beim Kaffeekochen dekorativ auf die Backe oder den Handrücken kleben kann. Todschick. Damit zieht man im Büro bestimmt alle Blicke auf sich. Ich weiß ja nicht, was die da beim Kaffeehersteller geraucht haben, als sie dieses Wahnsinnsprodukt entwickelt haben – Fußball-Rasen war es hoffentlich nicht.

Joghurt in Schland-Edition

Besonders gut gefällt mir auch das Schland-Klopapier, „außen zart und innen stark“, wenn es jemand genau wissen will. Das ist mindestens so sinnvoll und absolut notwendig wie der Schland-Nudelsalat mit Schinkenwurst und Ei, der einem im Kühlregal entgegenlacht. Wer das nicht mag, kann aber auch auf Schland-Kartoffelsalat mit Gurke und Zwiebeln ausweichen – gerade nochmal Glück gehabt.

Zum Nachtisch gibt’s den Joghurt mit der Ecke in Schland-Edition mit Fußballkeksen drin. Natürlich kann man auch wieder Hanuta und Kinderriegel mit Sammelbildchen kaufen, Chips in schwarz-rot-goldener Dose sowie Weingummi, denn selbstverständlich hat auch der Haribo-Bär seinen Deutschland-Schal schon wieder an.

Apropos Accessoires: Ob sich in diesem Jahr auch wieder alle Autofahrer Radkappen in Nationalfarben, Überzieher für die Außenspiegel und diese komischen Mini-Fähnchen an ihren Wagen klippen? Und wird die Nationalmannschaft wegen alldem auch nur ein einziges Tor mehr schießen?

Eine Kette mit Wikipedia-Eintrag

Ein bisschen hoffe ich ja, dass Angela Merkel zumindest ihre Schland-Kette wieder aus dem Schmuckkästchen holt, dieses Ding mit schwarzen, roten und goldenen Elementen, das sie zum ersten Mal beim TV-Duell vor der Bundestagswahl 2013 trug – und unter anderem auch als Deutschland im Jahr 2014 Weltmeister wurde. Das kann man übrigens alles im Internet nachlesen, denn die Schlandkette hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Ich warte nur auf den Tag, an dem das auch für den Schland-Kaffeefilter gilt.

Enttäuscht bin ich bislang ja aber davon, dass es Schland-Duschgel und andere Kosmetika bislang nur im Männer-Regal gibt. Vielleicht will man als Frau ja auch mal nach Deutschland riechen, aber sowas fällt den ganzen Macho-Werbestrategen natürlich nicht ein.

Wir kriegen nur den üblichen Kokos- und Blütenkram und vielleicht mal was mit rosa Glitzer und Einhörnern geboten. Macht doch mal ein Schland-Shampoo mit Stadionwurst und Kartoffelsalat! Viel schlimmer kann es doch eh nicht mehr kommen ...

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