Mein Berlin

Berlin ist out - mal wieder

Alle lästern über die Stadt – mit teils absurden Argumenten. Liebe Kritiker, spart euch euren Neid! Die Kolumne von Nina Paulsen.

Seit Jahren ist es angesagt, sich über Berlin auszulassen

Seit Jahren ist es angesagt, sich über Berlin auszulassen

Foto: BM

Berlin. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" habe ich ein interessantes Interview gelesen. Der Programmchef des Internet-Streamingdienstes "Netflix" wurde dort befragt. Zum Beispiel nach dem Rezept für eine erfolgreiche Serie. Und ob "Netflix" schuld am Untergang des Abendlandes ist, weil nun niemand mehr ins Kino geht. Thematisiert wurde aber auch Berlin beziehungsweise eine neue Krimiserie, die hier gedreht wurde. Der Interviewer zum "Netflix"-Mann: "Wenn Sie das nächste Mal einen Krimi drehen, suchen Sie ein nicht so abgegrastes Terrain. Berlin ist durch." Und dann: "Es soll ja in Deutschland noch Leute geben, die nicht in Berlin leben. Die haben die Nase voll davon." Huch. Wer von uns hat dem denn in den Kaffee gespuckt?

Zum einen: Es gibt Leute, die nicht in Berlin leben? Echt? Glaube ich nicht. Immerhin hat jeder, der hier einmal mit dem Bus gefahren ist, eine Wohnung, einen Kitaplatz oder einen Orthopäden mit einem freien Termin vor 2022 gesucht hat, einen komplett anderen Eindruck. Zum anderen: Ja. Ist natürlich verständlich, dass man in Frankfurt Komplexe hat. Auch filmtechnisch. Wenn es im TV mal um die Stadt am Main geht, dann ausschließlich um die skrupellose Finanzwelt und fiese Banker. Was anderes gibt es dort ja nicht. Oder fallen hier irgendjemandem binnen drei Sekunden zum Beispiel die Namen der dortigen "Tatort"-Kommissare ein? Hm? Na, also.

Aber es ist ja sowieso schon seit Jahren angesagt, sich über Berlin auszulassen. Ob nun "FAZ" oder Hintertupfinger Tageblatt – irgendjemand schreibt immer, warum die Stadt mal wieder uncool geworden und der Hype vorbei ist. Und warum das hier sowieso nur ein stinkender Moloch voller Hipster und ohne Flughafen ist, in dem nichts mehr funktioniert. In der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" argumentierte ein Autor schon im Jahr 2016, man könne hier im Supermarkt nicht einmal mehr Fertig-Bolognese aus der Tüte kaufen, ohne dass einem geballte Verachtung der anderen Kunden entgegenschlage. Weil ja alle in Berlin nur noch ganz abgehoben bio, detox und supergesund essen. So ein Quatsch! Da ist mir doch glatt die Mikrowellen-Currywurst von der Gabel gefallen. Warum streichelt es die Provinzseele nur so sehr, sich immerzu an uns abzuarbeiten? Berlin schlechtzureden macht die anderen Städte doch auch nicht schöner. Oder spannender. Das gilt für Frankfurt – sonst würde es von dort ja auch mehr neue Serien und Filme geben – und auch für Düsseldorf, über das ich an dieser Stelle eigentlich auch gern etwas sagen würde, aber leider fällt mir so gar nichts zu Düsseldorf ein. Außer, dass es von dort nicht mal mehr einen "Tatort" gibt.

Wobei man das Ganze auch positiv sehen kann: Ist doch gar nicht schlecht, wenn der Rest der Welt jetzt denkt, in Berlin sei nichts mehr zu holen. Dann wird es vielleicht sogar mal etwas leerer hier und wir kommen leichter an Wohnungen, Sitzplätze im Bus und Arzttermine. Wir könnten "Berlin ist abgegrast" auf große Banner schreiben und "Hier keine Fertig-Bolognese". Und diese Banner dann am Flughafen, am Hauptbahnhof und an den Autobahnausfahrten aufhängen. Vielleicht dreht ja jemand um. Aber ich fürchte, diese Hoffnung ist vergebens. Mit Berlin ist es leider so wie mit Kindern. Beides ist ein Thema, bei dem jeder glaubt, mitreden zu können. Das kennen nämlich alle Mütter und Väter: Als Eltern bekommt man oft ungefragt Erziehungstipps – vor allem von Leuten, die selbst keine Kinder haben. Dementsprechend bekommt Berlin gerne mal Tipps von Leuten, die gar nicht hier leben.

Na ja, damit müssen wir wohl notgedrungen klarkommen. Immerhin können wir uns dabei aber zurücklehnen und entspannt viele gute Serien aus Berlin angucken. Gerade lief ja die neue Staffel von "Weissensee" und bald soll ja auch eine Serie über das KaDeWe starten. Darauf freue ich mich schon.

Und wer es nicht so mit Fernsehen hat: Diese Stadt lässt sich auch wunderbar in der Realität genießen, zum Beispiel bei einem Picknick an der Spree. Mit oder ohne Bolognese.

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