Mein Berlin

So kann einem die M10 den Sommer vermiesen

Eine tiefgekühlte Berliner Tram und ihre fatalen Folgen: Wenn schöne warme Tage plötzlich zur Qual werden.

Wenn an heißen Sommertagen öffentliche Verkehrsmittel zu Kühlschränken auf Schienen mutieren, ist eine Sommergrippe vorprogrammiert, weiß unsere Autorin Nina Paulsen aus eigener leidvoller Erfahrung

Wenn an heißen Sommertagen öffentliche Verkehrsmittel zu Kühlschränken auf Schienen mutieren, ist eine Sommergrippe vorprogrammiert, weiß unsere Autorin Nina Paulsen aus eigener leidvoller Erfahrung

Foto: picture alliance / Robert Kalb

Berlin. Liebe Sommergrippe! Da hast du also mal wieder zugeschlagen. Herzlichen Glückwunsch, die winterliche Erkältungssaison ist ja auch gerade mal ein paar Wochen vorbei. Da ist es natürlich höchste Zeit, den Menschen endlich mal wieder auf die Nerven zu fallen. Also: mir. In einer Woche, in der die Temperaturen auf mehr als 30 Grad klettern, gehöre ich zu den Pechvögeln, die sich schniefend, hustend und niesend durch Berlin bewegen, als sei das hier nicht die heiß glühende Großstadt, sondern die verdammte verschneite Ödnis Sibiriens. Ganz toll, vielen Dank. Im Namen aller, die du auch gerade in deinem Griff hast, möchte ich voller herzlicher Antipathie sagen: Sommergrippe – ich hasse dich. Lass mich endlich in Ruhe und verschwinde aus dieser Stadt.

Ich weiß noch genau, wo wir uns begegnet sind. Es war in einer Tram der Linie M10 am Hauptbahnhof. Draußen rumpelten die Leute schwitzend mit ihren Rollkoffern über den Asphalt, drinnen in der Bahn hätte sich jedoch allenfalls eine Pinguinfamilie wohlgefühlt. Es wird ja viel gemeckert über die BVG und darüber, wie unangenehm es in heißen, stickigen und stinkenden Wagen voller Menschen ist. Stimmt ja auch. Aber muss man gleich so übertreiben? Die Klimaanlage in besagter M10 war volle Pulle aufgedreht, als gelte es, die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk aufzuhalten. Jeder, der nicht rein zufällig eine Polarjacke in seinem Gepäck hatte, schlotterte wie eine Tiefkühlgans. Es würde mich nicht wundern, wenn nach der Fahrt die komplette Tramladung krank geworden ist. Liebe Ex-M10-Mitreisende, wenn ihr das jetzt lest: Ich hoffe, es geht euch nicht allzu schlecht. Und ich hoffe, eure Kollegen in der Werkstatt, im Laden oder im Büro müssen nicht allzu sehr unter eurem kehligen Husten leiden.

Ey Sommer, du kannst ganz schön nervig sein!

Meine Kollegen tun dies nämlich gerade, die Armen. Aber sie ertragen das Gebelle geradezu heldenhaft und mit wunderbarem Gleichmut. Überhaupt fällt ganz leidenssolidarisch jedem irgendetwas dazu ein, warum der Sommer nämlich mitnichten nur Milch, Honig und Feierabendbier an der Spree bedeutet – sondern auch ein Date mit lustigen Pharmazeutika, Stress und Schlaflosigkeit. Denn da ist ja zum Beispiel die Sache mit dem Heuschnupfen und der Pollenallergie. Irgendwas fliegt im Moment ja immer und wer da empfindlich ist, kommt aus dem Niesen und dem Herumschleppen einer Familienpackung Taschentücher sowie Anti-Pollen-Pillen gar nicht mehr raus. Tja, solcherlei Probleme hat man im Winter nicht! Und mein Kollege Stefan beklagte sich eben darüber, im Moment so schlecht zu schlafen – immerhin wird es morgens ja schon so wahnsinnig früh hell. Wie soll man sich denn so nur richtig erholen?

Und dann die Wärme, puh, besonders in Altbauwohnungen ist das manchmal kaum auszuhalten. Ab Juli kann man sowieso nur noch auf den halbwegs kühlen Badezimmerfliesen nächtigen – oder auf dem Balkon, wenn man denn einen hat. Einen Unterschied macht das eh nicht mehr, weil Mücken und Spinnen sich sowieso schon längst drinnen eingenistet haben. Und wenn man sich tagsüber abkühlen will, kann man ja in ein Frei- oder Strandbad gehen und sich darüber freuen, dass halb Berlin exakt die gleiche Idee hatte – und dass man sich dann Handtuch an Handtuch mit Sybille aus Marzahn und mit Hartmut aus Spandau auf einer vergilbten Wiese räkeln darf. Ey Sommer, ich weiß gar nicht, ob du es wusstest: Aber du kannst ganz schön nervig sein!

Aber ach, ich sage das alles natürlich nur aus einer grippeschweren Melancholie heraus. Neid ist ein böses Gift und in Wahrheit bin ich natürlich nur auf alle neidisch, die gerade gesund und fit diese wunderschöne Berliner Zeit der Wonne und Wärme genießen dürfen. Ich will das ja auch alles: Badesee, Feierabendbier am Wasser und laue Abende. Na ja, bald ist es wieder so weit! Bis dahin: Augen zu und durch. Und bloß nicht mehr in die M10 steigen.

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